Klingeln

von Martha Hurwitz

7.48 Uhr höre ich an jedem Werktagmorgen das erste Klingeln. Gewöhnlich schlürfe ich gerade meinen Kaffee. Zu Anfang des Schuljahres, wenn die Tage warm sind und meine Küchentür offensteht, kann ich dem flachen monotonen Geräusch der weiblichen Stimme zuhören, das durch die Lautsprecheranlage dringt. Kurz darauf ertönt eine andere Klingel (es ist ganz sicher kein Bimmeln), und ich stelle mir Massen gleichgroßer und gleichgekleideter Schüler vor, die sich durch die Gänge bewegen wie Autos über eine stark befahrene Kreuzung. Mittlerweile treffe ich die letzten Vorbereitungen für meinen Anfahrtsweg nach Sudbury Valley. Obwohl die Schule mit den Klingeln nur einen Steinwurf von meinem Haus entfernt liegt, pendele ich lieber zweimal am Tag je 45 Minuten, um die Freiheit zu haben, auf die Sudbury Valley gebaut ist.

Freiheit in der Schule nebenan – das scheint unmöglich. Die Klingeln selbst verraten, wie fern Freiheit dort ist. Sie fordern: Bist du gerade da, wo du jetzt sein sollst? Tust du gerade, was du tun sollst? Hast du getan, was von dir erwartet wird? Besonders, wenn sie gerade aus den Sommerferien zurückgekehrt sind, stelle ich mir vor, welch große Umstellung die von den Klingeln gesteuerten Schüler durchleiden müssen. Nach dem recht freien Leben der Sommerferien werden sie im Schuljahr fast völlig ihres Selbsts beraubt.

Selbstverständlich gibt es an Sudbury Valley keine Klingeln; ihre mahnenden Fragen haben hier keinen Platz. Wenn ein neues Schuljahr beginnt oder ein neuer Schüler zu uns kommt, erleben allerdings auch Sudbury-Valley-Schüler einen Übergang. Was aus den Ferien zurückkehrende Schüler, neue Schüler, Eltern und sogar Mitarbeiter typischerweise erleben, wenn sie sich in das Schuljahr an Sudbury Valley einleben, mag als verblüffende Umkehrung des anderswo üblichen erscheinen. Bei uns besteht die Schwierigkeit darin, sich an die Freiheit zu gewöhnen – nicht darin, sie aufzugeben. So willkommen die Möglichkeit von Freiheit sein mag, sie ist nicht immer leicht zu erreichen. Sie ist vielmehr eine enorme Herausforderung. Die Schulmitglieder sind auf mehrfache Weise betroffen: Als Individuen, von denen jedes ein einzigartiges Selbstwertgefühl hat, als Mitglieder der Sudbury-Valley-Gemeinschaft und als verantwortliche Bürger in der weiteren Gesellschaft.

Für neue Schüler ist der Übergang beim Schuljahresbeginn an Sudbury Valley wohl besonders tiefgreifend. Sie müssen nicht nur aus den Ferien in die Schule wechseln, sondern auch ihre Vorstellungen darüber ändern, was überhaupt eine Schule ist. Einigen mag die SVS wie eine Fortsetzung der Ferien scheinen, oder als hätten sie die Schule abgebrochen, um nun etwas leichtsinniges oder sogar unrechtmäßiges zu tun. Wenn jüngere Schüler neu an unsere Schule kommen, passen sie sich meist ohne großes Zögern an; sie sind noch nicht so durch Erwartungen belastet. Ältere neue Schüler hingegen neigen zum Stottern und „Absaufen“, wie ein Automotor, der erst eine Aufwärmphase braucht. Jahrelang wurden sie gedrängt oder gezwungen, statt ihren natürlichen Neigungen den Vorgaben eines durch Klingeln geregelten Lebens zu folgen. Viele waren dabei früher „gute“ Schüler, die alles taten, was man ihnen sagte, und es gut taten; viele von ihnen spürten dennoch heftig, wie uneins sie mit ihrem Leben waren. Die anderen waren die „schlechten“ Schüler, jene, die den Strukturen und Anweisungen nicht erlagen, die ihnen aufgenötigt wurden. Für beide boten die Ferien vielleicht die einzige Chance, einmal selber zu entscheiden, was sie tun wollen.

Diesen neuen Schülern geht es bei uns dann ähnlich wie seinerzeit den Sklaven nach der Freilassung. Generationen hindurch hatten die Sklaven kaum einen Namen, mit dem sie ein Gefühl der persönlichen Identität hätten bilden können. Sich nach der Freilassung einen Namen auszusuchen, war ein sowohl kraftgebender als auch symbolischer Akt. Es bedeutete: Von nun an ist der frühere Sklave ein vollwertiger Mensch mit einem Selbstwertgefühl. Viele neue SVS-Schüler beschreiben, sie haben sich an ihrer früheren Schule wie eingesperrt und zum Narren gehalten gefühlt. Ihre Freiheiten waren nicht wie bei den Sklaven völlig entzogen, sondern stark eingeschränkt; aber in beiden Fällen braucht es Zeit und Respekt, will man ihnen ermöglichen herauszufinden, wer sie wirklich sein wollen. Sudbury Valley bietet bewußt Raum dafür. Wenn die Schüler sich selbst erforschen, sieht das für viele Außenstehende verdächtig danach aus, als würden sie gar nichts tun. Neue Schüler empfinden diese Anfangserfahrung als schwierig, oft als verwirrend – aber ganz sicher nicht so, als ob sie nichts täten.

Wenn Schüler nach den Sommerferien wieder zur Schule kommen, beginnen sie das neue Schuljahr damit, sich wieder mit dem vertrautzumachen, was sie wollen. Das ist relativ einfach für die wenigen Glücklichen, deren Ferientage genauso ihr eigenes Werk sind wie ihre Tage an der SVS. Deutlicher spüren den Übergang jene, deren Zeit und Wahlfreiheit die Ferien über eingeschränkt war; sie müssen (wieder) lernen, ihre Wünsche zu erkennen und wertzuschätzen. Sie müssen abseits der Normen der sonstigen Gesellschaft die plötzliche Umstellung und den Lohn der nicht fremdbestimmten Zeit erleben und sich an die Strukturen innerhalb der SVS-Gemeinschaft und die Standards ihrer Mitglieder gewöhnen. Oft haben sie das Gefühl, das, was sie wollen, wäre unbedeutend, vor allem in den mißtrauischen Augen der Eltern, Verwandten, Freunde an anderen Schulen, oder unserer Kultur im allgemeinen. Und tatsächlich müssen sie herausfinden, was „von Bedeutung sein“ in ihrem Leben heißt.

Für Eltern bringt der Übergang auf die Sudbury Valley School einen Verzicht mit sich, auch wenn sie es weniger als die Schüler in jedem Jahr neu spüren. Es bedeutet, bereitwillig zu akzeptieren und gewähren zu lassen, zu glauben und zu vertrauen – nicht der Schule und den Mitarbeitern, sondern dem Schüler mit all seinen Interessen, seinem Mangel an Interessen, seiner Unentschlossenheit oder seinem Alleinsein bei dem, was er tut. Vielleicht erfahren die Eltern nie, wie ihre Kinder ihre Zeit an der SVS verbringen, aber sie wissen, ob ihre Kinder glücklich, voller Energie, nachdenklich oder total beschäftigt sind. Es kann kein dokumentierbares Bild davon geben, wie ein Tag an Sudbury Valley aussieht. Wenn Eltern fragen sollten: „Was hast du heute gemacht?“, wird die Antwort des Schülers immer unvollständig sein: „Etwas zu machen“, kann an der SVS alles mögliche bedeuten: Mittagessen mit den Freunden, es sich im Wintergarten auf einem Kissen in der Sonne gemütlich machen, oder auf der Veranda des Spielraums sitzen und sich ein Four-Square-Spiel ansehen – oder sogar: vors Justizkomitee kommen. Sogar Nichtstun wird als „etwas machen“ angesehen. Die Frage „Was hast du heute gelernt?“, ist gefährlicher, je nachdem, wie sie gestellt wird. Meist geht es dabei nicht um eine Unterhaltung, sondern um Nachweise. Sie klingt wie die Schulklingeln: „Tust du das, was du tun sollst?“

Selbst einige der Mitarbeiter erleben eine Umstellung, wenn sie für ein neues Schuljahr an die SVS zurückkehren. Wer von uns den ganzen Sommer über oder zumindest Teile davon anderswo arbeitet, spürt bei seiner Rückkehr Erleichterung. An der SVS sind die Mitarbeiter entmystifiziert – einfach Menschen, die mit den Schülern ehrlich und direkt umgehen. In vielen anderen Institutionen ist die Rolle des Pädagogen die eines maskierten Schauspielers, der seine Pflichten in begrenzten und vorbestimmten Rollen erfüllt. Zwar arbeite ich in den Ferien für gewöhnlich in Bildungseinrichtungen, die als besonders „progressiv“ gelten; trotzdem muß ich dort letztendlich viele Konflikte über Annahmen unter einen Hut bringen: daß meine Schüler jederzeit Beaufsichtigung brauchten, daß meine Kunden nicht die richtigen Dinge aussuchen würden, wenn man ihnen die Wahl ließe, oder daß es meine Autorität, welche ich über sie aufrechterhalten müsse, untergraben würde, wenn ich mich der Gruppe gegenüber ehrlich verhielte. Wie jedes andere Sudbury-Valley-Mitglied stehe ich vor der Herausforderung, meine Position deutlich zu machen und nicht mehr Kompromisse als nötig einzugehen. Ich bin sicher, auch andere von der SVS kennen das erregende Gefühl, wenn eine besonders SVS-mäßige Position anerkannt und übernommen wird, sobald man sie erläutert hat.

Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung etwas anderes suggeriert, Freiheit ist weder einfach noch unbegrenzt. Häufig wird angenommen, eine Schule mit so viel Freiheit würde Chaos fördern, Verkümmerung heraufbeschwören oder überhaupt eine gesetzesfreie Zone für wenige Privilegierte sein. Freiheit ist der Definition nach Befreiung, aber sie ist nicht unbegrenzt. Sie erfordert eine Menge Arbeit. Es gibt viele Dinge, die wir als Mitglieder unserer Gesellschaft gelehrt werden; frei zu sein gehört nicht notwendigerweise dazu. Es erfordert Mut, Hartnäckigkeit und Engagement, Teil einer so ungewöhnlichen und umstrittenen Einrichtung wie Sudbury Valley zu sein, ob als Schüler, Eltern oder Mitarbeiter.

Ein paar Blocks von meinem Haus entfernt, in der entgegengesetzten Richtung von der Schule mit den Klingeln, steht eine Kirche mit einem Glockenturm. Alle 15 Minuten läuten die Glocken. Der Klang prallt an der Schule hinter meinem Haus ab und erzeugt ein kurzes Echo „Bong-ong, bong-ong.“ Ich finde den Klang dieser Glocken beruhigend. Sie scheinen jene Fragen zu stellen, die wir an Sudbury Valley gern gefragt werden: Wo bist du gerade? Woran denkst du gerade? Womit war dein Tag bisher gefüllt? Wofür entscheidest du dich in diesem Moment deines Lebens?