Wie Kinder lernen… und lernen

Fairhaven School

Die zwei grundsätzlichen Prinzipien der Fairhaven School sind, natürlich, Freiheit und Demokratie. Da diese zwei Ideen schon von sich aus vernünftig und anständig sind, verlieren wir aber manchmal den Blick für ihre Bedeutung als Eckpfeiler der Bildung, für die Tatsache, daß sie die Bedingungen schaffen, unter denen wirkliches Lernen am besten geschehen kann.

In der Welt der Lern- und Psychologieforschung gibt es zwei grundsätzliche Auffassungen davon, wie Lernen stattfindet. In traditionellen Schulen wird Lernen als ein Prozeß der Übertragung angesehen – vom Erwachsenen zum Kind oder vielleicht vom Buch zum Kind. Ein Kind wird im wesentlichen als ein leeres Glas angesehen, in welches das Lernen hineingefüllt (oder gepaukt) werden muß. Vor einiger Zeit haben Forscher zu definieren begonnen, was schon immer wahr gewesen ist – nämlich, daß Lernen tatsächlich ein Konstruktionsvorgang ist. Kinder eignen sich Wissen nicht an, sie erschaffen es. Sie bauen von innen nach außen ihr Verständnis von der Welt auf.

Von ihrem ersten Lebensjahr an sind Kinder kleine Mechaniker, Sprach- und Naturwissenschaftler, die Theorien darüber entwickeln, was Dinge bedeuten und wie sie funktionieren, die ihre Theorien in vielen verschiedenen Situationen testen und sie überarbeiten, wenn neue Erkenntnisse und neues Wissen im Widerspruch zu ihnen stehen. Das heißt nicht, daß Kinder in einem Vakuum lernen, daß nichts, was wir sie “lehren”, eine Rolle spielen würde. Es bedeutet, daß sie das, was wir sagen (und besonders was wir tun), mitnehmen und zusammen mit anderen Sachen, die sie selbst herausfinden, für sich einen Sinn daraus machen. Wenn du diesen Prozeß noch nicht bemerkt hast, schau deinen Kindern eine Weile lang genau zu. Du wirst anfangen zu sehen, daß Lernen bei jedem Gespräch mit einem Freund, bei jedem imaginären Kriegsspiel, bei jedem Spaziergang zum Kaufhaus passiert.

Die Schulen haben halbherzige Versuche unternommen, diese (für sie) neuen Forschungsergebnisse zu berücksichtigen, indem sie den Kindern erlauben, das zu “entdecken”, wovon die Lehrer bereits beschlossen haben, daß sie wollen, daß die Kinder es lernen; oder indem sie einen “ganzsprachlichen Ansatz” verwenden, der den Kindern erlaubt zu lesen und zu schreiben, ohne daß ihre Fehler korrigiert werden (bis sie dann in die zweite Klasse kommen). Aber solange die Schulen das, was einmal bedeutende Ideen waren, in eine Serie von winzigen (bedeutungslosen) Schritten zerteilen und darauf bestehen, daß Kindern nur das/ derart/ dann lernen, wovon/ wie/ wann die Lehrer wollen, daß sie es lernen, solange kann der natürliche Wissensaufbauprozeß nicht voll funktionsfähig arbeiten.

Die Beschreibung des Schulkritikers John Holt, wie Erzieher ein Baby unterrichten könnten, sprechen zu lernen, demonstriert wunderbar die Kontraproduktivität der traditionellen Unterrichtsmethoden:

Als erstes würde eine Art Expertenkomitee die Sprache analysieren und sie in eine Anzahl von unterschiedlichen “Sprach-Schwierigkeitsstufen” unterteilen. Da Sprache aus Geräuschen besteht, würden wir wahrscheinlich sagen, daß ein Kind alle Geräusche der Sprache zu machen gelehrt werden muß, bevor es darin unterrichtet werden kann, die eigentliche Sprache zu sprechen. Zweifellos würden wir die Geräusche auflisten: die einfachsten und gebräuchlichsten zuerst, die schwierigeren und selteneren danach. Dann würden wir beginnen, Kinder in diesen Geräuschen zu unterrichten, indem wir unsere Liste von oben nach unten abarbeiten … Alles wäre geplant und nichts dem Zufall überlassen; es würde eine Menge Übungen, Überprüfungen und Tests geben, um sicher zu gehen, daß er nichts vergessen hat.

Stell dir vor, wie verheerend dieser Prozeß für Kinder, die gerade versuchen, sprechen zu lernen, wäre. Die meisten Kinder in der Schule haben es satt, immer wieder Sachen wiedergeben zu müssen, für die sie sich nicht haben entscheiden dürfen. Wirkliches Lernen beginnt entweder, stillgelegt zu werden, oder findet dann nur noch außerhalb des Klassenzimmers statt. Neugier wird abgetötet und Schule wird zu einem Wettkampf um Leistung oder zu einer sinnlosen Übung in Frustration, nicht zu einem Ort, an dem man lernt und groß wird.

Wie helfen wir also Kindern zu lernen, ohne den natürlichen Wissensaufbauprozeß zu unterbrechen? John Holt sagt: “Wirkliches Lernen ist ein Prozeß des Entdeckens, und wenn wir wollen, daß er stattfindet, müssen wir die Art von Bedingungen schaffen, unter denen Entdeckungen gemacht werden … Sie beinhalten Zeit, Freiheit und die Abwesenheit von Druck.” An der Fairhaven School, an der Kinder diese drei Dinge im Überfluß haben, ebenso wie jede Menge anregender Aktivitäten um sie herum, werden sie nicht nur Fähigkeiten erlernen und Fakten und Ideen. Kinder werden lernen, ihren eigenen Wissensaufbauprozeß zu perfektionieren, genau so wie man durch Praxis lernt, wie man ein Werkzeug gut handhabt. Sie werden lernen, ihr Wissen in Situationen des “wirklichen Lebens” anzuwenden, quer durch akademische “Fächer” und darüber hinaus. Nicht jede “falsche” Theorie wird ihnen korrigiert werden, nicht einmal bis sie die Schule verlassen. Ihre Spannweite des Wissens entspricht vielleicht nicht genau, oder noch nicht mal ungefähr, der eines traditionell geschulten Kindes. Aber sie werden wissen, wie sie Informationen ausfindig machen, sich Fähigkeiten aneignen und wichtigen Ideen eine Bedeutung beimessen. Ihr Leben wird auch weiterhin einen konstanten, intern geregelten Lernprozeß beinhalten, der ihnen helfen wird, solange ihr Leben und die Welt sich verändern und neue Dinge von ihnen verlangen.