Aha, Ihr seid also eine Art …

Gemeinsamkeiten und Unterschiede gegenüber anderen Modellen

von Romey Pittman, einer Gründerin der Fairhaven School

Nachdem sie eine kurze Erklärung der Philosophie unserer Schule gehört haben, versuchen die Leute verständlicherweise, sie mit etwas zu verbinden, das sie schon kennen. Die am häufigsten genannten “Ihr seid also eine Art soundso” sind hier aufgelistet. Wir haben versucht, in dem, worin wir uns von anderen Philosophien unterscheiden, fair aber deutlich zu sein. Wir haben jedoch nicht alle Einzelheiten dieser Bildungs-Modelle dargelegt und Vergleiche nicht von jedem Blickwinkel aus gemacht. Wir hoffen, daß die untenstehenden Erklärungen helfen, klarzustellen, um was es im Sudbury-Modell wirklich geht, und um was nicht.

… Montessori-Schule?

In mancher Hinsicht ähnelt das Sudbury-Modell dem Montessori-Ansatz. In beiden Umgebungen haben Kinder mehr Freiheit als in den meisten anderen Schulen, Entscheidungen darüber zu treffen, was sie interessiert und mit welchem Tempo sie vorankommen wollen. Beide Modelle gehen außerdem von der Grundannahme aus, daß Kinder von Natur aus neugierig sind und nicht zum Lernen gezwungen werden müssen.

Aber Montessori-Kinder können sich nur aus den vom Lehrer angebotenen spezifischen Optionen etwas aussuchen, und nicht aus dem gesamten Angebot an Aktivitäten, die das Leben selbst darstellt. Montessori-Erzieher glauben, daß alle Kinder nach bestimmten Mustern und Abfolgen lernen. Sie bauen die Unterrichtsaktivitäten auf den Annahmen des Modells, was für die jeweilige Altersgruppe “entwicklungsmäßig angemessen” ist, auf, und verhindern den Zugang zu bestimmten Aktivitäten, wenn Aktivitäten, die in der vorgeplanten Abfolge früher stehen, nicht abgeschlossen sind. Das Sudbury-Modell hat keine feste Vorstellung davon, wie einzelne Kinder in welchem Alter lernen. Es gibt nicht etwa die Erwartung, daß man Multiplizieren lernt, bevor man negative Zahlen lernt, oder daß man Kreise zeichnen vor Rechtecken lernt. Interesse ist das einzige Kriterium für jegliche Aktivität, und Befriedigung die einzige Auswertung des Erfolges.

… Waldorf-Schule?

Wie Waldorf-Schulen kümmern sich Sudbury-Schulen um das ganze Kind. Wir sind nicht nur an akademischem Erfolg interessiert, sondern auch am Glück und am vollen menschlichen Potential jedes Einzelnen. Wie Waldorf-Schulen drängen wir Kinder nicht frühzeitig dazu, Lesen zu lernen, wie traditionelle Schulen es tun. Wir halten beides für wichtig: Spielen, vor allem “tiefgründiges” Spielen, weil es für die Entwicklung des geistigen, körperlichen, emotionalen und spirituellen Selbsts der Kinder wichtig ist; genauso wie die fundamentale “Arbeit” der Kinder. Wir respektieren die intuitive Weisheit der Kinder und wir nehmen auch ihre Weltanschauungen und Interessen ziemlich ernst.

Aber das Sudbury-Modell tritt nicht für einen besonderen Weg spirituellen oder emotionalen Wachstums ein. Anstatt Kindern zuzuhören, um sie besser führen zu können, hören wir ihnen zu, um auf ihre selbstbestimmten Bedürfnisse einzugehen. Anders als Waldorfpädagogik haben wir keinen vorbestimmten Lehrplan. Wir vertrauen Kindern, daß sie ihre eigenen Fehler machen, sich durch ihre eigenen Probleme arbeiten und zu ihren eigenen Lösungen kommen – wenn nötig mit Hilfe, aber ohne die Annahme, daß wir das beste Ergebnis wüßten.

Waldorfpädagogen bemühen sich, Kinder – und Gesellschaft im allgemeinen – in eine bestimmte Richtung zu drängen, und versuchen, eine Umgebung zu erschaffen, die diese gesellschaftliche Transformation begünstigt. Sudbury-Schulen hingegen versuchen, eine Umgebung zu erschaffen, in der Kinder ihren eigenen Plan finden und verfolgen können. Kinder und Erwachsene beurteilen und verändern die Kultur der Schule gemeinsam durch die Schulversammlung. Der demokratische Prozeß in einer Sudbury-Schule kann laut und streitend sein; er beinhaltet spezielle Interessengruppen, die Politik machen, Wähler, die sich Urteile bilden, Angeklagte, die verurteilt werden. Es ist “real” und nicht unbedingt “aufgeheitert” (dennoch immer respektvoll). Das Sudbury-Modell zielt einfach darauf ab, Kindern Zugang zur vollen Komplexität des Lebens zu geben, und ihnen zu helfen, die Neugier, das Vertrauen und die Kompetenz zu geben, damit sie in der Gesellschaft teilnehmen können – und vielleicht auch daran, sie nach ihren eigenen Interessen, ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und ihren Zielen, zu verändern.

… progressive Schule?

Sudbury-Schulen glauben – wie auch progressive Schulreformer -, daß traditionelle Schulen nicht funktionieren. Beide sehen autoritäres Lehren und autoritäre Verwaltung als Probleme an, und versuchen, die Belastung zu reduzieren, die Schüler erfahren, wenn sie zum Lernen gezwungen und durch “objektive” Tests bewertet werden.

Aber das Sudbury-Modell lehnt auch die Auffassung ab, daß die Alternative zu Autoritarismus Freizügigkeit sei – nette Lehrer, die den Kindern eine zweite und dritte Chance geben, sich anzupassen, die versuchen jeglicher Unglücklichkeit vorzubeugen und sich verbiegen, damit “Lernen Spaß macht”, so daß Kinder lernen, ohne mitzubekommen, daß sie lernen. Wenn Kinder freizügig/nachgiebig behandelt werden, lernen sie keine persönliche Verantwortung für ihre Taten. Erwachsene in progressiven Schulen behalten immer noch die Autorität, diese zweite Chance zu garantieren oder nicht; einzuschreiten, um Streits zu lösen; Verhaltensregeln in ihren Schulen zu etablieren. Es kann in progressiven Schulen eine Illusion von Freiheit oder demokratischer Entscheidungsfällung geben, aber wenn Kinder schlechte Entscheidungen treffen, behalten Erwachsene immer die Macht, einzuschreiten und die Probleme für sie zu lösen.

In Bezug auf das Lernen versuchen progressive Schule oft, daß der Lehrplan den Interessen der Schüler folgt. Aber wenn man nach den Interessen eines Kindes unterrichtet, ist das Ergebnis, wie Daniel Greenberg argumentiert hat, wie wenn ein Elternteil darauf wartet, bis das Kind seinen Mund zum Sprechen öffnet, bevor das Elternteil ihm die Medizin einflößt, die es ihm geben wollte. Kinder, die ein paar Stunden lang ein Interesse zeigen, Cowboy und Indianer zu spielen, können sich dann sechs Wochen lang mit Amerikanischen Ureinwohnern beschäftigen müssen, unabhängig davon, ob ihr Interesse anhaltend ist oder nicht. Das Kind, dem auf diese Weise Medizin verabreicht wird, könnte lernen, niemals seinen Mund zu öffnen, wenn ein Erwachsener mit einem Löffel in der Nähe ist; der Schüler, dem auf diese Weise Bildung verabreicht wird, könnte lernen, kein Interesse zu zeigen, zumindest nicht in der Schule.

Etwas Neues zu lernen kann harte Arbeit sein, und Kinder sind ziemlich fähig zu harter Arbeit – wenn sie an etwas arbeiten, das sie tun wollen. Wenn ein Schüler ein ernsthaftes Interesse hat, kann man ihn nicht stoppen; und “Spaß daraus zu machen”, ist oftmals eine nicht hinnehmbare Ablenkung. Wir glauben, daß, wenn ein Schüler ein Interesse hat, er das Recht haben sollte, es nur so weit zu verfolgen, wie es ihm nötig erscheint. Er kann zu einem wichtigen Gedanken später zurückkehren, um sein Interesse zu vertiefen, aber ihn zu zwingen, es zu vertiefen, wird nur dazu führen, seine Neugier und seinen Sinn für Selbstbestimmung zu mindern.

Einige progressive Schulen bieten eine Auswahl an Kursen an, aber verlangen keine Anwesenheit. Sudbury-Schulen haben keine Standard-Angebote. Denn seinem eigenen Plan zu folgen, kann herausfordernd, manchmal schmerzhaft und manchmal langweilig sein. Wir denken, daß Langeweile eine wertvolle Gelegenheit sein kann, um Entdeckungen an seinem Selbst zu machen. Oft ist es einfacher, im Unterricht zu sitzen, unterhalten zu werden (vielleicht nicht so gut, wie das Fernsehen unterhält, aber immer noch besser als gar nichts), und Druck von Eltern zu vermeiden; als sein eigenes Leben zu planen, mit seinen eigenen Fragen zu kämpfen, zu lernen, nach Antworten zu suchen, und sein eigenes Ziel zu meistern.

… Homeschooling (Heimunterricht)?

Es gibt eine besondere Philosophie des Homeschoolings, oft “unschooling” genannt, die viele Gemeinsamkeiten mit dem Sudbury-Modell hat. John Holt war ihr bekanntester Befürworter. Seine Schriften waren für uns unschätzbar, um erklären zu helfen, wie Lernen gerade ohne Lehren stattfinden kann, und warum auf Erden sich ein Kind dafür entscheiden kann, Arithmetik oder ein anderes Fach zu lernen, von dem man annimmt, daß es schrecklich wäre. Unschooler glauben – wie wir -, daß Kinder von Natur aus neugierig auf die Welt sind und im Leben erfolgreich sein wollen, und daß Kinder am besten durch Erfahrung und Ausprobieren lernen, und nicht dadurch, daß man ihnen sagt, wie und was sie denken sollen. Mit John Holts Worten: “Wirkliches Lernen ist ein Prozeß des Entdeckens, und wenn wir wollen, daß er stattfindet, müssen wir die Art von Bedingungen schaffen, unter denen Entdeckungen gemacht werden … Sie beinhalten Zeit, Freiheit und die Abwesenheit von Druck.”

Aber Unschooler sehen, größtenteils, die Familien-Umgebung als den besten Ort für ein Kind an, um aufzuwachsen, während das Sudbury-Modell glaubt, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt: “Man braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen.” Kinder und Eltern haben komplexe Beziehungen und gegenseitige Abhängigkeiten, die es für die Kinder schwerer machen, innerhalb der Familie wirkliche Unabhängigkeit zu entdecken. In der Umgebung einer Sudbury-Schule werden Kinder direkt mit persönlicher Verantwortung für ihre Handlungen konfrontiert, ohne die emotionale Last, die Verantwortung auf Familienebene manchmal mit sich bringt. Außerdem sind Kinder in einer demokratischen Schule eher in der Lage, einige wichtige soziale Fertigkeiten zu entwickeln – die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu tolerieren, gegen unangebrachtes Verhalten etwas zu sagen, und Gruppenprojekte zu entwickeln und auszuführen, zum Beispiel. In den meisten Homeschooling-Familien sieht sich das Elternteil als letztlich verantwortlich für die Bildung des Kindes, während die Veranwortung an Sudbury-Schulen beim Kind bleibt.

… Schülervertretungen in traditionellen Schulen?

Die Versammlungen in Sudbury-Schulen haben nur in sofern Ähnlichkeit mit Schülervertretungen, als daß sie aus Schülern bestehen. Aber die Schulversammlung ist eine direkte Demokratie, in der jeder Schüler und jeder Lehrer die Möglichkeit einer direkten Stimme in jeder getroffenen Entscheidung hat. Schülervertretungen sind repräsentativ – Schüler werden ausgewählt, um die Schülerschaft zu vertreten.

Wichtiger noch ist, daß Schülervertretungen kaum jemals wirkliche Macht über wesentliche Angelegenheiten gegeben wird. Gewählte Positionen dienen vorrangig als Symbole von Status, Popularität und “Führungspotential” zum Zwecke der Zulassung am College. Die Schulversammlung entscheidet jedes Jahr, wer das Personal (Lehrer) sein wird, wie das Schulgeld ausgegeben wird, wie jede einzelne Regel der Schule sein wird, und wer für die Verletzung dieser Regeln suspendiert oder zum Abgang gezwungen wird. Lehrer sind auf gleicher Ebene eingebunden. Gern argumentieren sie für ihre Positionen. Aber sie sind genauso an die Regeln der Schule gebunden. Als eine freie Mehrheit erfahren die Schüler wirkliche Kontrolle über ihr Leben an der Schule, und reale Konsequenzen, wenn sie es versäumen, den Verantwortungen nachzukommen, die solche Kontrolle von ihnen erfordert. Diese Art von Schulleitung führt zu einer Identität der Gemeinschaft und zu einem Gefühl individueller Macht, die zu erreichen von keiner Schülervertretung erwartet werden könnte.