Die Sudbury Valley School [Auszug]

Scott David Gray – ehemaliger Schüler und heute Mitarbeiter an der Sudbury Valley School

Die Sudbury Valley School besteht jetzt seit mehr als 30 Jahren. Mehrere andere Schulen innerhalb und außerhalb unseres Landes (USA) sehen den Erfolg unserer Schule und übernehmen unser Schulmodell.

Die Schule nimmt Schüler ab vier Jahren auf und vergibt High-School-Abschlüsse. Es ist eine Privatschule, die auf Schulgeld angewiesen ist und sich nicht um Spenden oder Zuschüsse bemüht. Studien über unsere ehemaligen Schüler zeigen, daß sie in jeder Hinsicht “erfolgreich” sind; die meisten haben ihre gewünschte Berufslaufbahn eingeschlagen oder sind aufs College gegangen; die meisten haben ein gutes Einkommen, und – was meiner Meinung nach die beste Definition von Erfolg ist – die meisten sind glückliche Menschen.

Das Schulgebäude ist eine schöne viktorianische Villa auf einem vier Hektar großen Gelände. Sie ist eingerichtet wie eine Wohnung, mit Sofas, bequemen Stühlen, Büchern überall (anstatt in einer Bibliothek versteckt), usw. Das Gelände ist sehr gut geeignet für Sport und Spiele. Die Schule bietet verschiedene Möglichkeiten, sich zu betätigen: Musikräume, einen Kunstraum, einen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet, eine Dunkelkammer, ein Klavier, eine Stereoanlage, einen Teich, der gut zum Angeln geeignet ist, mehrere Computer, usw.

Die (mindestens 4 Jahre alten) Schüler dürfen während des Tages tun, was sie wollen, solange sie dabei die Schulregeln einhalten (später mehr dazu). Das Schulgelände ist “offen” und die meisten Schüler kommen und gehen, wie sie wollen, ohne das mit einem Büro absprechen zu müssen oder ähnlichem Blödsinn. Niemand ist gezwungen, am Unterricht teilzunehmen, und tatsächlich: Unterrichtsstunden sind selten und haben wenig mit dem üblichen Verständnis von Schulunterricht zu tun. Es gibt keine Tests oder Zensuren irgendeiner Art. Schüler und Mitarbeiter (Lehrer) sind in jeder Hinsicht gleichgestellt. Schüler und Mitarbeiter reden sich mit dem Vornamen an, und die Beziehungen zwischen Schülern und Mitarbeitern unterscheiden sich kaum von den Beziehungen der Schüler untereinander.

Die Schule wird demokratisch durch die Schulversammlung (School Meeting) geleitet. Die Schulversammlung findet wöchentlich statt und besteht aus den Schülern und den Mitarbeitern (wobei jeder eine Stimme hat und nach Robert’s Rules of Order verfahren wird). Die Schulversammlung entscheidet alle bedeutenden Angelegenheiten: Sie wählt aus seinen Reihen Zuständige für Verwaltungsaufgabe (ja, es wird kein Unterschied zwischen Schülern und Mitarbeitern gemacht, was die Wählbarkeit für ein Amt angeht), sie legt die Regeln der Schule fest (die von einem Justizkommittee durchgesetzt werden, siehe später), macht finanzielle Ausgaben, legt der School Assembly [Mitgliederversammlung des Trägervereins] das Jahresbudget zur Genehmigung vor, stellt Mitarbeiter ein, entläßt sie oder stellt sie wieder ein (es gibt keine Beschäftigungsgarantie, jeder Mitarbeiter kann jedes Jahr wiedergewählt werden), usw.

Die School Assembly trifft sich einmal im Jahr, und besteht aus den Schülern, den Mitarbeitern und den Eltern der Schüler (da die meisten Eltern das Schulgeld bezahlen, ist es nur als vernünftig anzusehen, ihnen etwas Mitspracherecht bei der Verwendung ihres Geldes zu geben). Die School Assembly muß das (von der Schulversammlung vorgelegte) Budget genehmigen. Dieses beinhaltet die Höhe des Schulgeldes, das Gehalt der Mitarbeiter, usw. Außerdem stimmt die Assembly darüber ab, ob den Schülern, die dies wünschen, ein Schulabschluß gegeben wird. Die Assembly ist das Gremium, in dem über die grundsätzliche Ausrichtung der Schule entschieden wird.

Innerhalb der Schule werden die Regeln mit einem Justizsystem durchgesetzt, welches im Laufe der letzten 30 Jahren mehrere Male neudefiniert wurde. In seiner jetzigen Erscheinungsform besteht es vor allem aus dem Justizkomitee. Dieses besteht aus zwei Präsidiumsmitgliedern, die alle zwei Monate gewählt werden (bisher immer Schüler), fünf jeden Monat zufällig ausgewählten Schülern und einem Mitarbeiter, der nur für einen Tag ausgewählt wird. Das Justizkomitee untersucht Beschwerden über Verletzungen von Schulregeln und erhebt manchmal Anklage. Wenn das Justizkomitee Anklage gegen jemanden erhebt und er oder sie auf unschuldig plädiert, kommt es zu einer Verhandlung. Wenn sich derjenige schuldig bekennt oder nach der Verhandlung schuldig gesprochen wurde, entscheidet das Justizkomitee über das Strafmaß. Urteile, die von dem Beklagten (oder anderen) als unfair empfunden werden, können vor der Schulversammlung angefochten werden.

Alle Mitglieder der Schulversammlung sind vor dem Gesetz gleich. Und tatsächlich war der erste Schuldspruch gegen Mitarbeiter gerichtet. Typische Urteile sind Sachen wie “für zwei Tage nicht nach draußen gehen dürfen”, “für eine Woche nicht in die obere Etage gehen dürfen”, usw.

Demokratie allein ist aber nicht genug, um eine stabile glückliche Gemeinschaft zu erschaffen. Die von Aufständen geplagten demokratischen Stadtstaaten des Alten Griechenlands sind ein Beweis dafür. Es ist ebenso wichtig, daß persönliche Freiheiten und Rechte respektiert werden. Als solche sichert die Schule ihren Schülern die Freiheiten zu, die in der Bill of Rights garantiert werden; normalerweise wird Schülern in der amerikanischen Gesellschaft nicht die Gedanken- oder Religionsfreiheit zugestanden (ein Elternteil kann sein Kind in die “Sonntagsschule” zwingen), die Versammlungsfreiheit (in traditionellen Schulen wird ihnen nicht einmal erlaubt, ohne Erlaubnis des Lehrers, ihren Platz zu verlassen, um aufs Klo zu gehen), usw.

Als “Zweck” von Schulen gilt die Bildung. Ich möchte darlegen, warum wir glauben, daß Freiheit und Demokratie für Kinder die beste Umgebung zum Lernen sind. [...]