Regeln, Respekt und Verantwortung

Warum wir keine “Schule ohne Regeln” sind

Fairhaven School, Upper Marlboro, Maryland

Ein Artikel in einer Lokalzeitung in Massachusetts beschrieb Sudbury Valley kürzlich als eine “Schule ohne Regeln”. Offenbar hatte der Reporter nicht das 30 Seiten umfassende Regeln-Buch gesehen, das die Schulversammlung (im Laufe von 30 Jahren) entwickelt hat und an das sich alle Schüler und Lehrer halten müssen. Warum brauchen unsere Schulen so viele Regeln? Es ist die gleiche Frage, die man sich auch gestellt hat, als Demokratie zum ersten Mal auftauchte. In Abwesenheit einer allumfassenden Autoritätsperson – König, Eltern, Lehrer – sind Regeln das Rückgrat einer gerechten und geordneten Gesellschaft. Sorgfältige Beachtung des Verfahrens der Aufstellung und Durchsetzung von Regeln ist ein notwendiger Bestandteil jeder Demokratie.

In den Köpfen der meisten Leute gibt es im wesentlichen zwei Methoden, Kinder großzuziehen – die autoritäre und die freizügige. In der einen werden die Regeln vom Erwachsenen gemacht und durchgesetzt, und in der anderen gibt es keine Regeln oder die Regeln sind immer abhängig von Verhandlungen und Manipulation. Die eine Methode ist starr und diszipliniert, die andere ist liebenswürdig und warm. Die eine bricht den Willen und fordert Widerstand heraus, die andere läßt Verantwortlichkeit außer acht und lädt zum Sich-gehen-lassen ein.

Die Stärke der Demokratie des Sudbury-Modells ist, daß es eine Alternative zu beiden Ansätzen, mit Kinder zu leben, bietet. Kinder an Schulen des Sudbury-Modells werden mit Respekt behandelt und keiner willkürlichen Autorität ausgesetzt. Andererseits sind sie voll verantwortlich für ihre Taten und erfahren tatsächliche Konsequenzen, wenn sie die von der Gemeinschaft festgelegten Regeln verletzen. Die Freiheit der Bildung ist ganz klar abgewogen gegen die Erwartung – das Erfordernis -, daß jeder den anderen mit Respekt behandelt und Vereinbarungen verantwortlich einhält.

Dieser Ansatz hat seinen Preis. Einige Leute sind von der Anzahl der Regeln, die eine Sudbury-Schule erschafft, angewidert, und auch von dem großen Zeit- und Energieaufwand, der der Durchsetzung dieser Regeln gewidmet wird. Manchmal treffen sich die Schüler stundenlang in einem Justizkomitee, wo sie dann Zeugen aufrufen, frühere Verstöße durchsehen, Angelegenheiten der Fairneß und des Respekts gegenüber der Gemeinschaft diskutieren. Solche scheinbar kleinen Anlässe, wie ein zerschlagender Kürbis oder zum dritten Mal Müll in der Bibliothek liegengelassen zu haben, kann zu ernsthaften Konsequenzen führen, wenn sie die Verantwortung verletzen, die jedes Mitglied der Gemeinschaft gegenüber den anderen hat.

Jüngeren und anderen neuen Schülern kann schon die Zusammenkunft des Justizkomitees an sich wie eine Strafe erscheinen. Einer Gruppe von größeren Kindern und Lehrern gegenüberzustehen, kann ziemlich einschüchternd wirken. Aber die Botschaft, die ein Fünfjähriger erhält, wenn er den gleichen “Erwachsenen”-Prozeß wie der Rest von uns durchläuft, ist, daß er ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft ist, voll einbezogen, voll respektiert und voll verantwortlich. Wenn die Zeit gekommen ist, selbst im Justizkomitee tätig zu sein, erleben sie den Prozeß von der anderen Seite. Ihnen wird klar, wie schwierig es eigentlich ist, unvoreingenommene Fairneß anzustreben und wie komplex Gerechtigkeit wirklich ist.

Manchmal scheinen die Konsequenzen ziemlich streng zu sein. Ein Fünfjähriger wird für zwei Tage suspendiert, weil er eine wichtige Auflage des Justizkomitees mißachtet hat; ein Lehrer darf zwei Tage lang nicht in die Küche, weil er den Abfall von einem Back-Projekt nicht weggeräumt hat. Ein Siebenjähriger muß zwei Stunden bei der Schulversammlung Wache stehen, weil er eine Woche zuvor quer durch den Versammlungsraum gerannt ist; ein 16jähriger wird mit sofortiger Wirkung und ohne zweite Chance ausgeschlossen, weil er während der Schulzeit ein Staatsgesetz verletzt hat.

Was diese “Strafen” von jenen in traditionellen Schulen oder in den meisten Familien unterscheidet, ist, daß sie von Gleichgestellten kommen, von der eigenen Gemeinschaft, von einer Gemeinschaft, die danach strebt, eine Atmosphäre von Respekt und Freiheit zu erhalten. In einer gedeihenden Sudbury- Schule werden Freundschaften nur selten von Konsequenzen des Justizkomitees beeinträchtigt; so etwas wie Verpfeifen gibt es nicht; und von Unehrlichkeit im Justizkomitee hört man praktisch nie. Kinder verstehen, daß in einer Schule, die vollständige Unabhängigkeit gewährt und Kindern aufrichtig vertraut, Entscheidungen über ihr eigenes Leben und Lernen zu treffen, wirkliche Freiheit vor Nichtrespekt und Chaos geschützt werden muß.

Einige Leute weisen auf “Herr der Fliegen” hin, wenn sie hören, daß an Fairhaven Schüler “die Schule leiten”. Sie haben Angst, daß es einen latent faschistischen Impuls gibt, der Kinder dazu bringen würde, grausame und ungewöhnliche Strafen gegeneinander zu verhängen. Aber man muß sich vor Augen halten, daß die Kinder in “Herr der Fliegen” ja gerade von einem autoritären britischen Internat kamen. Hierarchie und brutale Gewalt waren das, was sie kannten, und was sie in die Praxis umsetzten. Wären diese Kinder von einer Schule des Sudbury-Modells gekommen, hätten sie auf ihrer Insel wohl einen demokratisch-rechtsstaatlichen Prozeß nachgebildet. Kindern an Sudbury-Schulen liegt die Kultur ihrer Schule und der Entscheidungsfindungsprozeß sehr am Herzen. Sie achten sehr darauf, andere mit Fairneß und Mitgefühl zu behandeln, da sie schließlich das nächste Mal selbst vor dem Justizkomitee stehen könnten.

Viele der “Freien Schulen”, die in den 60er und 70er Jahren gegründet wurden, waren nicht bereit, klare Richtlinien für die Entscheidungsfindung sowie Verhaltensregeln einzuführen. Der Glaube, daß natürliche Neugier die für wirkliches Lernen notwendige Kraft ist, wurde mit der Ablehnung von “Power Trips” und jeglicher Formalität verbunden. Viele dieser Schulen endeten einfach in Chaos und Verbitterung, oder einfacher Unordnung, weil sie unfähig waren, einerseits Bildungsfreiheit und Respekt für den Einzelnen zu ermöglichen und gleichzeitig Lähmung durch Unentschlossenheit und Beliebigkeit des Verhaltens vorzubeugen. Sudbury Valleys Erfolg und Langlebigkeit war und ist immer noch unzweifelhaft darauf zurückzuführen, daß die Schule versteht, daß Freiheit Ordnung erfordert und daß Respekt juristischen Prozeß unter Bedingungen konsequenter Fairneß (wie auch Sorge und Mitgefühl) erfordert.

Indem wir sicherstellen, daß wir uns gegenseitig respektvoll behandeln und unseren Pflichten nachkommen, praktizieren wir das, was wir predigen, wie Menschen lernen. Wir lernen etwas über das Leben, indem wir es leben; wir lernen etwas über Respekt, indem wir respektiert werden; wir lernen etwas von Verantwortung, indem wir sie zugestanden bekommen, ihr Gewicht fühlen und eine Schlußfolgerung für uns daraus ziehen. Das heißt nicht, daß wir keine Fehler machen, schließlich sind wir ja Menschen und relativ unerfahren. Aber Fehler sind ja gerade Gelegenheiten, seine Herangehensweise zu verbessern und es noch mal zu versuchen. Indem wir Schülern mit ihren eigenen Entscheidungen und mit der demokratischen Leitung der Schulgemeinschaft vertrauen, sagen wir ihnen, daß sie Respekt verdienen, daß sie fähig und verantwortlich sind, und daß wir von ihnen als Einzelne und als Schule nicht weniger erwarten.