Welchen Unterschied macht es?

Welchen Unterschied macht es, ob man auf eine Sudbury-Schule geht?

Fairhaven School

Auf unserem Informations-Treffen im März stellte ein skeptischer Vater eine sehr direkte Frage. Er erklärte, daß er, nachdem er von den Abgängern der Sudbury Valley School gelesen hat, davon überzeugt ist, daß diese Art von Bildung den Kindern in ihren zukünftigen akademischen Bestrebungen und ihrer Karriere nicht schaden wird. Aber wenn es gar keinen Unterschied macht, ob man den einen oder den anderen Weg nimmt, warum soll man ein Kind dann auf eine Schule des Sudbury-Typs schicken? Diese Frage ging mir einige Tage lang nicht aus dem Kopf. Es war so eine gute Gelegenheit gewesen, zu erklären, warum diese Form von Bildung so wichtig ist, und ich hatte die Gelegenheit einfach nicht genutzt. Ich würde ihm jetzt gerne nochmal antworten, diesmal mit dem Luxus von etwas mehr Voraussicht.

Wenn akademische Fähigkeiten und meßbar “erfolgreiche” Karrieren alles im Leben wären, würde ich mich tatsächlich fragen, ob dieser skeptische Vater in diesem Punkt Recht hatte. Das Leben ist aber erheblich reichhaltiger und komplexer als G.P.A.s und Gehaltsstufen. Tatsächlich sind die wirklich wichtigen Sachen im Leben nicht durch irgendwelche “objektiven” Standards meßbar. Logisches Denken und intuitives Verstehen sollen hier als Beispiele ausreichen. Vielleicht können wir für ein zukünftiges Zusammentreffen ein oder zwei Sudbury-Valley-Abgänger überreden, herzukommen und uns als Vorzeigeexemplar oder Fallstudie zu dienen, um das, wofür ich streite, zu unterstützen (oder zu widerlegen).

Kinder, denen tagein, tagaus gesagt wird, was sie tun sollen und wie sie es tun sollen; Kindern, denen selten erlaubt wird, Fehler zu machen; Kinder, die von früh bis spät mit vorbestimmten Aktivitäten beschäftigt werden; Kinder, die auf negative Weise hervorgehoben werden, wenn sie nicht perfekt mit dem Durchschnitt Schritt halten; Kinder, denen beigebracht wird, alles, was sie lernen, prüfen zu lassen und andere entscheiden zu lassen, ob sie es gelernt haben – diese Kinder unterscheiden sich normalerweise von Kindern, denen erlaubt wird, Risiken einzugehen, hin und wieder zu scheitern und es nochmal zu versuchen; von Kindern, die entscheiden dürfen, wofür sie sich interessieren; denen erlaubt wird, herauszufinden, was sie tun müssen, damit es geschieht; von Kindern, denen erlaubt wird, Leute zu finden, mit denen sie das tun wollen; und von Kinder, die für sich selbst entscheiden, wann sie das, was sie wollten, erreicht haben, und die allgemein ihr Leben in einer Gemeinschaft verbringen, in der sie was zu sagen haben. Man kann also mit Sicherheit sagen, daß sich Kinder in einer Sudbury-Modell-Umgebung bestimmte Eigenschaften oder Einstellungen aneignen, besonders, wenn sie dort mehrere Jahre verbringen.

Ich sehe sechs Qualitäten (und viele andere, damit zusammenhängende, die ich wünschte, Platz zu diskutieren zu haben), die von Sudbury-Modell-Schulen wesentlich stärker begünstigt werden als von traditionellen Schulen. Diese zu identifizieren, ist natürlich eine zu starke Vereinfachung eines komplexen Prozesses, also entschuldige mich bitte, daß ich diese Kategorien trotzdem verwende.

Selbstachtung: Zu Selbstachtung gelangen Schüler durch eine Kombination zweier Dinge: Zeit zu haben, sich selbst wirklich kennenzulernen, und dem eigenen Urteil über ihr Leben zu vertrauen. Selbstachtung entsteht auch dadurch, daß ihnen selbst Achtung entgegengebracht wird. Diese Qualität hilft, ihr Leben zu bereichern, indem sie ihnen z.B. erlaubt, offensiv auf den Zulassungsmenschen am College zuzugehen oder energisch in einer öffentlichen Anhörung aufzutreten, und auch den Vorrat an Selbstliebe zu stärken, der nötig ist, um sorgend und respektvoll mit anderen umzugehen.

Eigenmotivation: Wenn Kinder das tun, wofür sie sich interessieren, dann interessieren sie sich wirklich für das, was sie tun. Kleine Kinder müssen diese Fähigkeit nicht “lernen”. Sie ist so natürlich wie Atmen. Aber ältere Schüler brauchen Zeit, um ihre innere Motivation wiederzuentdecken. Schüler, die in traditionellen Schulen “erfolglos” waren, sind ausgebrannt. Schüler, die “erfolgreich” waren, sind von den Belohnungen abhängig geworden, die sie dafür erhielten, ein “guter Schüler” zu sein. Wenn Menschen eine eigene Motivation haben, dann können sie die Risiken eingehen, die das Leben lebenswert machen – seine eigenen Sachen machen, Ziele verfolgen, die Herz und Verstand erweitern. Diese Leute ziehen die Aktivität der Passivität vor. Sie interessieren sich dafür, herauszufinden, warum andere Menschen gerade so und nicht anders handeln.

Ausdauer: Wenn du Ausdauer sehen willst, dann sieh dir an, wie ein Kind laufen lernt: Zwei Schritte, Hinfallen, wieder Aufstehen, noch drei Schritte, Hinfallen, Aufstehen … Um ein Ziel unablässig zu verfolgen, braucht man ununterbrochene Zeit und Konzentration. An Sudbury-Schulen können die Schüler Wochen oder Monate damit verbringen, sich auf ein Thema zu konzentrieren. Musiker improvisieren stundenlang. Ein paar Jugendliche bauen tagelang an ein und der selben Baustein-Stadt. Kein Klingelzeichen, das einen zum Aufräumen veranlaßt; keine Mittagspause, die einen unterbricht. Niemand hat das Recht, die Aktivität eines anderen zu stören. Alle 40 Minuten das Thema oder Fach zu wechseln, wie es in traditionellen Schulen geschieht, wirkt sich verheerend auf die Fähigkeit zur Ausdauer aus. Aufgaben, erledigen zu müssen, für die man sich nicht interessiert, heißt Energie-Sparen zu üben – tu nicht mehr, als du tun mußt, um durchzukommen. Jeder weiß, was Ausdauer am Arbeitsplatz bedeutet. Man könnte auch den Unterschied nehmen zwischen der Aufforderung, sich eine Reihe 30minütiger TV-Shows anzugucken (worum auch immer es dabei geht) und der Anziehungskraft, die davon ausgeht, sich in ein Buch zu vertiefen, in dem es um eine Sache geht, die einen interessiert.

Persönliche Verantwortung: Verantwortung und Freiheit sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn Kindern nicht erlaubt wird, echte Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen, können sie keine persönliche Verantwortung lernen. Wenn Johnnys Fisch stirbt, weil er vergißt, ihn zu füttern, oder Susi gefeuert wird, weil sie ständig zu spät kommt, ist dies eine unschätzbare Lektion in Sachen Verantwortung. Unsere Gesellschaft neigt dazu, Kinder vor den Gefahren zu schützen, denen sie ausgesetzt sind, wenn sie hoch klettern, vor dem kalten Wetter, dem sie ausgesetzt sind, wenn sie ihre Jacke vergessen, vor den Fehlern, die sie bei der Vorbereitung aufs College machen können. Unser Beschützertum verdeutlicht ihnen immer wieder, daß sie nicht für sich selbst verantwortlich sind, daß sie es nicht sein müssen, weil jemand anders es ist. Wenn verantwortungsbewußte Schüler aufwachsen, erfinden sie keine Ausreden für ihr Verhalten. Sie wissen, daß sie für ihr eigenes Leben geradestehen müssen. Sie sind keine Opfer oder unfreiwilligen Teilnehmer. Sie wählen ihren Weg und sind darauf vorbereitet, ihn zu Ende zu verfolgen und die Verantwortung zu übernehmen, wenn sie scheitern.

Kreativität: Kreativität findet an Sudbury-Modell-Schulen in allen Bereichen des Schullebens statt. Schüler der Fairhaven School werden sich bei allem notwendigerweise auf ihre eigene Kreativität verlassen, angefangen beim Bauen einer Brücke über den Fluß, über das Beschaffen von Geld für einen Camcorder, bishin zu einem geeigneten Vorschlag im Justizkomitee als Konsequenz für Spitball Warfare2. In diesen Tagen werden eine Menge Lippenbekenntnise zur Bedeutung von Kreativität abgegeben. Und sie haben ja auch Recht. Das 21. Jahrhundert wird voll von Herausforderungen sein, auf welche die alten Lösungen keine befriedigende Antwort sein werden. Die Fähigkeiten, die von einem Arbeiter im 21. Jahrhundert verlangt werden, unterscheiden sich deutlich von denen unserer Generation. Die menschliche Kreativität und Flexibilität werden Grunderfordernisse des Überlebens sein.

Kompetenz: Diese Charakterisierung von Leuten von Sudbury-Modell-Schulen ist vielleicht nicht ganz richtig so. Eigentlich ist es eine Mischung aus Selbstvertrauen, Kreativität und Ausdauer. Aber mit der Zeit werden Leute, die ständig Herz, Hand und Verstand benutzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, ziemlich gut darin. Sich etwas selbst beibringen zu können, ist eine Fertigkeit – und mit Praxis wird sie besser. Wenn Sudbury-Schüler einem konkreten Stück Wissen nachgehen, dann fragen sie jeden, von dem sie glauben, er könnte ihnen helfen, suchen im Internet, lesen, spielen nervös mit irgendwelchen Kleinteilen herum und kritzeln bedeutungslose Sachen und denken nach; sie versuchen es und scheitern und versuchen es noch einmal … Sie finden den für sie besten Weg heraus, Informationen zu erfassen und Fähigkeiten zu erwerben. Sie wissen, in welchem Tempo sie am besten vorankommen und sie wissen auch, wann sie genug gelernt haben.

Wenn wir all diese Qualitäten und Eigenschaften vereinen, können wir uns z.B. einen sudbury-gebildeten Automechaniker vorstellen. Er hat die Selbstachtung, daß er weiß, daß er eine schwierige Aufgabe anpacken kann, und daß er seine Kunden mit Würde behandelt; er hat die Verantwortung, daß er seinen Job richtig macht, die Motivation, in dem Bereich weiter zu arbeiten, die Kreativität, ein kompliziertes Maschinen-Problem zu durchdenken und neue Sichtweise auszuprobieren, die Ausdauer, daran weiterzuarbeiten, bis er es hingekriegt hat und die Kompetenz zu wissen, wie er Hilfe bekommt, wenn er sie braucht, und auch die Kompetenz, die richtigen Fragen zu stellen und mit den Antworten etwas anfangen zu können. Und auch zuhause führt er ein Leben, in dem er sich für seine Umgebung interessiert, sorgend und achtend in seinen Beziehungen mit Familie und Freunden ist, und in dem er zuhause und in der Gesellschaft Verantwortung für seine Handlungen übernimmt … Gehe ich hier zu weit? Vielleicht. Aber Fairhaven School kriegt es besser als jede traditionelle Schule hin, diese Qualitäten der Schüler aufrecht zu erhalten und zu stärken. Und die Erfahrung, in einer Gemeinschaft zu sein, in der diese Qualitäten wirklich etwas wert sind, bereichert das Leben von Fairhaven Schülern noch lange nachdem sie die Schule verlassen haben.

2 Spitball Warfare ist eine vielen wohlbekannte Sache, die sich aber leider nicht auf Deutsch übersetzen läßt: gut durchgekautes Papier zu einer kleinen Kugel rollen und sie auf andere Leute schnipsen bzw. durch einen Strohhalm pusten.