Tag der Finsternis

von Sharon Kane

Eines Tages, Mitte Juni, gab es eine groß angekündigte Sonnenfinsternis. Als ich an diesem Tag ins Schulgebäude kam, baten mich einige meiner Klavierschüler, wegen der Finsternis den Termin zu verschieben. „Ihr meint, ihr wollt deshalb heute euren Kurs ausfallen lassen?“, fragte ich ungläubig. „Ja, wir wollen sie uns ansehen. Bitte, bitte, bitte?“ – „Na ja, OK, Ich kann euch auf später in dieser Woche verlegen. Klar, kein Problem.“

Ich unterrichtete die Frühkurse und machte eine Kaffeepause. Die Küche war merkwürdig ruhig. Ich bemerkte ein reges Treiben auf der Veranda und ging nachsehen. Eine ungewöhnlich große Schülerzahl versammelte sich auf der Veranda und um das Four-Square-Feld. Eine Staffelei wurde aufgestellt. Einige Kinder reichten gerahmte Mylar-Filme herum und betrachteten durch sie die Sonne. Ich bekam einen in die Hände und schaute hindurch. Es war wirklich aufregend zu sehen, wie sich der Mond langsam vor die Sonne schob.

Auf der Staffelei befanden sich einige Karten mit Löchern drin. Ein kleiner Junge versuchte herauszufinden, was man mit so einer Karte anstellt. Ich erinnerte mich sofort gut dreißig Jahre zurück, an die Leinwand und das Teleskop meines Nachbarn. Ich sah das Bild der Finsternis auf der Staffelei. Es sah interessant und verrückt aus. Was es bedeutete und wie es funktionierte, verstand ich damals nicht. Der Nachbar war schon verrückt genug, aber noch verrückter war, daß er wissenschaftliche Sachen in der Einfahrt seines Grundstücks machte. Wissenschaft gehörte doch in die Schule, nicht in die Einfahrt.

Ich zeigte diesem kleinen Jungen, wie man die Karte benutzt, und versuchte zu erklären, was er da sieht. Er sagte: „Oh, cool“ und rannte weg.

Ich wollte noch mal durch den Film einen Blick auf die Finsternis werfen, und nach einigem Warten war ich dran. Der Mond verdeckte nun mehr von der Sonne. Das Energie-Level auf der Veranda war angestiegen wie auch die Zahl der Schüler. Ich bemerkte Kinder auf der Tanzraum-Veranda, die ihre eigene Ausrüstung für die Beobachtung aufgebaut hatten.

Mir war nach einem weiteren Blick, und während ich wartete, bis ich wieder dran bin, merkte ich, daß es auf der Veranda etwa 50 Kinder und nur fünf Filme gab. Ich war beeindruckt, wie jeder sich geduldete, bis er dran ist, und wie ruhig jeder den Film danach weitergab. Kein Ansichreißen, keine häßlichen Ausdrücke; einfach Aufregung und Hochspannung.

Der kleine Junge von vorhin kam zurückgerannt und schaute direkt in die Sonne. Sofort sagten ihm etliche Kinder, er könne sich dabei verletzen, und zeigten ihm, wie man den Film benutzt. Er guckte hindurch, sagte „Wow“, und rannte wieder weg.

Ein paar Mädchen warteten auf den Pizza-Service oben am Parkplatz. Ihre Freunde schrien aus voller Kraft, sie sollten herunterkommen, so schnell sie nur können, denn gleich sei die Finsternis vollkommen.

Einige Teenager schlenderten auf die Veranda, in gebatikten T-Shirts, die Haare kräftig gefärbt und mit diversem Körperschmuck. Sie wollten wissen, was vor sich ging, und als sie es hörten, schauten sie direkt in die Sonne. Sofort erklärten andere ihnen, daß dies ihre Augen verletzen könnte, und zeigten ihnen andere Beobachtungstechniken. „Cool“, sagten sie und schlenderten weiter.

Der Höhepunkt war mittlerweile nahe. Himmel und Landschaft färbten sich dunkler. Es wirkte ein bißchen unheimlich. Dann bemerkte ich die Schatten der lila Blätter auf der Veranda. So etwas hatte ich noch nie gesehen: Jeder Schatten von jedem Blatt hatte die Form einer Sichel. Hunderte sichelförmiger Schatten gingen von einem Busch mit herzförmigen Blättern aus. Es war fantastisch.

Die Finsternis erreichte ihren Höhepunkt. Das Energie-Level war nun auf seinem höchsten Niveau überhaupt. Viele Unterhaltungen, viel Beobachten. Filme wurden mit schwindelerregendem Tempo herumgereicht. Kinder rannten von der Veranda runter und kehrten gleich auf sie zurück. Zum zigtausendsten Mal spürte ich mein Glück, an einer Schule zu arbeiten, deren Schüler ungehindert losziehen können, um die gelegentlichen Ereignisse der Erde zu erleben und vor Freude zu schreien, wenn sie sich so bewegt fühlen.

Allmählich legte sich die Aufregung. Die Leute gingen auseinander, wandten sich anderen Dingen zu. Die Schatten der lila Blätter waren immer noch sichelförmig, aber in die andere Richtung gekrümmt, denn mittlerweile hatte der Mond die Mitte der Sonne passiert. Ich fühlte mich so privilegiert, dieses Erlebnis auf der Veranda mit so vielen Leuten geteilt zu haben.

Den ganzen Tag hindurch blieb ich in dieser Hochspannung.

In einer nahegelegenen Stadt gab ich meine erste Klavierstunde nach der Schule, und als ich ankam, fragte ich das junge Mädchen: „Was denkst du über die Finsternis heute?“ – „Die Finsternis?“, fragte sie. „Oh, nein, wir durften heute nicht rausgehen, wegen der Finsternis. Wir bekamen nicht einmal eine Pause!“