Unterricht

Daniel Greenberg

Mit Wörtern müssen wir vorsichtig umgehen. Es ist ein Wunder, wenn sie für zwei beliebige Menschen jemals das gleiche bedeuten. Meist ist das nicht der Fall. Wörter wie “Liebe”, “Frieden”, “Vertrauen” und “Demokratie” – jeder bringt diesen Wörtern eine Lebenserfahrung, eine Weltanschauung, entgegen, und wir wissen, wie selten wir diese mit anderen gemeinsam haben.

Nehmen wir das Wort “Unterricht”. Ich weiß nicht, was es in Kulturen bedeutet, die keine Schulen haben. Vielleicht gibt es bei ihnen dieses Wort überhaupt nicht. Den meisten Leuten, die es lesen, vermittelt es eine Fülle von Bildern: Einen Raum, in dem sich “Lehrer” und “Schüler” befinden. Die Schüler sitzen an Tischen und erhalten vom Lehrer “Anweisungen”. Dieser sitzt oder steht vor ihnen. Und es vermittelt noch mehr: eine “Unterrichtsstunde”, die feste Zeit, zu der der Unterricht stattfindet; Hausaufgaben; ein Lehrbuch, in dem der Unterrichtsstoff für alle Schüler klar dargelegt ist.

Und es vermittelt noch mehr: Langeweile, Frustration, Erniedrigung, Leistung, Versagen, Konkurrenz.

An Sudbury Valley bedeutet dieses Wort etwas ganz anderes.

Hier ist Unterricht eine Vereinbarung zwischen zwei Seiten. Es fängt mit einer oder mehreren Personen an, die sich entscheiden, etwas bestimmtes lernen zu wollen – sagen wir Algebra, oder Französisch, Physik, Rechtschreibung oder Töpfern. In vielen Fällen finden sie heraus, wie sie es alleine lernen können. Sie finden ein Buch oder ein Computerprogramm, oder sie schauen jemandem zu. Wenn das passiert, ist es kein Unterricht. Dann ist es einfach Lernen.

Dann gibt es Fälle, in denen sie es nicht alleine tun können. Sie suchen jemanden, der ihnen helfen kann, jemanden, der einverstanden ist, ihnen genau das zu geben, was sie wollen, damit das Lernen stattfindet. Wenn sie diese Person finden, schließen sie ein Abkommen: “Wir machen das und das, und du machst dies und jenes – okay?” Wenn alle Seiten einverstanden sind, haben sie gerade einen Kurs ins Leben gerufen.

Die, die das Abkommen anregen, werden “Schüler” genannt. Wenn sie sich nicht kümmern, gibt es keinen Unterricht. Meistens finden die Kinder an der Schule selbst heraus, was sie lernen wollen und wie sie es eigenständig lernen können. Unterricht gibt es nicht allzu oft.

Derjenige, der das Abkommen mit den Schülern eingeht, wird “Lehrer” genannt. Lehrer können auch andere Schüler der Schule sein. Normalerweise sind es Honorarkräfte, die für diesen Job eingestellt werden.

Lehrer an Sudbury Valley müssen bereit sein, Abkommen einzugehen, Abkommen, die die Bedürfnisse der Schüler befriedigen. Es gibt viele Leute, die der Schule schreiben, daß sie als Lehrer eingestellt werden wollen. Viele von ihnen erzählen uns lang und breit, wieviel sie Kindern “geben” müssen. Solche Leute sind für die Schule nicht geeignet. Uns ist wichtig, was die Schüler nehmen wollen – nicht, was die Lehrer geben wollen. Für viele professionelle Lehrer ist das schwer zu verstehen.

Die Unterrichts-Abmachungen beinhalten alle möglichen Angaben: Inhalt und Zeiten, Pflichten der beiden Seiten. Zum Beispiel muß der Lehrer, um das Abkommen zu schließen, sich bereiterklären, sich zu bestimmten Zeiten mit den Schülern zu treffen. Diese Zeiten können feste Zeiträume sein: eine halbe Stunde jeden Dienstag um 11 Uhr. Oder sie können flexibel sein: “Wann immer wir Fragen haben, treffen wir uns montags um 10, um sie zu bearbeiten. Wenn wir keine Fragen haben, treffen wir uns erst nächste Woche.” Manchmal wird ein Buch ausgesucht, das als Anknüpfungspunkt dienen soll. Für die Schüler ist es Bestandteil der Abmachung zu kommen. Sie stimmen z.B. zu, pünktlich da zu sein.

Kurse enden, wenn eine Seite genug von der Abmachung hat. Wenn die Lehrer herausfinden, daß sie das gewünschte nicht anbieten können, dann können sie sich zurückziehen – und die Schüler müssen, wenn sie den Kurs immer noch wollen, einen anderen Lehrer finden. Wenn die Schüler merken, daß sie nicht weitermachen wollen, müssen die Lehrer sich etwas anderes suchen, womit sich während der verabredeten Zeit beschäftigen.

Hin und wieder gibt es an der Schule noch eine andere Art von Unterricht. Dies ist dann der Fall, wenn Leute glauben, etwas Neues und Einzigartiges mitteilen zu müssen, das man nicht in Büchern findet und von dem sie glauben, daß es andere interessieren könnte. Sie bringen einen Zettel an: “Wer an demunddem interessiert ist, kann mich am Donnerstag um 10.30 Uhr im Seminarraum treffen”, und warten. Wenn Leute kommen, dann geht’s los. Wenn nicht, dann eben nicht. Leute können auch beim ersten Mal kommen und, wenn es ein zweites Mal gibt, sich entscheiden, nicht wieder hinzugehen.

Ich habe so etwas einige Male gemacht. Beim ersten Treffen finden sich gewöhnlich recht viele ein: “Mal sehen, was er zu sagen hat.” Beim zweiten Mal kommen schon weniger. Schließlich habe ich eine kleine Gruppe, die sich wirklich dafür interessiert, was ich zu dem Thema zu sagen habe. Für sie ist es eine Art von Unterhaltung, und für mich (und andere) ein Weg, die anderen wissen zu lassen, wie wir denken.