Vergleich Sudbury – Wild

von Martin Wilke

Ein nicht unwesentlicher Teil der Leute im deutschsprachigen Raum, die auf das Sudbury-Schulmodell stoßen, haben zuvor vor allem vom Konzept der Pestalozzi-Schule (“Pesta”) von Rebeca und Mauricio Wild gehört und versuchen, es als Bezugsrahmen für die Einordnung der Sudbury-Schulen zu verwenden. Ich hingegen habe mich vor allem mit dem Sudbury-Modell beschäftigt und kann deshalb nur sagen, was mir gemessen am Sudbury-Modell am Konzept der Wilds auffällt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, möchte ich nun kurz einige grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen den zwei Schultypen sowie eine Reihe von Unterschieden benennen.

Gemeinsamkeiten

  • Zentrales Anliegen beider Schulen ist, daß die Schüler ihren Interessen folgen können und kein Druck oder Zwang ausgeübt wird, sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen.
  • Die Schüler werden nicht künstlich motiviert oder zu irgendetwas überredet. In beiden Schulen gibt es keinen Lehrplan. Die Mitarbeiter haben den Anspruch, die Schüler nicht in eine bestimmte Richtung zu lenken, sondern sie sich selbst entfalten zu lassen. Unterricht im Sinne von Kursen sind kaum mehr als eine Randerscheinung.
  • Wenn Kinder viel Zeit mit freiem Spielen verbringen, wird das nicht bloß toleriert, sondern auch als für sie wichtige Tätigkeit angesehen, die man nicht als nebensächlich abtun darf.
  • Es gibt keine Zensuren und keine Zeugnisse.
  • Einige ältere Schüler verbringen einzelne Tage der Woche mit Praktika in Betrieben.
  • Es gibt Altersmischung.
  • Ähnlich wie an Sudbury Valley reicht die Altersspanne der Schüler im Pesta vom Kindergartenalter bis 18 Jahre.

Unterschiede

Folgende Merkmale des Pesta sind an Sudbury Valley nicht zu finden:

  • Die Pesta-Schule basiert – anders als Sudbury Valley – auf der Vorstellung von Jean Piaget, daß sich die geistige Entwicklung des Kindes in drei Entwicklungsstufen vollzieht (zunächst entwickeln sich die Funktionen des Stammhirns, dann die des limbischen Systems und zuletzt jene der Hirnrinde). Kinder brauchen demzufolge eine Schulumgebung, die ihrer Entwicklungsstufe angepaßt ist. Daraus folgen zahlreiche Merkmale, die das Pesta von einer Sudbury School unterscheiden.
  • Die Schule unterteilt sich in einen Kindergarten für Kinder bis etwa 6 oder 7 Jahre, in eine Primarstufe für Kinder bis 12 oder 13 sowie eine Sekundarstufe für Schüler bis 18. Für jeden dieser Teile gibt es eigene Räume und Bereiche in der Schule.
  • Die Schule bietet in Anlehnung an Montessori-Schulen eine “vorbereitete Umgebung”.
  • Für jedes Thema gibt es in der Schule einen eigenen Bereich.
  • Zwar wird kein Schüler gedrängt, etwas bestimmtes zu lernen, aber durchaus davon abgehalten, Dinge zu lernen, die nach Ansicht der Mitarbeiter nicht seiner Entwicklungsstufe entsprechen. Die Schüler bekommen Zugang zu komplizierten Dingen erst, nachdem sie jeweils einfachere wirklich verstanden haben. Rein abstrakte Arbeit ist Schülern der Sekundarstufe vorbehalten. (An Sudbury Valley hingegen kommen auch kleine Kinder mit der ganzen Komplexität des Lebens in Berührung.)
  • Die vorbereitete Umgebung wird durch bestimmte Verbote geschützt: Computer dürfen nur von jenen Kindern benutzt werden, die bereits ihre sensomotorischen Fertigkeiten entwickelt haben. Kassettenrekorder und Radios sind nicht zugelassen, da sie unvorbereitete Elemente sind.
  • Ältere Schüler dürfen den Kindergarten-Bereich nur mit Erlaubnis betreten.
  • Die Mitarbeiter beobachten die Kinder aufmerksam und dokumentieren deren Handlungen. Anschließend werden diese in den wöchentlichen Mitarbeiter-Treffen diskutiert.
  • Die Schule wird nicht demokratisch geleitet. Die Grundregeln werden durch die Mitarbeiter vorgegeben und durchgesetzt. Die Kinder können nur zusätzliche Regeln schaffen.
  • Der Schultag dauert nur von 8 bis 12 Uhr. (In Sudbury Valley von 9 bis 17 Uhr)
  • Die Teilnahme an den wöchentlichen Versammlungen der Primar- bzw. Sekundarstufe ist Pflicht.
  • Das Arbeiten an einem Praktikums- oder Arbeitsplatz außerhalb der Schule ist jenen (mindestens 10 Jahre alten) Schülern vorbehalten, die von der Schule eine Erlaubnis dafür erhalten. Die bloße Suche nach Abwechslung gilt nicht als legitimer Grund. Der Schüler muß in der Lage sein, eine ernsthafte Entscheidung zu treffen und Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen.
  • Die Eltern der Schüler müssen sich verpflichten, den Ansatz der Schule auch zu Hause zu beachten. Kinder dürfen keinerlei Unterrichtung erhalten (z.B. Musikunterricht), bis sie 12 sind, und auch dann nur mit Genehmigung der Schule.
  • Bevor die Schüler in die Primar- bzw. Sekundarstufe eintreten, müssen die Eltern Pflicht-Kurse besuchen.
  • Während an Sudbury Valley die jüngsten Kinder vier Jahre alt sind, gibt es am Pesta auch zweieinhalbjährige.
  • Es werden keine neuen Schüler über 12 Jahren aufgenommen.