Interview über den Gründungsprozeß in Leipzig

mit Uwe Hartung, geführt am Sonntag, den 28. August 2005 in Leipzig

Einleitung

Martin Wilke: Also vielleicht noch mal kurz zur Erläuterung. Das ist gedacht als ein praktisch ein Material, was verschiedenen Gründungsgruppen von Sudbury-Schulen helfen soll, einen Einblick zu kriegen in die Arbeit einer jetzt weit fortgeschrittenen Gründungsgruppe. Also das würde auch uns als Gründungsgruppe in Berlin helfen, ganz neuen Gründungsgruppen, aber wäre sicherlich auch interessant für Leute, die bei euch neu dazustoßen, um so zu gucken, was Ihr gemacht habt.

Wie von Sudbury erfahren?

Also zunächst die Frage:

Martin Wilke: Wie habt Ihr überhaupt von dem Sudbury-Schulkonzept erfahren?

Uwe Hartung: Also es sind verschiedene Leute über verschiedene Wege dazu gekommen von der Gründungsgruppe. Ich persönlich bin über den Summerhill-Besuch meiner Tochter und dann habe ich halt im Web gesucht, woher kann ich Geld für die Finanzierung bekommen und dann bin ich dann auf diese Sudbury-Germany-Mailingliste gekommen. Ja. Und andere sind über dies Continuum-Konzept dazu gekommen und haben gesucht, wie können sie mit ihren Kindern weiter verfahren, wenn die größer werden und so, ja. Und einige wiederum sind dann,‘sag mal, aus zweiter Hand über mich und über den Wolfram Claus. Also Wolfram Claus aus Halle und ich, wir haben uns auf der Sudbury-Germany-Mailingliste gefunden, sozusagen.

Idee der Schulgründung

Martin Wilke: Wie kam dann, nachdem ihr auf irgendeine Weise halt zu auf die vom Sudbury-Konzept kanntet, wir kamt ihr dann auf die Idee, selbst eine Schule zu gründen?

Uwe Hartung: Das war von vornherein eine Absicht. Als ich mal mit der Marie, meiner Tochter, die auf die Summerhill School geht, einen Vortrag gemacht habe und na, wie soll man sagen, eine Gesprächsrunde, da sind viele Eltern dann darauf gekommen und haben gesagt: Warum muß ein Kind nach England gehen, um so eine gute Schulbildung genießen zu können? Und die wollten das hier in Leipzig haben und von daher war das am Anfang schon von Anfang an – da wußte ich noch gar nicht von Sudbury – ja, eine Schule mußte schon her. Erst war es so summerhill-ähnlich und dann sind wir auf Sudbury halt gekommen, weil Sudbury leichter zu realisieren ist, billiger ist und als Tagesschule auch auf mehr Akzeptanz stößt so von den Elternhäusern her.

Mitstreitergewinnung

Martin Wilke: Wie habt ihr weitere Mitstreiter gewonnen? Man kann so eine Schule jetzt ja schlecht zu zweit oder zu fünft gründen. Wie sind Leute, wie haben Leute dann von eurer Gründungsgruppe erfahren oder wie sind sie dazugestoßen?

Uwe Hartung: Ganz viele Wege: Einmal so über’s Internet, E-Mail-Austausch. Dann haben wir von Anfang an immer schon auch zu Gesprächsrunden eingeladen in Mütterzentren von Leipzig. Und wir haben die ersten Flyer veröffentlicht gleich im voriges Jahr im April gleich die erste Website gestaltet. Ja, und darüber sind die dann zu uns gestoßen. Also es gibt viele Möglichkeiten für Leipziger, sich mit uns bekannt zu machen. Plakate entworfen und Aufgaben, ja . . .

Anzahl der Leute

Martin Wilke: Wieviele Leute seid ihr in der Gründungsgruppe bzw. wie hat sich das zahlenmäßig im Verlaufe der Zeit entwickelt?

Uwe Hartung: Na am Anfang war es relativ konstant. Wir haben z.B. uns das erste Mal im November 2003 getroffen, da waren wir acht und gegründet haben im Juno 2004 den Verein zehn Gründungsmitglieder. Und zur Jahreswende 2004/2005 waren wir dann zu 13 und dann ging’s Schlag auf Schlag. Da kamen fast wöchentlich neue Leute dazu und wir waren dann so bei 45. Also aktuell sind wir so ca. bei 45 Mitgliedern und diesen Stand haben wir so seit Juli, seit Anfang Juli, also jetzt schon zwei Monate kaum verändert, weil wir uns jetzt kaum noch über Öffentlichkeit Gedanken machen können, also in dem Sinne von Neuen gewinnen, sondern jetzt geht’s um Öffentlichkeit, die uns hilft, den rechtlichen Prozeß zu begleiten. . . Ja also, was noch eine ganz wichtige Sache ist, das kann ich also sehr empfehlen, das zu tun, ist dieses Sudbury@Home. „Wir kommen zu Ihnen nach Hause“ steht bei uns immer auf der Start-Seite. Da gab es viele Veranstaltungen und da haben wir viele neue Leute gewonnen. Also wo Leute, die interessiert sind für sich und für ihren Verwandten-Bekannten-Freundes-Kreis, einfach mal eine Informationsveranstaltung haben wollen, entweder bei sich zu Hause oder in einer Lokalität, die die selbst organisieren. Wir kommen dazu und erzählen was und diskutieren darüber, so, ja, also im vertrauten Kreis.

Was für Leute

Martin Wilke: Und was für Leute sind das so, die bei euch in der Gründungsgruppe bzw. im Verein tätig sind?

Uwe Hartung: Oh, das ist wirklich eine bunte Mischung. Also wir haben Leute dabei die jetzt sich orientieren müssen, woher kriegen sie überhaupt ihr Existenzminimum, so Arbeitslosengeld 2 und solche Geschichten und wir haben auf der anderen Seite ganz viele Unternehmer auch dabei, denen es zumeist auch sehr gut geht (lacht) … ich meine jetzt finanziell. Es sind natürlich alle sehr ausgelastet mit Arbeit. Man kann ja Menschen, die jetzt ständig was tun müssen, um ihren Erwerb zu verdienen, nicht unbedingt als Leute bezeichnen, denen es besonders gut geht. Besonders gut geht’s ja einem erst, wenn’s Geld kommt und man muß nicht viel für tun (lacht). Ja. Was wichtig ist so, so was die Gruppe so’n bißchen spezifisch macht, es sind eben sehr selbständige Charaktere, die auf eigene Faust schon eben Firmen gegründet haben oder eben gerade welche zu laufen haben. Es sind Leute, die ja meist nicht in ihrem ganz gewöhnlichen Raster unterwegs sind, sondern sich einfach jetzt ‘n Job suchen und da, die ihre Zeit absitzen und so. Davon gibt’s halt wenige, die so einsortiert sind.

Wieviel Eltern darunter

Martin Wilke: Und wieviele Leute, die bei euch mitmachen, sind Eltern selbst von Kindern, die vielleicht dann auf die Schule gehen sollen?

Uwe Hartung: Ja, eigentlich fast alle. Es gibt wenige, die nicht Eltern sind. So, das sind vielleicht fünf von 45 die nicht Eltern sind. So genau, da müßte ich noch mal nachschauen, mal die Liste durchgehen. Aber es ist bestimmt nicht, es sind keine zehn oder so. Also es sind garantiert weniger als zehn.

Kinder und Jugendliche

Martin Wilke: Und gibt es auch junge Leute, also im Sinne von Kindern oder Jugendlichen, die bei euch in irgendeiner Form während der Gründungsphase bereits mitgemacht haben?Uwe Hartung: Na ja, also, eher weniger. Die Marie, meine Tochter, die hat ja mit die Initialzündung ausgelöst, indem sie eben mal von ihren Summerhill-Erfahrungen berichtet hat. Da war sie 12. Dann die Maria Perlick, die ist jetzt 14, die hat hin und wieder, aber das ist nicht so, daß sie jetzt zum inneren Kern der Gründungsgruppe gehören würde. Also da sind die Jüngsten so um die 20, also so – Studenten. Aber auch da müßte man sagen, haben wir keine stabile Mitarbeit bekommen.

Arbeitsweise in der Gruppe

Martin Wilke: Wie würdest du so die Arbeitsweise in eurer Gründungsgruppe beschreiben? Also wie organisiert ihr die Arbeit zwischen, also wie teilt ihr Arbeit z.B. auf zwischen den verschiedenen Mitstreitern?Uwe Hartung: Na das geschieht auf verschiedene Art und Weise. Es gibt bei uns ein Büro, das ist besetzt von Montag bis Freitag jeweils 10 bis 13 Uhr als Kernzeit und darüber hinaus dann, je nachdem, wer gerade da ist und was zu tun hat im Büro. Es gibt einen Büroleiter, das bin ich, und ich bin quasi Montag, Mittwoch und Donnerstag so im Einsatz und habe so´ne Verteilungsfunktion. Bin aber andererseits auch inhaltlich mit bestimmten Bereichen so ausgelastet, daß das nicht so sehr gut funktioniert hat. Und deshalb haben wir jetzt drei Leute, die in bestimmten Bereichen Arbeit verteilen, und also selbständig arbeiten. Das ist der innere, sagen wir mal so, Organisations- und Büroprozeß, also das Ausführende, Ordnende, was so normalerweise ´ne Sekretärin macht. Und dann ist ‘ne Frage so Finanzen und Immobilie, das ist der zweite Bereich, der also, wo ich quasi da auch nur mehr Input gebe also und, sagen wir mal, auch meine Sicht einbringe. Und das Dritte ist dann diese Frage der rechtlichen Einordnung der inhaltlichen Vorbereitung und so, das ist dann mein großer Bereich. Also wo jetzt auch am meisten so mal sagen, so Facharbeit, pädagogische Facharbeit verlangt wird. Also auch so’n bißchen wissenschaftliche Arbeit und sehr viel Networking betrieben werden muß in den verschiedenen Bereichen Politik, Behörden und Presse und so weiter und Rechtsanwalt jetzt leider (lacht).

Treffen

Martin Wilke: Habt ihr Treffen, wo ihr euch als gesamte Gruppe trefft?Uwe Hartung: Ja, es gibt also sehr unregelmäßig, aber häufig, so zwei-dreimal im Monat gibt es Arbeitstreffen, wo sich alle treffen, und dann gibt es Zielgruppen, die bestimmte Ziele verfolgen, die dem großen Ziel Schule dienen. Da gibt es eine Zielgruppe „Immobilie“. Also „Bereitstellung einer nutzungsfähigen Immobilie“ nennt die sich ausgesprochen. Eine Zielgruppe „Inhaltliche Vorbereitung“, da sind quasi Mitarbeiter drin. Es gibt eine Zielgruppe „Rechtliche Einordnung“. Es gibt eine Zielgruppe „Finanzielle Sicherstellung“ und, eine von den fünf vergeß ich immer, . . also die fünfte Zielgruppe ist die „Kundengewinnung“ im Sinne von Familien zu überzeugen, daß das Sudbury-Modell gut ist für sie. Aber der Bereich arbeitet nicht nur mit den Familien selbst, sondern flankierend auch mit der Verwandtschaft und Bekanntschaft. Wir machen direkt so Veranstaltungen für Oma, Opa, Onkel, Tante. Es geht ja darum, daß es etwas sehr außergewöhnliches ist, jetzt ein Kind in die Sudbury-Schule gehen zu lassen. Und häufig trifft es nicht so sehr auf Akzeptanz selbst im engeren Verwandtschaftskreis oder Bekanntenkreis. Da gehen wir auch auf die Leute zu und machen da Veranstaltungen.

Charakter der Treffen

Martin Wilke: Wenn ihr euch als Gesamtgruppe trefft, welche Dinge besprecht ihr da im Gegensatz zu den Zielgruppen und wie lange dauern eure Treffen? Sind die als Diskussionstreffen oder Entscheidungstreffen oder arbeitet ihr da Sachen konkret ab oder wie kann man sich das vorstellen?Uwe Hartung: Ja, das kann man sich so vorstellen: Die Arbeitsgruppentreffen sind im Prinzip, jetzt mal rechtlich gesehen, erweiterte Vorstandssitzungen. Das heißt, es sind Entscheidungstreffen. Es wird einerseits diskutiert, was die Zielgruppen selber nicht festlegen wollen und sagen, das muß von der großen Gruppe definiert werden. So was wird da auch besprochen, ausdiskutiert und entschieden. Und dann sind es manchmal so Sachen, die einfach nur einer Entscheidung bedürfen, die also auch in den Zielgruppen, wo die Kompetenz einfach nicht in den Zielgruppen ausreicht, also die formale Kompetenz jetzt. Wir haben das nicht fest definiert, wie die aussieht, sondern das ist immer eine Frage: Die gefühlte formale Kompetenz sozusagen, wenn die Zielgruppe das reingibt in die Arbeitsgruppe. Und wir besprechen grundsätzlich strategische Eckpunkte, Engpässe, ja. Wenn es zeitweilig mal die Immobilie ist, zeitweilig mal die rechtliche Einordnung, dann ist das immer ein Schwerpunkt. Und sie dauern lange, also sind nicht sehr effektiv muß ich sagen. Sie dauern lange, es wird sehr viel diskutiert auch.

Martin Wilke: Wie lange ist „lange“?

Uwe Hartung: Na ja, so mit vier Stunden müßte man schon rechnen. Aber in letzter Zeit hatten wir auch öfter welche, die nur zwei bis drei Stunden brauchten.

Wie viele pro Arbeitsgruppe

Martin Wilke: In diesen Zielgruppen wie viele Leute arbeiten da jeweils und gibt es da so etwas wie einen Verantwortlichen der Zielgruppe?Uwe Hartung: Ja, es gibt in jeder Zielgruppe einen Koordinator und die Anzahl der Beschäftigten in den Zielgruppen, die Mitarbeiter oder Aktiven ist sehr unterschiedlich. Also ab vier ist so die kleinste Gruppe bis 10 kommen da schon zusammen.

Anwesendheit bei großen Treffen

Martin Wilke: Und bei den Treffen als große Gruppe wiederum, sind da immer alle Leute anwesend oder schwankt das sehr, welche Leute dort tatsächlich da sind?Uwe Hartung: Also es gibt einen bestimmten Kern. Das sind so ungefähr zehn Leute, die eigentlich immer da sind. Und dann gibt es drumherum welche, die häufiger mal nicht da sind. Aber so zehn Leute sind eigentlich, bestimmte zehn Leute sind eigentlich immer da und meistens sind die Treffen so mit 15, 16 besetzt.

Martin Wilke: Aber das heißt, von den 45 – oder früher waren es ja auch weniger – sind jetzt nicht fast alle da.

Uwe Hartung: Nein, nein. Also die sind dann geladen zu den Mitgliederversammlungen. Sie könnten auch da hinkommen, aber die meisten haben da keine Zeit zu, keine Energie dafür.

Gründer als Vereinsmitglieder

Martin Wilke: Sind alle Leute, die bei euch im Gründungsprozeß mitarbeiten auch Mitglieder des Vereins?Uwe Hartung: Nein. (lacht) Es gibt z.B. unsere Architekten, die sind nicht Mitglieder des Vereins. Nennt Namen die haben eine sehr aktive Rolle im Gründungsprozeß gespielt. Die sind z.B. nicht dabei. Aber ansonsten schon.

Spezialisten

Martin Wilke: Habt ihr in den jeweiligen Spezialgebieten oder Zielgruppen Leute, die sich da professionell sozusagen mit auskennen, weil sie das beruflich machen oder ist das für die Leute auch jeweils ein ganz neues Gebiet, in das sie sich überhaupt erst mal eingearbeitet haben?Uwe Hartung: Na, in der Kundengewinnung haben wir viele drin, die das auch beruflich machen, also als Unternehmer jetzt, die mit Werbestrategien schon vertraut sind. In der Immobiliensuche haben wir die Architekten dabei. Bei der Finanzgruppe haben wir auch einen Unternehmer, der Doktor der Mathematik ist und mit Finanzrechnungen professionell vertraut ist. In der rechtlichen Einordnung, muß man sagen, sind nur eingearbeitete Leute, weil ein Rechtsanwalt gehört noch nicht dazu. Und in der inhaltlichen Vorbereitung ist es so: Es gibt formal Professionals – es gibt Lehrer, es gibt Erzieher, es gibt Diplom-Sozialpädagogen. Aber bezogen auf das Sudbury-Schulkonzept natürlich nicht. Wir sind alle Neulinge, uns da eingearbeitet in die Theorie sozusagen, in das Modell eben und wir sind jetzt am Anfang zehn mit Learning by doing, wie es funktionieren kann.

Erfahrung der Mitarbeiter

Martin Wilke: Gibt es unter den Mitarbeitern der Schule dann einige, die zumindest schon außerhalb regulärer staatlicher Schulen tätig gewesen sind? Im Sinne von freien Schulen oder außerschulischen Sachen?Uwe Hartung: Ja. Also ich selbst habe zwei Außenstellen der Freien Schule Leipzig mitgegründet und dort auch immer mal so mitgemacht, mitgearbeitet. Und war auch mal eine Zeit lang richtig so als Vertretungslehrer tätig an der Zentralstelle der Freien Schule. Dann ist die Corina, die ist an der anderen Außenstelle der Freien Schule jetzt letztes Jahr tätig gewesen und der Ronny, der ist an der Sekundarstufe der Freien Schule immer noch tätig. Bei den anderen – die Claudia Hoffmann (?) ist an der Montessori-Schule Sitzenroda(?) als Erzieherin bis zuletzt tätig gewesen. Hélène hat an der Nachbarschaftsschule, das ist zwar eine staatliche Schule, aber ein Schulversuch, sozusagen ein Experiment, die hat dort Französisch gegeben. Also es sind schon einige, die so Berührungen hatten und auch ganz viele jetzt als Eltern. Also es kommen viele aus der Waldorfschule und aus der Nachbarschaftsschule.

Wie Schüler gefunden

Martin Wilke: Auf welche Weise habt ihr Schüler gefunden, die dann auf die Schule gehen sollen?Uwe Hartung: Ja, also sehr effektiv war dieses Sudbury@Home, daß wir zu den Leuten nach Hause gegangen sind auf Einladungen und im engeren Kreis der Freunde, Verwandte und Bekannte da über das Modell informiert haben. Sehr wichtig waren Veranstaltungen in der Moritz-Bastei, das ist so ein großer Studentenclub. Und dann kleinere Veranstaltungen haben wir immer wieder regelmäßig gemacht und natürlich unsere Website. Die ist informativ, relativ aktuell immer und so sind viele dazugekommen. Eine große Hilfe sind natürlich die Bücher, Broschüren, Videos und so, die ihr übersetzt habt und aufbereitet habt zum Teil. Also das ist wirklich eine ganz wichtige Bildungsarbeit, die Voraussetzung ist dafür, daß Leute sich damit identifizieren können, daß sie ein bißchen was verstehen von den Konzepten.

Wie viele durch Infoveranstaltungen

Martin Wilke: Wieviele Leute habt ihr im Rahmen von Info-Veranstaltungen gefunden oder die haben euch gefunden?Uwe Hartung: Na, ich denke so schon 15 ungefähr, wobei sich das halt nicht so ganz immer abgrenzen läßt. Wann haben sie das erste Mal von uns gehört und was hat den Ausschlag gegeben, daß sie sich dann entschieden haben für uns. Also, wenn wir von den 45 Schülern ausgehen, die sozusagen im Juli angemeldet waren, waren bestimmt 20 vorwiegend über die Informationsveranstaltungen dazugekommen oder sogar noch mehr.

Sudbury@Home

Martin Wilke: Und bei denen, die über dieses Sudbury@Home kommen, fragen die bei euch nach: Kommt mal zu uns nach Hause! – oder melden die sich bei euch und ihr schlagt das denen dann vor? Oder wie läuft das so?Uwe Hartung: Ja beides. Also wir haben es auf der Website, auf der Startseite stehen und dann kommen direkte Anfragen: Könnt ihr nicht mal was machen? – und so und machen einen Termin und kommen dann hin. Oder es passiert eben so: Jemand interessiert sich sehr ausgiebig und das Telefongespräch wird immer länger. Und da sagen wir dann von uns aus: Wäre das nicht mal eine Variante: Sie nehmen in ihrer Familie noch ein paar Freunde und Bekannte, Verwandte mit dazu und dann kommen wir mal hin, um ausführlich zu sprechen.

Beteilgung unter Eltern

Martin Wilke: Von denen, die jetzt so Eltern praktisch sind, wieviele von denen sind dann an der Gründung der Schule selbst beteiligt?Uwe Hartung: Ganz aktiv ist zirka die Hälfte. Also richtig im Sinne von, daß sie selber Immobilien mit suchen, daß sie Texte aufbereiten, daß sie bei Veranstaltungen Organisation mit übernehmen, Materialbereitstellung, Transporte und so. Es ist vielleicht sogar noch ein bißchen mehr als die Hälfte.

Alter der Schüler

Martin Wilke: Die Schüler, die ihr gefunden habt, wie verteilen die sich altersmäßig?Uwe Hartung: Von drei bis achtzehn fast linear. Es gibt eigentlich kein Alter, das quasi ausfällt sozusagen. Aber es gibt ein paar Verstärkungen, von 13 bis 16 sind ein bißchen stärker vertreten und um Oles Alter rum so 8 bis 10.

Martin Wilke: Und so jüngere Schüler?

Uwe Hartung: Von 3 bis 6 wie gesagt haben wir auch. 4 oder 5 Dreijährige, also 3-, 4-, 5-jährige. Also 6, die normalerweise zum Kindergartenalter gehören.

Martin Wilke: Wir haben die Erfahrung gemacht, daß vor allem sich Eltern interessieren, deren Kinder jetzt normalerweise in die Schule kämen, das heißt vor allem 5- und 6-jährige und haben da eine erhebliche Überrepräsentanz. Wie habt ihr das hinbekommen, daß sich das so gleichmäßiger verteilt, daß ihr vor allem auch viele Schüler habt, die jetzt schon andere Schulen besucht haben?

Uwe Hartung: Also das kann ich nur vermuten, wie das lief. Ich denke, eine Sache hat bestimmt damit zu tun, daß so eine der erste Aktionen der Auftritt einer 12-jährigen war, die gerade mit 11 nach Summerhill gegangen ist, die klarmachen konnte, daß man nicht unbedingt von Anfang an so eine Schule besucht haben muß, um davon zu profitieren. Das ist aber nur eine Vermutung, daß das so lief. Ansonsten haben wir immer es betont, daß das Sudbury-Schulmodell für jedes Startalter offen ist. Keiner ist zu alt. Das ist, was auch die Sudbury Valley School ja nach außen so erst einmal vertritt. In gewisser Weise hängt es damit zusammen. Wir haben das sehr aktiv betrieben, das immer wieder betont, daß die Jugendlichen auch gut aufgehoben sind. Und es ist ja so, daß es auch in diesem Bereich der älteren Schüler gibt es auch mehr Problemfälle, die jetzt eine besondere Unterstützung brauchen, um überhaupt wieder Aussichten zu haben, im Erwerbsleben erfolgreich sein zu können. Das zeigt sich ja so im Laufe der Schulbiographie dann immer stärker. Von daher sind bei uns in den älteren Semestern auch die Problemfälle stärker vertreten.

sonstige Öffentlichkeitsarbeit

Martin Wilke: Du hast ja bereits dieses Sudbury@Home angesprochen, aber was habt ihr insgesamt so an Öffentlichkeitsarbeit betrieben, also in jeglicher Hinsicht? Also nicht nur auf Gewinnung von Schülern, sondern generell euch bekannt zu machen?Uwe Hartung: Also um das generelle Bekanntmachen haben wir uns lange Zeit gar nicht gekümmert. Das ging eine Zeit lang so, daß wir uns nur darum gekümmert haben, wie kommen wir an mehr Schüler ran. Und diese generelle Bekanntschaft, das kam erst ziemlich spät so im Laufe dieses Winters auf. Wir haben uns ja gekümmert, diese Konferenz im April mit …? zu machen. Das ging in die Richtung und ging gründlich daneben. So ein Riesenaufwand, den wir da betrieben haben und ganz wenig öffentliche Rückmeldung – das war schon für uns ziemlich deprimierend. Aber wir haben uns dann ja entschieden, z.B. den Verlag zu bilden, tologo verlag und da dieses Buch rauszubringen „Sudbury Valley School. Eine neue Sicht auf das Lernen“. Das geht mehr in Richtung dieser Bildungsarbeit. Es gab Überlegungen, z.B. Straßenbahnwerbungen zu machen. Und das war abgelehnt worden. Da das so eben wiederum nicht eine Klientel irgendwie anspricht, sondern so breit gestreut ist. Aber was in Richtung Bekanntschaft geht, Bekanntheitsgrad erhöhen sind natürlich die Kontakte mit den bundesweiten Medien, die wir aufbauen konnten und mit diesem Fernsehteam, die ja gerade gestern mit dabei waren. Also das ist jetzt in Gang gekommen. Der große Sprung kam eigentlich mit dem Mietvertrag mit der Stadt. Da hatten wir das erste Mal eine Pressemitteilung, die fast wortwörtlich von der Leipziger Volkszeitung abgedruckt wurde. Vorher wurde das eigentlich ignoriert, wenn wir Pressemitteilungen hatten. Dann sicherlich eine ganz wichtige Geschichte war die Fokussierung auf die IDEC, weil ich hatte immer keine Zeit auch für die Journalisten und habe denen gesagt: „Ja, auf der IDEC können wir uns treffen.“ Und da hatten wir ja dann ganz viel Presse. Und all das hat nicht viel bewirkt, muß ich sagen, im Sinne von einer größeren Bekanntheit wiederum. Und der ganz große Knüller war eigentlich diese kleine Mitteilung, die jetzt am Dienstag in BILD-Leipzig war. Plötzlich wollte der SPIEGEL von uns intensiv was wissen, plötzlich wollte die ARD was wissen auch im Sinne von einer tieferschürfenden Berichterstattung. Es haben sich natürlich auch die gemeldet, die jetzt nur die Sensation der Eröffnung bringen wollten. Aber das haben wir versucht zu drücken. Darum geht es uns ja gar nicht. Es geht uns darum, daß die Medien mal darüber berichten, wie das läuft, welche Erfolge so eine Schule aufweist und wie es den Schülern damit geht und solche Sachen. Das ist ja bisher sehr unterbelichtet in der öffentlichen Wahrnehmung. Und ich finde, es ist schon ein großer Erfolg der gesamten Sudbury-Bewegung in Deutschland, daß es jetzt solche relativ ausgewogene Berichterstattung gab, wie in den letzten Wochen, nicht so ein Zeug, wie im Dezember, als der SPIEGEL noch über die Überlinger Initiative so hergefahren ist, daß das so eine Horde von Illegalen ist, die da gegen jede Vernunft irgend so einen Treff machen und Schule betreiben wollen. Nichts vom Konzept und so weiter. Und ich glaube, da haben wir auch eine gute Herangehensweise an die Medien, indem wir denen auch ganz klipp und klar sagen, daß wir bestimmte Sachen nicht machen, einfach. Da sind wir nicht bereit, da schmeißen wir sie raus.

Martin Wilke: Welche beispielsweise?

Uwe Hartung: Daß wir z.B. einseitig über Schulpflichtverletzungen oder so was reden ohne klar zu machen: „Warum sind Leute bereit, solche Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.“ Das ist ja die andere Seite. Das Eine ist ja nur, daß es formal vielleicht als illegal gilt. Aber die andere Seite ist ja die: „Was treibt Leute dazu, das so zu machen, das in Kauf zu nehmen. Warum sind die so überzeugt davon, daß das was Gutes ist?“ Das ist ja schwach beleuchtet gewesen und ich finde, da sind wir ein ganzes Stück weiter gekommen mit der Süddeutschen, auch Frankfurter Rundschau war nicht so übel und ach, na ja, TAZ, das war schon von der Überschrift her vollkommen daneben mit diesen Flower-Power-Schulen, aber ansonsten auch nicht so, sagen wir mal abwertend negativ alles, wie das früher eben der Fall war.

Medien

Martin Wilke: Die Kontakte zu den Medien, gingen die überwiegend von euch selbst aus, daß ihr in Medien an einzelne Journalisten rangetreten seid oder haben sich Medien bei euch gemeldet und ihr seid dann darauf eingegangen?Uwe Hartung: Also, wir waren schon sehr aktiv. Wir haben z.B. im Mai/Juni fast jede Woche eine Pressemitteilung rausgegeben. Und da haben wir dann auch immer schon Rückmeldungen bekommen im Sinne „Ja, vielleicht“ und so. Und dann die herannahende Eröffnung, die hat wiederum viele bewogen, auf uns zurückzukommen, denn das ist ja was, was sich gut verkaufen läßt „So eine wilde Horde greift an!“ – lacht – Sensationshascherei im Prinzip. Das hat uns Kontakte gebracht. Das ist ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen, denke ich. Also wir wünschen uns das sehr, daß wir Öffentlichkeit haben und sind da aktiv. Und dann kriegt man früher oder später auch mal, wenn man was zu bieten hat, wahrscheinlich, die Resonanz.

Kontakt mit Behörden

Martin Wilke: Jetzt will ich mal zum Thema ,Kontakt mit Behörden‘ kommen: Mit welchen Behörden hattet ihr insgesamt überhaupt zu tun?Uwe Hartung: Also das Regionalschulamt, Kultusministerium, Landes-Jugendamt, Jugendamt der Stadt Leipzig. Das sind so die vier im Großen und Ganzen für die Genehmigungen oder Erlaubnisse oder so zuständig sind, was Kindergarten, Hort, Schule angeht. Und daneben hatten wir natürlich viele Kontakte im Sinne von Betriebserlaubnis der Immobilie. Dazu gehört Gesundheitsamt, Hygiene-Amt. Dann dieses Lebensmittel-Überwachungsamt heißt das, glaub’ ich, Bauaufsichtsamt und da gibt’s so verschiedene bestimmte Bereiche, habe ich auch gar nicht selber mit so genau verfolgt, weil das haben die Architekten gemacht und unsere Immobilienverantwortliche. Ich habe mich mehr um diese Geschichte gekümmert: Regionalschulamt, Kultusministerium, Landes-Jugendamt und Jugendamt. Ich muß sagen, von Landes-Jugendamt und Jugendamt haben wir eine ganz hervorragende Zusammenarbeit. Das ist einfach so, die haben in den Sächsischen Bildungsrichtlinien schon drin, daß im Zentrum steht das sich selbst bildende Subjekt des Kindes. Und damit sagen die zu uns: „Jawoll, ihr Konzept ist idealtypisch geeignet, um das umzusetzen, die Bildungsrichtlinien für Kindergarten und Hort.“ Was ganz anderes ist das bei den Schulbehörden. Ich habe den Eindruck, daß die nach anfänglichen Tips: „Wie könnte man so eine Schule an den Start bringen.“ ganz schnell davon abgekommen sind im Sinne, daß es eine Gefahr für das System, das sie vertreten, darstellt. Also das ist jetzt so ein Gefühl, das sich einfach aufdrängt aus dem, wie reagiert wurde. Z.B. haben wir den Tip erst mal gekriegt, eine Ergänzungsschule anzuzeigen. Muß man nicht genehmigen lassen, nur anzeigen, aber das Regionalschulamt hat unter bestimmten Voraussetzungen das Recht, den Betrieb zu untersagen. Also im Sinne „Wenn Gefahr im Verzug ist“ für Leib und und Leben der Schüler sozusagen. Die andere Seite war: Ein Ergänzungsschulbesuch erfüllt nicht die Schulpflicht. Und da wurde uns der Tip gegeben: Lassen sie doch ihre Kinder von der Schulpflicht befreien. Und damit waren unsere Kräfte erstmal orientiert und gebunden in einem Prozeß, der quasi jetzt, wie es sich herausgestellt, ins Leere ging. Es wurde also weder die Ergänzungsschule, also diese Anzeige angenommen noch die Befreiung von der Schulpflicht gewährt für die einzelnen Schüler und, naja, stehen wir jetzt erst einmal ohne da. Ohne irgendwelche rechtliche Einordnung, was diesen inhaltlichen Bereich angeht. Und das hat noch schlimmere Auswirkungen, weil deswegen auch Gebäude oder Immobilien, die in Besitz von öffentlich-rechtlichen Trägern sind, ausscheiden, weil die immer diesen Vorbehalt der Genehmigung oder Zulassung mit in ihren Mietverträgen haben. Die Stadt Leipzig z.B., die schließt mit uns keinen Mietvertrag ab, wenn das Regionalschulamt eine Untersagung des Betriebes der Ergänzungsschule ausspricht.

Begründung der Untersagung

Martin Wilke: Mit welcher Begründung wurde das untersagt?Uwe Hartung: Die Begründung ist die, daß es fehlt an Eigenschaften für die Definition einer Schule. Die Definition Schule würden wir nicht erfüllen. Und damit wurde erst mal ignoriert, daß das also international angesehene und erfolgreiche Schulen gibt, die einfach nach dem Konzept arbeiten. Das ist eigentlich lächerlich, aber eben hier bitterer Ernst. Auch deswegen bitterer Ernst, weil dadurch jetzt die Schüler unter deutlich ungünstigeren Voraussetzungen sich bilden in diesem quasi Ausweichobjekt, das wir jetzt anmieten, als das wegen mir in dem Schulgebäude in der ???-Straße gewesen wäre. Ich meine, es ist trotzdem: So schlecht wie eine öffentliche Schule kann eine irgendwie geartete Einrichtung, die nach Sudbury-Prinzipien arbeitet, gar nicht werden. Egal, in welcher Immobilie sie ist und wie es organisiert ist. Weil, es bleibt ja das Grundprinzip erhalten, daß die Schüler sich selbst bilden. Zu den Behörden müßte man vielleicht noch sagen: Wir haben immer wieder Kontakt gesucht und wir sind immer wieder von Schulbehörden ganz förmlich auf sehr zeitferne Termine gepolt wurden, wenn wir jetzt einfach mal ein Gespräch brauchten. Das war eben nicht möglich auf morgen, sondern in zwei, drei Wochen hier im Regionalschulamt, während im Kultusministerium, das wiederum offiziell nichts zu verantworten hat, also nicht kompetent ist, sondern nur quasi die Aufsichtsbehörde für das Regionalschulamt ist, dort ging es ganz schnell. Da konnte man von heute auf morgen auch mal einen Termin bekommen. Nur die haben das halt nicht zu entscheiden. Das ist auch wie so ein Spiel, das die Behörde mit uns treibt, während wir im Landes-Jugendamt immer mit der Ansprechpartnerin zu tun haben, die auch Entscheidungen trifft. Die also ganz klar, transparent zeigt, wie es aussieht die Gesetzeslage: Daran muß ich mich halten und wir können das möglich machen unter den und den Voraussetzungen. Da gibt’s eben Auflagen. Es war immer eine Zusammenarbeit, Gespräche im Sinne von einer Ermöglichung. Und diesen Eindruck kann man bei den Schulbehörden nicht haben. Die verstehen sich offensichtlich als Behörde, auch nicht als Dienstleister am Souverän, am Volke, am Bürger, am mündigen Bürger, sonder die verstehen sich als Macht- und Diktatzentrum. Also nutzen da auch jegliche rechtliche Spielräume aus, um gegen uns zu arbeiten statt für uns. Es gibt keine Not beim Regionalschulamt zu sagen: Wir befreien nicht von der Schulpflicht. Sie haben das Recht. Es gibt auch keine Not für das Regionalschulamt, die drängt, diesen Betrieb der Ergänzungsschule zu untersagen. Man muß nicht an den Haaren herbeiziehen irgendeinen Schulbegriff, um zu einer Untersagung zu kommen. Bestand keine Not. Im Schulrecht steht nichts von dieser Definition Schule im Sächsischen Schul-… . Der Eindruck ist fundiert, es geht einfach darum, eine solche Schule zu verhindern.

Wie weiter mit Schulamt

Martin Wilke: Habt ihr konkrete Pläne, wie ihr jetzt in diesen privaten Kontakten mit dem Schulamt weiter vorgehen wollt?Uwe Hartung: Ja. Wir werden jetzt gegen die Untersagung der Ergänzungsschule natürlich in Widerspruch gehen und gleichzeitig eine neue konzeptionelle Arbeit leisten, um Antrag zu stellen für die Ersatzschule, also für die Genehmigung einer Ersatzschule. Und da wir davon ausgehen müssen, daß das nicht genehmigt wird, bereiten wir uns auf den langen Marsch durch die Instanzen vor. Begleitend werden wir natürlich auf die Politik Einfluß nehmen. Wir haben Kontakte zu den drei größeren Fraktionen im Sächsischen Landtag und hier zum Fachausschuß im Stadtrat und auch zum verantwortlichen Bürgermeister. Erst mal sehen, ob sich da was machen läßt in Richtung Beschleunigung, Beeinflussung des behördlichen und gerichtlichen Prozesses. Weil: Eine Behörde kann ja jederzeit dann einlenken, wenn sie will. Also dann plötzlich – lacht – .

Kontakte zu Politikern

Martin Wilke: Diese Kontakte zu Politikern oder Parteien auf Landes- und Kommunalebene, wie kann man sich die vorstellen? Informiert ihr bloß oder macht ihr gemeinsam irgendwas, unterstützen die euch in irgendeiner Form?Uwe Hartung: Ja, mit der SPD-Landtagsfraktion haben wir z.B. eine gemeinsame Öffentlichkeitsveranstaltung mal gemacht und Bertrand Stern eingeladen, der hat einen Vortrag gehalten und wir haben eine Diskussionsrunde gemacht, so Podiumsdiskussion. Ansonsten nutzen wir solche Sachen wie Parlamentarische Abende und Offenes Parlament, um in Kontakt zu kommen und tauschen E-Mails aus und versuchen, Termine für persönliche Gespräche zu bekommen. So was.

Werbung für Infoveranstaltungen

Martin Wilke: Vielleicht noch mal kurz zurück zu den Informationsveranstaltungen, die ihr durchgeführt habt: Auf welche Weise die beworben und bekannt gemacht?Uwe Hartung: Auf verschiedene Art und Weise. Häufig haben wir Plakate und Flyer dafür ausgehangen und ausgelegt, auf jeden Fall das immer auf der Web-Site angekündigt und häufig auch in der regionalen Presse dann so kleine Mitteilungen veröffentlichen lassen.

Auftreten bei Behörden

Martin Wilke: Bei euern Kontakten mit Behörden, wie habt ihr euch dort als Schulgründungsgruppe präsentiert?Uwe Hartung: Wir haben bei den jeweiligen Erstkontakten das Konzept in den Grundzügen vorgestellt und über Möglichkeiten gesprochen: Wie könnte das rechtlich eingeordnet werden? Das heißt also bei diesen inhaltlich verantwortlichen Behörden. Ich meine, beim Bau-Aufsichtsamt geht’s mehr darum: Soll formal eine Schule werden und da müssen eben soundsoviel Toiletten da sein, Fluchtwege, Brandschutztüren und alles so … Werkstatträume müssen zwei unabhängige Ausgänge voneinander haben und solche Sachen, alles klar. Da haben wir über das Konzept nicht groß reflektiert. Aber in den Jugendämtern und in den Schulbehörden haben wir das inhaltlich auch erst mal vorgestellt.

Martin Wilke: Und waren das jeweils dieselben Personen, die das vorgestellt haben bzw. gab es so etwas wie ein Corporate Design oder so was für eure Präsentationen.

Uwe Hartung: Also Corporate Design haben wir grundsätzlich, nicht nur, was jetzt solche Präsentationen angeht. Es gibt einfach eine Mappe, wie bestimmte Sachen, die wir an die Öffentlichkeit bringen, auszusehen haben. Also angefangen von so einfachen Geschichten wie Visitenkarten über Briefbögen bishin eben zur Gestaltung der Web-Site, zur Gestaltung von Plakaten, zur Gestaltung auch von Powerpoint-Präsentationen und so, da gibt´s Vorlagen.

Gebäudesuche

Martin Wilke: Als Schule benötigt man ja ein Gebäude, in dem man das Ganze unterbringt. Wie seid ihr da rangegangen, ein Gebäude zu suchen?Uwe Hartung: Also, es gibt darüber ja sehr verschiedene Vorstellungen immer in so einer großen Gruppe, wie so ein Gebäude und Gelände auszusehen hat und jeder, der bestimmte Vorstellungen hatte und Energie dafür hatte, sich da einbringen konnte, der konnte sich an der Suche beteiligen. Und es gab dann immer einen Diskussionsprozess darüber. Wir haben uns zwar auch grundsätzlich über Parameter geeinigt, aber trotzdem war es notwendig, über jede irgendwie gefundene Immobilie dann nochmal ausführlich zu sprechen. Weil so eine ganz günstige Immobilie im Sinne von ideal oder perfekt ist in und um Leipzig nicht zu haben, für den Schulbetrieb. Ja, also wenn man jetzt sagt: Im Prinzip müßte ja der Hauptbahnhof, der müßte eine große Grünfläche haben mit viel Wald-Möglichkeiten usw. und quasi dort müßte ein abgeschlossener Raum für uns da sein und so, also das wäre das Ideal. Daß man sagt: Von allen Seiten kommen die öffentlichen Verkehrsmittel und gehen von dort aus, ja. So die Erreichbarkeit ist immer ganz wichtig. Dann ist eben wichtig, eine gewisse Größe zu haben an freier Fläche, auch innerhalb der Räumlichkeiten und dann auch Möglichkeiten in der räumlichen Diversifizierung, daß da eben individuelle Bedürfnisse der Schüler befriedigt werden können. Und deshalb mußten wir jedesmal von neuem einen Kompromiß finden.

Gebäude mieten, pachten oder kaufen

Martin Wilke: Habt ihr die Gebäude jeweils mieten wollen oder pachten oder gar kaufen oder in welcher vertraglichen Form war das vorgesehen, was hattet ihr euch als Gruppe überlegt?Uwe Hartung: Also, wir wollten eher einen Pachtvertrag mit der Stadt abschließen, und den gab es auch schon, nur noch nicht unterschrieben sozusagen. Wir haben jetzt einen Vornutzungsvertrag für die ???-Straße in der Stadt, der immer noch läuft und in dem ist aber nicht vorgesehen ist, daß man dann diese baulichen Anpassungen vornimmt an die tatsächliche Nutzung als Schule. Das hätten wir erst machen können, wenn dieser Erbpacht-Vertrag unterschrieben worden wäre bzw. ein längerfristiger Mietvertrag. Wir waren da also ziemlich offen, außer für sofortigen Kauf, was wir uns nicht leisten konnten haben wir eigentlich alle Optionen, also so Mietkauf, Pachtvertrag, Mietvertrag so in Betracht gezogen. Wir waren da nicht fixiert.

Gebäudekosten

Martin Wilke: In welcher finanziellen Größenordnung bewegt sich das bei so einem Objekt? Also, das heißt einmal an monatlichen Zahlungen, einmal an einmaligen Bau- und Umrüstungsmaßnahmen?Uwe Hartung: Ja, wir hatten so ein Finanzvolumen von 120.000,- € vorgesehen für die baulichen Maßnahmen und zusätzlich wären 583,- € Pacht monatlich aufgelaufen.

Behörden für Gebäude

Martin Wilke: Du hattest vorhin, glaube ich, schon mal erwähnt, daß bei Gebäuden auch noch diverse Behörden mit eingebunden sind, wenn man das als Schule nutzen will. Was habt ihr da so an Erfahrungen gemacht? Gab es da Schwierigkeiten Gebäude als Schulgebäude nutzen zu können?Uwe Hartung: Ja das kann man ganz klar trennen nach Gebäuden, die bisher schon Kindergärten oder Schulen waren – da gibt es eigentlich kaum ein Problem, da spielt z.B. der Lärmschutz keine Rolle, die haben quasi in ihrer Nutzungsart Bestandsschutz. Ja, also, wenn dort Kinder taub werden, ist nicht so schlimm, wie an einer deutlich leiseren Immobilie, die bisher keine Schule, kein Kindergarten war, wo es eine Neuzulassung geben müße für diese Nutzungsart. Das haben wir jetzt ganz konkret erlebt, wir sind ja auch umgestiegen von öffentlich-rechtlichem Gebäudeeigner auf privaten Gebäudeeigner, und das sind dann eigentlich immer keine Schulen gewesen vorher, und da sind die Behörden ganz eng. Fast zu, will ich mal sagen. Normalerweise dürfte in Leipzig nirgendwo mehr ein Kindergarten eröffnet werden wegen der Lärmbelastung. Ein Haus in einer relativ ruhigen Straße in einem Vorort von Leipzig in einem Neubau haben die als zu laut uns ausgelegt. Und deswegen haben sie von vornherein gesagt: „Für die Immobilie brauchen sie gar keinen Antrag stellen.“

Kriterien außer Lärmschutz

Martin Wilke: Gibt es außer Lärmschutz da noch andere Kriterien?Uwe Hartung: Ganz viele, ganz viele! Aber Lärmschutz ist ein Totschlagargument, weil die Straße kannst du nicht einfach sperren. Du kannst Brandschutztüren einbauen, du kannst einen zweiten Fluchtweg schaffen, du kannst das alles machen. Aber was du eben nicht machen kannst, ist eine Straße beruhigen. Wenn überhaupt, ist das ein Riesenaufwand. Da mußt du selbst jemanden in der Gründungsgruppe haben, der Macht hat in dem Bereich. Richtig Macht. Die ganzen Toilettengeschichten und so, das läßt sich dann bauen irgendwie, einrichten. Und da bekommt man auch seitens des Landes-Jugendamtes sehr gute Konditionen im Sinne von: „Machen sie das mal bis dann und dann.“ Da muß es vorliegen, muß es geändert sein. Also mit Auflagen. Man kann dann aufmachen mit Auflagen, daß es nach einer bestimmten Zeit dem geforderten Zustand entspricht. Aber was nicht geht, ist so eine Straße … Das ist einmal Lärm- und einmal Schadstoffemission, die hier eine Rolle spielen. Wie gesagt, hier in Leipzig müßten alle Kindergärten eigentlich geschlossen werden.

Suche nach Mitarbeitern

Martin: Wie habt Ihr die Mitarbeiter gefunden, die in der Schule arbeiten sollen oder wollen?Uwe: Also, über die Findung der Mitarbeiter…da gab es ziemliche Auseinandersetzungen. Jetzt ist es so: wir haben Leute, die aus der Gründungsgruppe heraus gesagt haben: „wir wollen da Mitarbeiter werden“, quasi in die engere Wahl genommen. Und die haben dann Mitarbeitergespräche geführt… also untereinander…diese Zielgruppe…inhaltliche Vorbereitung der Schule…und die gebildet. Aber es gab durchaus Überlegungen, sofort eine offene Ausschreibung und sofort eine Wahl zu machen…also eine Wahl, die nicht die Gründungsgruppe trifft, sondern die Schulversammlung. Und dann haben wir uns gesagt, ja gut, aber wenn es jetzt Probleme gibt mit denen, dann kann das ganze System platzen, am Start, weil das System noch nicht stabilisiert ist…das Konzept. Und deshalb sind wir darauf gekommen zu sagen, gut, wir schauen uns gegenseitig in die Augen, wer ist von denen, die da arbeiten wollen, auch in der Lage und auch bereit, dieses Konzept zu leben an so einer Schule. Deshalb haben wir dann gesagt, wir nehmen keine Bewerbung von außen an, sondern, wir überlassen es der Schulversammlung, wann sie sich selbst definiert als kompetent, jetzt die Personalfragen zu übernehmen. Und wir rechnen damit, dass schon im Frühjahr die erste offizielle Wahl stattfinden kann.

Qualifikation der Mitarbeiter

Martin: Welche Kompetenzen waren entscheidend bei der Frage, wer an der Schule arbeiten soll? Was sollen die Mitarbeiter als Gruppe alles können oder aufweisen?Uwe: Ja, das ist vielgestaltig, also erstmal aus dem Gründungsprozess heraus und aufgrund unserer konzeptionellen Vorstellung war das Wichtigste, dieses Vertrauen zu haben, dass diese emotionale Kompetenz da ist… also Schüler so gewähren zu lassen, wie einem das selbst nicht gewährt wurde…als man in der Schule war,…früher. Ich denke, das ist nach wie vor der Kernpunkt und die eigentliche Qualifikation zum Sudbury-Mitarbeiter…,in sich die Stärke zu finden, jedem Schüler sein eigenes Lernen und Leben zu lassen. Also das Recht auf das eigene Leben ist eine ganz wichtige Geschichte und erfordert eine hohe emotionale Kompetenz. Das ist der Kernpunkt, das Wichtigste. Dann haben wir natürlich auch von formalen Anforderungen her überlegt, dass es nicht so übel ist, wenn der eine oder andere Lehrer mit dabei wäre, dass es auch nicht so übel ist, (und wahrscheinlich sogar noch wichtiger, weil dort auch sehr stringent vorgegangen wird, dass man Erzieher hat für die Zeit nach der Schule, also sozusagen als Ganztagsschule, dass man für den Hortbereich Erzieher hat und für den Kindergartenbereich. Also da gibt es in den Gesetzen, die hier gelten, ganz strenge Vorschriften, d.h. im Kindergarten dürfen nur Leute arbeiten, die Kindergartenerzieher sind und im Hortbereich arbeiten eben Horterzieher. Das sind zwei verschiedene Sachen. Das wird meistens … in einer Ausbildung zum staatlich geprüften Erzieher beides unterrichtet und die Qualifikation reicht dann aus, um im Kindergarten und im Hort zu arbeiten. Aber wir hatten auch einen Fall, da hatte eine Frau eine Bestätigung als Horterzieherin; das war dann aber nicht gleichbedeutend damit, dass sie auch mit Kindern zwischen 3 und 6 arbeiten kann. Und wenn man die Kinder im Kindergarten anmeldet, dann braucht man einen Leiter oder eine Leiterin; und da gibt es dann noch viel engere Vorschriften. Entweder muss es ein Diplom-Sozialpädagoge sein (es ist egal, was der kann oder was der ist, spielt keine Rolle, den Schein braucht er, also das Diplom), oder staatlich geprüfter Erzieher, aber dann mit drei Jahren Berufserfahrung.

Martin: … und so an nicht formalen Qualifikationen? Ich könnte mir vorstellen, dass es wahrscheinlich hilfreich ist, jemanden zu haben, der gut mit Computern umgehen kann oder jemanden, der einen Führerschein besitzt und ganz ähnliche Dinge, die dafür wichtig sind, dass die Mitarbeiter den Schülern behilflich sein können und die Schule so am Leben bleibt.

Uwe: Also das ist erstmal vollkommen sekundär, weil erstens jeder Mensch solche Kompetenzen hat, zweitens es nicht vorhersagbar ist, welche Kompetenzen fachlicher Art werden von den Schülern überhaupt abgefragt. Das wird sich erst ergeben im Laufe der Bildungszeit und drittens weil das Schulkonzept so aufgebaut ist: mit einer regionalen Vernetzung. Wir haben also zusätzlich zu den 6 Mitarbeitern schon 8 externe Experten gebunden an uns, die sich bereit erklärt haben, wenn Bildungsbedürfnisse in verschiedene Richtungen entstehen, dass sie die abdecken, entweder auf Honorarbasis oder auf Ehrenamtlichenbasis. Und es gibt Firmen, die Praktikumsplätze zur Verfügung stellen, bis hin sogar zu vollen Berufsausbildungsplätzen. Es gibt diese Vernetzung und insofern spielt es eigentlich keine Rolle, was jetzt diese 6 Leute an fachlicher (inhaltlicher) Sache anbieten können, weil das gesamte Spektrum des Wissens sowieso die Schule nicht abdecken kann. Aber sie kann behilflich sein als Basis für die Erlernung dieser Bildung, indem sie unterstützend wirkt bei Kontakten, wo sie so von vornherein ein Netz webt, wo die Schüler sich darin was aussuchen können.

Martin: …ich dachte, so neben den fachlichen Sachen auch an organisatorische Kompetenzen.

Uwe: Ja, das ist ganz wichtig. Das hat sich ja in der Zusammenarbeit gezeigt…da sind jetzt zum Beispiel die drei Bereiche, die organisatorisch abgedeckt sind in der Vorbereitung, aus denen sind 2, die dann auch Mitarbeiter werden. Das bin ich und die Antje Pittner, die den Bereich Finanzen und Immobilien macht und noch die Buchhaltung durchführen wird. Und da haben wir natürlich darauf geschaut. Das ist auch eine Sache, die hat sich auch so selbstverständlich ergeben…, dass wir gesagt hätten: „du warst aber nicht so zuverlässig und alles was du so in die Hand genommen hättest, ist irgendwie komisch geraten.“ Da würde man dann auch sagen, das hat keinen Sinn, jetzt als Mitarbeiter.

Kosten vor Eröffnung der Schule

Martin: Welche Kosten sind vor Eröffnung der Schule durch das Gründungsverfahren angefallen und wie habt Ihr diese gedeckt?Uwe: Also, da haben wir jetzt eine große Schwierigkeit, dazu eine Aufstellung zu geben, alldieweil wir sitzen jetzt hier im Büro von Herrn Dolotschek. Wir haben seit 1. April das Büro, ohne dass wir etwas dafür bezahlen, inklusive Telephon usw., also das müsste man mal aufstellen und mal fragen, wie viel das ist. Wenn man die günstige Situation hat, dass bestimmte Firmen mit an der Gründung beteiligt sind, dann kriegt man viele Sachen kostenlos. Also, ich selbst habe z.B. … April, Mai, Juni, Juli, August …so ca. 4000 Euro gekostet dem Verein als Büroleiter. Dann haben wir für diverse Ausgaben, was Öffentlichkeit angeht … Plakate bereiten, auch dann mal wieder Vieles kostenlos bekommen, aber auch einige Summen ausgegeben, z.B. das Mimsy-Wochenende. Das war diese Konferenz im April. Das waren sicher über 1000 Euro gewesen, die da aufgelaufen sind, allein 500 für den Flug. Ja, also, das ist schwer, das zu beziffern. Ich könnte mal so grob sagen, 10000 sollte man schon in die Hand nehmen, wenn man nichts ehrenamtlich oder kostenlos kriegt, wobei, selbst das wird nicht reichen, wenn man z.B. nicht mal die konzeptionelle Arbeit selbst abdecken kann. Das kommt immer darauf an, was man abdecken kann. Wenn man selbst das Konzept schreibt, das ist dann wahrscheinlich einer der größten Posten, also was das meiste Geld kosten wird. Und ich würde sagen, für deutsche Sudbury-Initiativen wird sich das erübrigen, also auch in Zukunft, denn Ihr habt ein Konzept, wir haben ein Konzept, wir stellen das zur Verfügung. Ja, die Moritz-Bastei, der größte Studentenclub Europas gehört zu unseren Sponsoren, so dass wir Veranstaltungsräume…größere…quasi kostenlos nutzen konnten. Deshalb habe ich ein bisschen Probleme mit der Bezifferung des Aufwandes. Ich denke, auch andere Initiativen sollten sich im Sinne einer regionalen Vernetzung und Einordnung, um mehr Kontakte zu bekommen, um solche Möglichkeiten kümmern an ihren Orten.

Deckung der Kosten

Martin: Wir habt Ihr die Kosten, die letztendlich doch noch angefallen sind gedeckt?Uwe: Also einmal haben wir Mitgliedsbeiträge. Das sind 10 Euro pro Monat. Das sind also aktuell über 400 Euro, die wir an Mitgliedsbeiträgen bekommen. Dann haben wir Spenden. Es gib einige Spender…größere…kleinere…und es haben Mitglieder der Gründungsgruppe selbst Beiträge geleistet, also auch in Form von Spenden bzw. haben Bürgschaften übernommen, wenn wir irgendwelche Risiken eingegangen sind, z.B. das Projekt für die Immobilie durch den Umbau, das kostete uns jetzt sozusagen als Ausgleichszahlung (weil wir nun nicht da reingehen) eben 2000 Euro und das sind verschiedene Mitglieder, die das jetzt beibringen müssen, weil sie eben eine Bürgschaft abgegeben haben.

Kontakt zu anderne Organisationen

Martin: Welche Kontakte habt Ihr zu anderen Vereinen oder Organisationen?Uwe: Naja, erstmal haben wir ganz gute Kontakte zu Euch (der Berliner Gründungsgruppe), zu den Überlingern, zu der Lüneburger Gruppe, die sich jetzt entwickelt und formieren will; hier zu dem Mütterzentrum Leipzig…was haben wir hier noch so für Vereine und Gruppen…also der Verein Moritz-Bastei…das ist dort getrennt; es gibt diesen kommerziellen restwirtschaftlichen Betrieb und einen Verein…da haben wir gute Kontakte hin.

Martin: Und das läuft darauf hinaus, dass Ihr dort Räume nutzen könnt?

Uwe: Ja, also richtig große Veranstaltungsräume sind das.

Kontakt zu Wissenschaftlern

Martin: Habt Ihr Kontakt zu irgendwelchen Wissenschaftlern (Erziehungswissenschaftlern, Neurologen, Hirnforschern)?Uwe: Ja, das kann man so sagen, aber die Kontakte sind bisher noch nicht so sehr fruchtbar gewesen. Wir haben also zum Manfred Spitzer Kontakt. Der wäre auch hier nach Leipzig gekommen, um einen Vortrag, eine Veranstaltungsreihe zu halten. Nur haben wir das bisher nicht gemacht. Das kostet am Stück gleich 3000 Euro. Im Sinne einer wohlwollenden Zusammenarbeit, die nichts kosten würde, haben wir das nicht. Zur Erziehungswissenschaftlichen Fakultät haben wir mehrfach versucht Kontakt aufzunehmen und haben jetzt über den Reporter, der den Bildbeitrag gemacht hat, also in „Bild-Leipzig“ einen Hinweis bekommen, dass es da einen Professor Hörner gibt, der sagt: „Solche Schulen soll man einfacher zulassen“. Da habe ich jetzt mal eine Mail hingeschrieben. Da werde ich mich sicher kümmern, dass wir so etwas stärker rankriegen. Aber sonst ist eher nicht so sehr … ah, es gibt noch eine Dr. Uta Schlegel, die arbeitet an so einem Institut an der Martin- Luther-Universität (Halle/Wittenberg) und mit der habe ich jetzt schon mal grob vereinbart so eine wissenschaftliche Begleitung, so ein Vorgespräch quasi gemacht. Und wir haben eine Verantwortliche in unserer Gruppe für wissenschaftliche Begleitung. Die betreibt das dann weiter.

Kontakt zu anderen Schulen

Martin: Habt Ihr Kontakte zu oder Zusammenarbeit mit bestehenden Alternativschulen in Deutschland?Uwe: Eigentlich nicht, nein.

Betreuung der Interessenten

Martin: Vielleicht noch einmal eine Frage zu Leuten, die sich für Eure Schule bzw. den Verein interessieren, aber selbst nicht unmittelbar mitarbeiten wollen. Habt Ihr da irgendeine Form der Interessentenbetreuung, wie die sich dauerhaft informieren oder angebunden werden können?Uwe: Naja, wir haben ja diese Möglichkeit, auf der Website einzutragen als Interessent und geben dann monatlich einen Newsletter heraus. Und wir nutzen diese…es gibt so eine Interessentenliste als Mailverteiler, nutzen das immer mal, wenn wir denken, jetzt müssten wir eine Mitteilung rausgeben, die außerhalb der Newsletter noch wichtig wären. Ansonsten haben sie die Möglichkeit, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Da sind wir, so gut es geht und wenn wir es einrichten können, offen dafür.

Konflikte in der Gründungsgruppe

Martin: Gab es irgendwelche Konflikte in Eurer Gründungsgruppe, die auch anderen Gründungsgruppen passieren können? Denkt Ihr, dass Ihr irgendwelche Sachen falsch gemacht habt, die Ihr heute anders machen würdet?Uwe: Also, da kann ich beide Fragen mit JA beantworten. Natürlich gab es und gibt es immer wieder Konflikte. Das ist einfach nicht zu vermeiden, wenn sich so eine große Gruppe von Menschen trifft, die sehr aktiv und sehr selbstbewusst sind und die quasi einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich so eine Schule eröffnen wollen, aber ansonsten vollkommen verschiedene Ansätze haben zu leben. Die einen sind bedacht auf Öko-Essen, die anderen sind bedacht auf Billig-Essen, zum Beispiel. Das sind also zwei Sachen, die ziemlich problematisch miteinander korrespondieren. Und wenn man dann z.B. ein Catering zu bestellen hat für so eine Konferenz wie im April, dann gibt es erstmal ein paar Glaubenskriege. Ja, aber andererseits, es gibt auch Leute, die sind auch ohne spezielle religiöse Anbindung, die sind eben christlich und auch dort gibt es dann mal das eine oder andere Gefecht. Dann natürlich auch in der Öffentlichkeitsarbeit, die einen wollen das eher in einem kleinen, engen Rahmen machen, die anderen wollen mehr offensiv sein. Also, Meinungsverschiedenheiten sind da, aber das sind dann aber meistens keine richtig komplizierten Sachen. Falsch gemacht haben wir natürlich mit dem Versuch innerhalb von drei Monaten eine möglichst prominent besetzte Bildungskonferenz zu organisieren. Das ist kein Zeithorizont, in dem solche Größen wie der Professor Spitzer oder der Professor Singer überhaupt planen. Das ist quasi nicht möglich. Das war natürlich ein grober Fehler. Wir hatten da viel Energie reingesteckt und am Ende ist nicht viel übrig geblieben von dem Ansatz. Wir hätten mit deutlich geringerem Aufwand dort mit der Mimsy im April mehr Ergebnis erzielen können. Und das wird auch einhellig so gesehen, dass das ein falsches Herangehen war.

Was sonst noch wichtig ist

Martin: Gibt es noch irgendwelche Dinge, die Dir einfallen, die berichtenswert sind, irgendwelche Sachen, die ich jetzt nicht gefragt habe und die für Eure Arbeit aber wichtig waren?Uwe: Naja, wir hatten vorhin schon mal etwas gesprochen … also, dieses Corporate Design, das halte ich für eine ganz wichtige Angelegenheit … dass man diesen Wiedererkennungseffekt hat. Dass der Aufwand dafür gering ist. Es bedeutet deutlich weniger Schwierigkeiten, wenn man nicht immer das ganze Logo … ein wieder erkennbares Design habe, dass ich erkenne, dass das etwas miteinander zu tun hat, die eine Information mit der anderen, wenn die so miteinander verpackt ist, wieder erkennbar verpackt ist. Ich denke: das ist ganz wichtig. Die Mühe sollte sich jeder machen. Was dann auch noch dazu kommt … die Nutzung des Netzes deutschlandweit, dass wir Eure Informationen nutzen konnten, Eure Übersetzungen. Das ist eine ganz wichtige Geschichte, dass wir auch dafür für die Zukunft etwas findet, um das noch zu effektivieren. Diesen Austauschprozess, diese Synergien herzustellen, also, Arbeiten, die andere schon gemacht haben nicht noch ein zweites Mal zu machen mit dem gleichen Zeitaufwand oder mit einem größeren betreiben zu müssen. Wenn ich eine gut Konzeption vorfinde, kann ich die ja lesen und darüber diskutieren, was ich anders sehe, da kann ich dort gleich ansetzen und das weiterentwickeln, als wenn ich anfange, die ganz von Neuem zu schreiben. Und ich glaube, das sollte, aus meiner Sicht, eine Website geben, eine gemeinsame, wo das übersichtlich zugänglich, geordnet vorgefunden wird. Also, eine Mailingliste ist dafür kein günstiger Ersatz, weil…da musst du erst in der ganzen Liste nach dem suchen, was du wolltest … also ich gucke z.B. in der Sudbury Germany niemals in die History rein. Das nervt mich so …, was noch wichtig ist. Also, die Mimsy hat im April einen ganz entscheidenden Satz geprägt. Sie sagte: “To be as normal as possible.“ D.h.: wenn ich schon ein so außergewöhnliches Schulprojekt anbiete, dann sollte man das nicht noch verkomplizieren, indem man in anderen Bereichen auch noch etwas Seltenes oder Unübliches anbietet, wegen mir die Verknüpfung von dem Schulprojektes mit einer Öko-Ausrichtung, also nicht noch zusätzlich einengende Sachen, oder Schule und Schulpflicht abschaffen, also politische Ziele. Das sollte man tunlichst unterlassen … diese Verknüpfung herzustellen, d.h. sich konzentrieren auf die Schule oder bei uns jetzt Netzwerk, das soll funktionieren … und da alles ringsherum auf diese Geschichten konzentrieren, und ansonsten das so normal wie möglich zu machen, um einfach den anderen Leuten zu ermöglichen, zu erleichtern den Zugang zu dem Konzept, dass da nicht von vornherein so von vielen Leuten gedacht wird, das sind eh nur Spinner. Ich denke, das ist eine ganz wichtige Geschichte und da haben wir uns auch sehr gefunden, also auch Leute, die ganz verschiedene spezifische Ansichten hatten und haben die dann konzentriert auf die Schule. Das hat uns auch erleichtert, Abweichungen von dieser Linie zu besprechen und das quasi dann wieder zu korrigieren. Wenn man einmal dieses Selbstverständnis hat, wir wollen jetzt eine Schule machen, dann ist das klar. Das ist unabhängig davon, dass ich überzeugt bin, dass Schulpflicht Mist ist und das die weg muss, aber das ist nicht die Baustelle „Sudbury Schule Halle-Leipzig e.V.“, sondern das ist eine Baustelle … da muss ich mich darum kümmern, wenn ich beim „Bundesverband Natürlich lernen“ oder im KRÄTZÄ bin, wo das dann hingehört. Also, das würde ich dann deutlich trennen und nicht in so eine Schulgründungsinitiative integrieren wollen, verkompliziert sehr.

Bildungsnetzwerk

Martin: Vielleicht kannst Du ja noch kurz etwas zu dem Bildungsnetzwerk sagen, was Du jetzt mehrfach erwähnt hast.Uwe: Das Bildungsnetzwerk ist jetzt für die Familien, deren Söhne und Töchter nur nicht die Schule besuchen können, weil sie nun nicht an den Start gehen kann aufgrund rechtlicher Fragen, ein Ersatz. Und dieses Bildungsnetzwerk wird nach Sudbury-Prinzipien arbeiten und wird privat getragen erstmal von den beteiligten Familien, ohne dass sie in irgendeiner Weise eine rechtliche Form bilden. Wahrscheinlich ist das dann…eine GbR, wenn man sich zusammentut und etwas gemeinsam betreibt wird man ja dann als GbR eingestuft, rein rechtlich. Das wird man dann sehen. Das Bildungsnetzwerk hat jetzt auch erst mal hingenommen, dass es diese 6 Mitarbeiter gibt, dass wir Immobilien brauchen und dass das finanziert werden muss. Es funktioniert im Prinzip schon ganz ähnlich, wie die Schule gedacht war, nur mit einer stärkeren Orientierung auf externe Lernorte. D.h.: es gibt ein Zentrum, wo sich Schüler jeden Tag treffen können und es gib externe Lernorte, wo im Moment 12 verschiedene eingeschrieben sind. Das sind so wie hier Büros, Firmen von Beteiligten und auch Wohnungen, in denen bestimmte Sachen gemacht werden, Bildungsarbeit eben.

Martin: Ich habe dann erstmal keine weiteren Fragen. OK. Dann wäre es das. Danke.

Letztes Update ( Montag, 30 Oktober 2006 )