Freiheit, Langeweile und Motivation

von Stephanie Sarantos, The Clearwater School

Die Schüler können frei entscheiden, was sie tun, womit sie sich beschäftigen – an jedem einzelnen Tag des Jahres. Daher überrascht es, wenn man einen Schüler sich lautstark beklagen hört: “Die Schule ist so langweilig! Es gibt hier gar nichts zu tun!” Wie können sich Schüler in einer Schule langweilen, in der es keine Pflicht-Aufgaben, keine vorgeschriebenen Lehrinhalte oder Stundenpläne gibt? Schüler, die von anderen Schulen zu uns wechseln, haben häufig die Erwartung, der Langeweile zu entfliehen, wissend, daß sie genau die Dinge werden tun können, die sie am meisten interessieren. Statt dessen haben sie Gelegenheit zu entdecken, daß Clearwater-Schüler eine völlig andere Art von Langeweile erleben. Langeweile, die zu großartigen Ergebnissen führt – so z.B. Eigeninitiative, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzen und sie zu erreichen.

In traditionellen Schulen kommt Langeweile für gewöhnlich aus dem Mangel an Freiheit. Die Schüler können kaum entscheiden, wie sie ihre Zeit verbringen. Sie können jedoch “entscheiden”, auf welche Weise sie ihre Langeweile zum Ausdruck bringen. Die Reaktion der Lehrer, Eltern und Schulanstalten geschieht je nach dem, welche Ausdrucksform der einzelne Schüler wählt. Beispielsweise finden einige Schüler, die Schule sei einfach uninteressant – vielleicht sind die Fächer zu trocken, zu einfach oder zu schwer. Die Schüler können auf diese Gefühle reagieren, indem sie während des Unterrichts vor sich hinträumen, zeichnen, schreiben oder über etwas anderes nachdenken. Die Schulen reagieren, indem sie versuchen, den Unterricht unterhaltsamer zu machen, um so mehr Schüler zu beschäftigen.

Andere Schüler finden, daß die Schule nicht zu ihrem Temperament, ihrem Lernstil oder persönlichen Rhythmus paßt. Sie wollen gewöhnlich gerade dann aktiv sein, wenn sie still an ihren Schultischen sitzen müssen. Sie fangen dann oft an, “den Unterricht zu stören”, hinter ihrem Leistungspotential zurückzubleiben und zu einem Problem für die Schulverwaltung zu werden. Die Schulen bezeichnen häufig diese Schüler als “Problemschüler” oder “Gefährdete Kinder”. Möglicherweise bietet man ihnen Interventionen an oder bestraft sie. Ein weiterer Teil der Schüler erlebt die Schularbeit als zu einfach oder unter ihrem Niveau. Sie schöpfen vielleicht ihr Leistungspotential nicht aus, hören ganz auf mitzuarbeiten, oder sie lernen, das System zu benutzen, und bekommen gute Zensuren – ohne ernstlich dafür zu arbeiten. Schulen ignorieren diese Schüler oft.

An der Clearwater School wird von den Schülern nicht erwartet, daß sie verpflichtende Aktivitäten interessant finden. Sie können frei, den ganzen Tag lang ihrem eigenen Rhythmus folgen. Die Mitarbeiter machen es sich nicht zur Aufgabe, Schülern zu sagen, was für sie wichtig wäre zu wissen, zu tun oder worüber sie nachdenken sollen. Die Freiheit, durch die Sudbury-Schulen definiert sind, führt zu einer anderen Art von Langeweile.

Eine Art von Langeweile zum Beispiel ist: “Ich weiß genau, was ich tun will, aber ich tue es nicht.” Sie kann entstehen, wenn etwa ein Freund noch nicht in der Schule eingetroffen ist, Materialien nicht verfügbar sind oder der Schüler warten muß, bis er mit einer Sache dran ist. Manchmal bedeutet Langeweile: “Ich weißt nicht, was ich tun möchte.” Die Schüler genießen ihre Freiheit eine Zeit lang – sie verfolgen eifrig bestimmte Beschäftigungen über Tage, Wochen oder Monate – aber oft kommt dann ein Tag, an dem nichts mehr sie mitzureißen scheint. Es gelingt ihnen nicht herauszufinden, was sie als nächstes tun wollen. Diese Art von Langeweile zeigt sich als zielloses Umherstreifen, als Sich-im-Kreis-drehen, oder darin, an einem Ort rumzusitzen und zuzusehen, wie andere Schüler in den Raum ‘rein- und wieder ‘rausströmen. Diese Langeweile ist wie eine Ruhepause, ein Raum, der sich öffnet und leer bleibt, bis der Schüler vom nächsten Tatendrang gepackt wird.

Eine andere Art von Langeweile scheint eine Phase des Reifens und der Bildung zu sein. “Die Schule ist so langweilig” bedeutet: “Ich bin noch nicht bereit, die Verantwortung dafür zu tragen, was ich in der Schule, und schließlich auch mit meinem Leben, tue.” Das ist eine Art notwendiger Langeweile. Sie hat nichts damit zu tun, wie jemand mit einem von außen auferlegten System von Erwartungen oder Handlungsweisen zusammenpaßt. Diese Langeweile ist wesentlich persönlicher. Sie drückt das Bedürfnis jedes Einzelnen aus, eine Bedeutung für sein Leben zu finden.

An der Clearwater School wird Langeweile als eine Phase des Lernens angesehen. Gelangweilte Schüler werden nicht bestraft oder mit irgendwelchen Bezeichnungen abgestempelt. Die Mitarbeiter versuchen nicht, ihnen die Langeweile zu erleichtern, in dem sie Entertainment oder Ideen für eine produktive Nutzung der Zeit anböten. Wenn Mitarbeiter Hilfe anbieten, dann geht es darum, den Schülern zu helfen, aus der erlebten Langeweile zu lernen und sie zu verstehen. Mitarbeiter reden vielleicht mit Schülern, um ihre Situation und ihre Empfindungen zu verstehen oder um ihre eigenen Langeweile-Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Den Mitarbeitern ist vielleicht selbst unbehaglich, wenn sie Schülern zusehen, die gerade Langeweile durchleben – aber sie widerstehen der Versuchung einzugreifen. Die Schüler werden der Erfahrung des vollen Ausmaßes ihrer Langeweile und der damit verbundenen Gefühle überlassen.

Es ist letztendlich Sache eines jeden Schülers, selbst einen Weg aus der Langeweile zu finden – die Verantwortung dafür zu übernehmen, herauszufinden, was er mit seinem Leben machen will. Hal Sadofsky ist Absolvent der Sudbury Valley School und Mitbegründer der Blue Mountain School in Oregon. In seinem Artikel “Entertainment, Boredom and Responsibility” im Blue-Mountain-School-Newsletter gibt er seine Antwort auf Klagen über Langeweile:

“Das ist das Leben! Es liegt an dir, einen Kurs einzuschlagen, den du interessant und lohnend findest. Schließlich ist es dein Leben, und das muß dir klar werden. Das ist dein Leben; mach daraus, was du willst!”

Persönliche Verantwortung für alle eigenen Handlungen zu übernehmen ist eines der Kennzeichen einer Clearwater-School-Bildung. Hal bemerkt dazu: “Die grundlegendste Lektion, von der wir hoffen, daß unsere Schüler sie lernen, ist, daß sie verantwortlich für ihre eigene Bildung und eigentlich sogar für ihr Leben sind. Dies und alles, was damit einhergeht, tatsächlich zu verinnerlichen ist die beste Lektion, die sie für ihr weiteres Leben haben können. Ich glaube, Wissen und Fertigkeiten zu erwerben ist wichtig, aber ich glaube nicht, daß ich jemanden dazu zwingen kann oder sollte. Für unsere Kinder ist viel wichtiger zu lernen, daß, wenn sie etwas wertschätzen, es sich lohnt, dafür zu arbeiten, und daß, wenn sie ein Ziel haben, das ihnen wichtig ist, sie die Verantwortung dafür übernehmen müssen, es zu erreichen.”

Die Schüler lernen, wie sie Verantwortung für ihr Leben übernehmen, indem sie sie praktizieren. Jedes Mal, wenn Schüler entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen, lernen sie, wie es sich anfühlt, die Verantwortung für den Verlauf des eigenen Lebens zu tragen. Für persönliche Leistungen verantwortlich zu sein kann wunderbar bestärken; für Langeweile verantwortlich zu sein kann schmerzen. Schüler, die in Langeweile feststecken, haben noch nicht herausgefunden, wie sie die Verantwortung für ihre nächste Handlung während des Tages übernehmen – geschweige denn für die Richtung ihres Lebens.

Der Weg aus der Langeweile heraus besteht darin, sie zu durchschreiten. Letztendlich wird den Schülern bewußt, daß niemand anderes ihnen sagen wird, was sie tun sollen, und sie beginnen, darüber nachzudenken, was ihnen wichtig ist. Sie finden den Mut, Entscheidungen zu treffen, die auf ihren Interessen und den Zielen, die sie für ihr Leben haben, basieren. Dieser Prozeß kann Monate oder gar Jahre dauern. Die Fertigkeiten, die man bei der Transformation von Langeweile zu Motivation an der Schule erhält, bereiten die Schüler auf ihr Erwachsenenleben vor. Sie praktizieren die Fertigkeit des Entscheidungen-treffens und entwickeln Eigeninitiative und Selbstvertrauen. Diese Eigenschaften sind die Investition von Zeit und Vertrauen wert, die die Clearwater School bietet.