Ist die Sudbury Valley School „anti-intellektuell“?

von Daniel Greenberg

Auf den ersten Blick erscheint die im Titel aufgeworfene Frage lächerlich. Schließlich sind die Wände der Schule praktisch vollständig vom Fußboden bis unter die Decke mit Büchern vollgestellt. Solche eine Bibliothek wäre der Stolz einer Schule viel reicher und größer als Sudbury Valley. Das Mitarbeiterteam hat immer aus Leuten bestanden, die hoch gebildet sind und ein breites Spektrum an Interessen haben. Die Gespräche, mit denen Kinder und Erwachsene jeden Alters nach Belieben ihre Zeit verbringen, zeichnen sich oft durch ihren Reichtum an Inhalt, Eleganz der Ausdrucksweise und große Themenvielfalt aus. Außerdem hat Sudbury Valley mehr Bücher über die philosophischen Fundamenten der Schule veröffentlicht als jede andere einzelne Schule. Man sollte meinen, daß die Frage nach einem möglichen „anti-intellektuellen“ Beigeschmack dieser Einrichtung, hieße, überhaupt nicht zu wissen, wer wir sind bzw. was wir hier alltäglich tun.

Dennoch wird diese Frage nicht selten gestellt; und allein dieser Umstand muß uns antreiben, uns Gedanken zu machen, sobald sie auftaucht. Wie so oft stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, daß etliche ziemlich entscheidende Faktoren zu Tage treten, die gleichermaßen Licht auf die Natur der Schule und auf die der Frage zugrundeliegende Auffassung des Fragestellers werfen.

Sehen wir uns an, in welchem Zusammenhang diese Frage gewöhnlich überhaupt aufkommt. Oft ist der Auslöser, daß Eltern von ihren an der Schule eingeschriebenen Kindern, manchmal auch von anderen Eltern, erfahren, daß ein Mitarbeiter einer Anfrage nach Hilfe mit Gleichgültigkeit begegnet ist. Die Geschichte, die Eltern beinahe wortgleich hören, geht etwa so: „Ich bin zu X [ein Mitarbeiter] gegangen und habe ihm gesagt, daß ich mich mit Naturwissenschaften beschäftigen möchte. Er hat gesagt ‚du interessierst dich doch gar nicht richtig dafür‘ und hat mir nicht geholfen.“ Der letzte Satz könnte auch lauten: „Er hat gesagt, ich soll mir ein Buch aus der Bibliothek suchen und was über Naturwissenschaft lesen.“ Es gibt beliebig viele Varianten hinsichtlich der Anfrage als auch der jeweiligen Antwort; aber der Kern der Sache ist immer der gleiche.

Wenn die Eltern bezüglich des Vorfalls nachhaken, unterstützt die Schule überdies immer die Reaktionsweise des Mitarbeiters. Während die Eltern weiter über die Sache reden, kommen sie und der Vertreter der Schule zu der Frage, was ein wirkliches Interesse auszeichnet, d.h. wann Mitarbeiter aktiv auf Interessensbekundungen von Seiten der Schüler eingehen sollten, etc. – Themen die ich an anderer Stelle ausführlich diskutiert habe.

Bis dahin hat sich die Besorgnis auf das allgemeinere Frage konzentriert, wie Erwachsene an der Schule mit Anfragen von Schülern umgehen. Und dann tritt oft ein neues Element auf. Es kommt folgendermaßen zum Vorschein:

Es gibt die verschiedensten Aktivitäten an der Schule, bei denen Mitarbeiter ziemlich regelmäßig mit Schülern interagieren, auch wenn diese Aktivitäten eindeutig nicht ein tiefes, ernsthaftes Interesse auf Seiten der Schüler darstellen. Mir fallen viele Beispiele ein: alle möglichen Koch-Aktivitäten in der Küche, vor allem mit jüngeren Kindern; verschiedene Aktivitäten im Kunst-Raum; von den schönen Künsten über Töpfern bis hin zu Nähen und anderem Handwerk; Draußen-Aktivitäten, wie z.B. Felsenklettern, Skilaufen, Camping-Ausflüge. In Situationen wie diesen hat es den Anschein, daß Mitarbeiter sogar auf ziemlich beiläufige Anfragen von Schülern prompt reagieren, manchmal sogar die Aktivitäten initiieren!

Ganz anders sieht es hingegen bei Interessengebieten aus, die sich mit den üblichen Lehrplan-Aktivitäten eher traditioneller Schulen decken. Manchen Eltern scheint es, die Schule sage: „Kochen ja; Naturwissenschaften nein. Bunte Armbänder aus Perlen herstellen ja; Rechtschreibung nein. Skilaufen ja; Mathe nein.“ Oder, um es zu verallgemeinern: „Wenn ein Schüler seine Zeit mit irgendeiner unwichtigen Aktivität vertrödeln möchte, die kein tiefes Nachdenken beinhaltet, eilen die Mitarbeiter der Schule herbei, um mitzumachen; wenn ein Schüler etwas tun möchte, das seinen Wissensstand oder seine Fähigkeit entwickelt, kritisch zu denken (ein Begriff, den die vorherrschenden Schulen benutzen, um den Stoff zu rechtfertigen, den sie in ihre Lehrpläne aufnehmen), dann bekommt er von den Mitarbeitern ziemlich die kalte Schulter gezeigt.“ Die Schlußfolgerung, die diese Beobachter ziehen, lautet: An Sudbury Valley gibt es eine anti-intellektuelle Schieflage.

Sehen wir uns sorgfältiger an, was hier geschieht. Teil dessen, was Kinder an Sudbury Valley genießen, ist, daß sie Erwachsenen als Menschen statt als Autoritätsfiguren oder „Lehrer“ begegnen können. Sie genießen die Gespräche, das Miteinander, die Freundlichkeit, und allgemein die Gelegenheit, sich in einer informellen und nicht bedrohlichen Umgebung über die Lebenserfahrungen von älteren Leuten zu unterhalten. Frühere Schüler erinnern sich, selbst nach Jahrzehnten, wie sehr sie es genossen, einfach Erwachsene in ihrer Nähe zu haben, mit denen sie befreundet sein konnten und von denen sie alle möglichen Dinge über das Leben lernen konnten.

Die Schüler und Mitarbeiter an Sudbury Valley sind sich dieser Schlüsselrolle der Mitarbeiter sehr bewußt und schätzen sie. Die meiste Zeit verbringen sie ihre Zeit gemeinsam in einer völlig unstrukturierten Umgebung, indem sie im Näh-Raum rumsitzen, in der Main Lounge quatschen, gemeinsam draußen spielen. Es ist diese häufige und ungezwungene Verfügbarkeit der Mitarbeiter, die von Außenstehenden so oft fehlinterpretiert wird als „die Mitarbeiter tun nichts außer rumzuhängen“. Mitarbeiter wurden bei Gelegenheit sogar von Leuten von innerhalb der Schulgemeinschaft, aber kaum jemals von Schülern, dafür kritisiert, ihre Zeit damit zu verbringen, mit Schülern zu quatschen und scheinbar „nichts zu tun“.

Gelegentlich richten jedoch entweder Schüler oder Mitarbeiter unbeschwert strukturierte Situationen ein, in denen sie sich unbeschwert austauschen und dabei Spaß haben können. Fast immer handelt es sich um eine Aktivität, die entspannt und unterhaltsam ist und Spaß macht. Bei solchen Aktivitäten verbringen die Mitarbeiter und Schüler eine Menge Zeit gemeinsam und lernen einander wirklich gut kennen; in der Tat besteht einer der Hauptgründe für diese geplanten Aktivitäten darin, eine natürliche Umgebung für Mitarbeiter und Schüler zu schaffen, in der sie viel Zeit zusammen verbringen können , ohne daß der Situation irgendwelche Künstlichkeit anhaften würde.

Wenn also eine Gruppe von Schülern einen Vormittag mit einem Mitarbeiter in der Küche verbringt und das eine oder andere Gericht kocht, tun sie das vor allem wegen der Freude, zusammen zu sein, auch wenn die Herstellung eines schmackhaften Gerichts sicherlich wichtig für das Vergnügen ist, das die Gelegenheit bereitet. Findet ein Ausflug mit Übernachtung statt, ist der Austausch besonders intensiv. Jedes Mal kehren die Schüler und Mitarbeiter von diesen Ausflügen zurück mit tieferem Einblick in das Denken und Fühlen der anderen, und dabei lernen sie viel darüber, wie man mit komplexen Gruppensituationen zurechtkommt. Dies ist eine bedeutende Motivation hinter der Lust der Schüler, auf diese Ausflüge mitzukommen, und es ist einer der Gründe, warum diese Ausflüge den Mitarbeitern solche Freude bereiten, trotz der beträchtlichen Arbeit, die darin steckt.

Der Nutzen, den diese entspannten Gelegenheiten zur Begegnung den Kindern bringen, kann nicht genug betont werden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Begegnungen, die Kinder mit Erwachsenen haben, sind jene an Sudbury Valley voll von positiven Assoziationen; Sudbury-Valley-Schüler lernen von frühestem Alter an, das Zusammensein mit Erwachsenen zu genießen, keine Hemmungen zu haben, wenn sie sie als Ressourcen und allgemeine Vorbilder nutzen, so wie sie auch keine Hemmungen haben, andere Kinder zu nutzen; und sie lernen Beziehungen aufzubauen, die ohne jegliche bedrohliche Untertöne mehrere Generationen überspannen. Dies sind Erfahrungen, die den Schülern nicht nur ihr Leben lang zugutekommen, sondern auch die Art beeinflussen, wie diese Schüler sich ihrerseits gegenüber Kindern verhalten, wenn sie später selbst Erwachsene sind. Indem Sudbury Valley eine Umgebung bietet, in der Kinder und Erwachsene sich entspannt austauschen können, trägt sie spürbar dazu bei, den Kreislauf der Angst zu zerschlagen, der die Beziehungen zwischen den Generationen heimsucht.

Das System funktioniert jedoch nur, wenn in der Schule die Erwachsenen solche strukturierten Situationen sorgfältig vermeiden, die die Kinder in ihren Köpfen mit den üblichen gesellschaftlichen Ansprüchen assoziieren, die ihnen in anderen Umgebungen aufgedrängt werden. Im Rahmen der gegenwärtigen amerikanischen Gesellschaft ist es nicht möglich, daß sich Erwachsene und Kinder entspannt treffen und dann ganz harmlos über Themen plaudern, die den Lehrplan des gegenwärtigen Schulsystems bilden. Es gibt keine Möglichkeit, zwanglos zusammenzukommen und in naturwissenschaftlichen Gebieten ohne besonderes Ziel herumzuspielen und zu diskutieren; für die Kinder verwandeln sich diese Situationen augenblicklich in „Naturwissenschaften-Unterricht“, und der Erwachsene wird der „Naturwissenschaften-Lehrer“. Der Inhalt der Unterhaltung wird sofort auf das bezogen, was andere Kinder in anderen Schulen tun; und wenn die Kinder ihren Eltern von den Aktivitäten erzählen, reagieren die Eltern, die selbst in traditionellen Schulen ausgebildet wurden, unweigerlich mit offenen oder subtilen Zeichen der Erleichterung und des Gefallens, daß „unser Kind endlich etwas akademisches tut“ oder „unser Kind endlich mit richtigem Lernen an Sudbury Valley beschäftigt ist.“ Und der Schwerpunkt der Mitarbeiter-Schüler-Beziehung verschiebt sich sich vom Austausch zwischen gleichberechtigten Partnern hin zu einem Lehrer-Schüler-Austausch; und Sudbury Valley wird letztendlich als Teilnehmer an dem gleichen Spiel wie all die anderen Schulen betrachtet.

Kaum etwas kann schädlicher für die Atmosphäre und die Resultate sein, für die die Schule lange und hart gekämpft hat. Auf keinen Fall wollen die Mitarbeiter an Sudbury Valley, daß unsere Schule auch nur entfernt mit der Auffassung anhängt, daß die heutzutage von anderen Schulen bevorzugten Lehrplan-Bereiche irgendeinen besonderen Wert oder eine Bedeutung innerhalb des Gesamtumfangs der Themen haben, die Kinder oder Erwachsene interessant und fesselnd finden könnten. Es ist aus diesem Grund, mehr als aus jedem anderen, daß die Mitarbeiter es sorgfältig vermeiden, in der Schule irgendwelche von den Kindern ausgehenden vorsichtigen Signale zu ermutigen, die darauf hindeuten, daß sie den Komfort der Teilnahme an der Standard-Verpflegung wollen, um sich selbst irgendwie zu versichern, daß auch sie die richtigen „Kurse nehmen“.

Abschließend ist es, denke ich, tatsächlich fair zu sagen, daß Sudbury Valley standhaft „anti-Standard-Lehrplan“ ist und Schülern keine besondere Ermunterung gibt, wenn sie davon reden, die gewöhnlichen Schulfächer zu „machen“. Aber indem sie zum freien, ungebundenen und offenen Austausch zwischen Erwachsenen und Schülern ermutigt, zu allen Zeiten, in allen möglichen Umgebungen – seien sie informell, zufällig und leicht-strukturiert –, fördert Sudbury Valley ein Niveau des „Intellektualismus“, das man dieser Tage selbst in universitären Master-Studiengängen bei weitem nicht überall findet. Im Wörterbuch wird „Intellektualismus“ wie folgt definiert: „Die Übung oder Anwendung des Intellekts.“ Wie wir immer und immer wieder in unseren Veröffentlichungen betonen, wird der Intellekt am besten geübt oder angewendet in Situationen, in denen er selbstgesteuert ist und die Freiheit hat umherzustreifen, ohne sich um beschränkenden Druck von außen zu kümmern. Unsere Hauptaufgabe war, ist, und bleibt wohl noch für einige Zeit die Etablierung einer Umgebung, die so frei wie möglich von dem überwältigenden gesellschaftlichen Druck ist, welcher bestimmte Arten der Beschäftigung gegenüber anderen bevorzugt, sie als wertvoller ansieht.