Häufige Fragen

Aus den FAQs der Fairhaven School, der Cedarwood Sudbury School
und der Sudbury Valley School


Was ist eine Sudbury-Schule?

Warum vollkommene Lernfreiheit?

Mangelt es an einer demokratisch geleiteten Schule nicht an Struktur?

Wie stellt Eure Schule sicher, daß die Schüler das Grundwissen lernen, das in anderen Schulen formal gelehrt wird?

Aber mein Kind ist nicht motiviert zu lernen. Wird es an Eurer Schule nicht einfach seine Zeit verschwenden?

Wenn Schüler gelangweilt sind, regt Ihr sie dann an, etwas zu tun zu finden?

Was geschieht, wenn ein Schüler gar nichts tut?

Wenn Eure Schule Schüler nicht mit Wissen in Berührung bringt, wie finden sie dann heraus, was sie möchten?

Wenn ihr ihnen nicht Mathe, Wissenschaften oder Geschichte beibringt, wie stellt ihr dann sicher, daß die Schüler überhaupt mit diesen Themen in Berührung kommen? Was, wenn Ihr einen Schüler habt, der ein großartiger Biologe sein könnte, er aber nie mitbekommt, daß dieses Gebiet überhaupt existiert?

Wird ein Schüler im späteren Leben nicht im Nachteil sein, wenn er sich jetzt dafür entscheidet, ein wichtiges Thema zu ignorieren?

Was ist mit Chancengleichheit? Sollten nicht allen Schülern die gleichen Fähigkeiten gegeben werden?

Was für Schüler habt Ihr?

Woher wißt Ihr, daß das wirklich funktioniert?

Was ist eine Sudbury-Schule?

Fairhaven School (1999): Sudbury-Schulen, das sind Schulen, die nach dem Vorbild der Sudbury Valley School arbeiten, die vor 31 Jahren in Framingham (Massachusetts, USA) gegründet wurde. In den Vereinigten Staaten, Dänemark, Israel und Australien gibt es insgesamt etwa 20 Schulen, die auf diesem Modell basieren. Dieses Modell ist auf zwei Grundsätzen gegründet: Lernfreiheit und Demokratie. An Sudbury-Schulen sind das nicht nur Phrasen, sondern Realität. Die Schüler entscheiden selbst, womit sie ihre Zeit verbringen. Und alle Entscheidungen, die die Schulgemeinschaft betreffen, werden von allen, die von der Entscheidung betroffen sind, durch Mehrheitsentscheidung getroffen.

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Warum vollkommene Lernfreiheit?

Fairhaven School: Wenn Kinder auf die Welt kommen, haben sie die instinktive Fähigkeit und innere Motivation, mit Sachen und Ideen umzugehen und Beziehungen mit anderen Leuten einzugehen, um die Welt zu begreifen, in die sie hineingeboren wurden, und einen sinnvollen Platz in ihr einzunehmen. Mit anderen Worten: Alle Menschen werden als Schüler des Lebens geboren; zum Lernen müssen sie nicht gezwungen oder manipuliert werden.

Sie brauchen auch keinen formalen Lehrplan, genauso wie Kleinkinder keinen formalen Plan brauchen, um sprechen zu lernen. Ihr Spiel, ihre Gespräche und ihr ganzes Leben sind sehr gut geeignet, ihnen die grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln, die sie in unserer komplexen, sich schnell verändernden Welt zum Überleben brauchen. Ihre Neugier und der Wunsch, erfolgreiche Erwachsene zu werden, sind für Schüler Motivation genug, jenen speziellen Fähigkeiten und Interessen aktiv nachzugehen, die Erfolg auf dem Arbeitsmarkt bzw. in weiterführenden Schulen mit sich bringen. Wir glauben, daß ein vorgefertigter Lehrplan dem eigenen Plan des Schülers in die Quere kommt. Dadurch, daß sie ihren eigenen Interessen nachgehen, sind die Schüler ständig mit Dingen beschäftigt, die sie als herausfordernd und anregend und deshalb im weitesten Sinne als „bildend“ empfinden.

Untersuchungen haben gezeigt, daß die Bestechung und Bestrafung, die man braucht, um Leute dazu zu bringen, Sachen zu lernen, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben – daß diese Maßnahmen der inneren Motivation schaden und die Menschen davon abhalten, diese Sachen zu tun, sobald Belohnung oder Bestrafung nicht mehr in Aussicht stehen. Mit anderen Worten: Der vorbestimmte Lehrplan, die Unterordnung der Gruppe unter den Willen des Lehrers und die Noten zur Belohnung oder Bestrafung von Leistung, die man in traditionellen Schulen vorfindet, wirken sich auf lange Sicht verheerend auf die natürliche eigene Fähigkeit und Motivation zu lernen aus.

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Mangelt es an einer demokratisch geleiteten Schule nicht an Struktur?

Fairhaven School: Überhaupt nicht. Demokratie ist auch in der Hand von jungen Menschen weder Anarchie noch Gewaltherrschaft wie in „Herr der Fliegen“. Demokratie an der Fairhaven School beinhaltet ganz klare Regeln für Ordnung und Leitung der Schule. Die Schulversammlung (School Meeting) trifft sich einmal in der Woche und stellt neue Regeln auf oder streicht bestehende, entscheidet, wie das Budget ausgegeben wird und stellt (einmal im Jahr) Mitarbeiter ein bzw. entläßt sie. Jeder Schüler und jeder Mitarbeiter (Lehrer) hat die Möglichkeit, an der Schulversammlung teilzunehmen und die Leitlinien der Schule zu beeinflussen, indem er von der Kraft des Überzeugens und von der Macht seiner (Wahl-)Stimme gebraucht macht. Die Schulversammlung wird nach Robert’s Rules of Order geleitet. Die Schüler lernen, Anträge zu ändern, Gleichgesinnte hinter sich zu bringen und mit den Entscheidungen der Mehrheit zu leben. Mit anderen Worten: Die Schüler erfahren das wahre Leben in einer Demokratie, die sich widersprechenden Bedürfnisse der verschiedenen Interessengruppen, die Spannungen und das Gleichgewicht zwischen den Rechten des Einzelnen und den Bedürfnissen der Gemeinschaft sowie den unvermeidlichen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung.

Auch bei der Durchsetzung der Regeln gelten Demokratie und rechtsstaatliche Prinzipien. Schüler haben z.B. das Recht auf einen fairen Prozeß und das Recht, das Urteil anzufechten. Jeder ist verpflichtet, einen kleinen Teil des Jahres im Justizkomitee tätig zu sein. Der Prozeß kann manchmal zeitraubend und bürokratisch sein, wie in jeder Demokratie, aber letztendlich ist er der einzig logische Weg, eine Schule zu leiten, deren Ziel es ist, die Schüler auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten.

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Wie stellt Eure Schule sicher, daß die Schüler das „Grundwissen“ lernen, das in anderen Schulen formal gelehrt wird?

Fairhaven School: Wir vertrauen darauf, daß die Schüler ein Bedürfnis – und damit auch einen inneren Grund – verspüren werden, die Fertigkeiten zu erlernen, die tatsächlich grundlegend sind, um in unserer Gesellschaft Erfolg zu haben. Jeder braucht Lese- und Schreibfertigkeiten, um einem Freund zu e-mailen oder die Anleitung eines neuen Gerätes zu lesen; oder Mathe, um ein Soda zu kaufen oder etwas zu bauen. Über dieses traditionelle „Grundwissen“ hinaus gibt es eine Menge von Informationen, die im Leben nützlich sind. Warum Allergien die Menschen krank machen, wie Versicherungsanstalten funktionieren, was ein „Angeklagter“ ist – das sind Beispiele von Dingen, die wir alle wahrscheinlich zu wissen gebrauchen können. Aber jeder aufmerksame Mensch wird solche grundlegenden Informationen sein ganzes Leben lang mitbekommen, durch Gespräche, Fernsehen, Lesen oder eigenes Erleben. Andererseits gibt es viele Dinge, die an gewöhnlichen Schulen gelehrt werden – wie z.B. daß John Adams unser zweiter Präsident war, die Luftströmungen über der Sahara oder die Anzahl der Abgeordneten im Congress –, welche die Schüler, die ihr Leben an Fairhaven verbringen, entweder mitbekommen oder auch nicht. Wenn ein Schüler an den Einzelheiten eines Fachgebietes interessiert ist, sind die Möglichkeiten jedenfalls unbegrenzt. Die Schule hilft den Schülern, Zugang zu den Informationen bekommen. Dies geschieht durch unsere Bibliothek, durch das Internet, durch Exkursionen, Praktika und gelegentlich auch durch Unterricht oder Kurse, die von unseren Mitarbeitern abgehalten werden oder von jemandem, der für diesen Zweck zeitweise angestellt wird.

Cedarwood Sudbury School: Die Schule bietet eine Umgebung, in der Wissen nützlich ist. Zum Beispiel findet man überall in der Schule geschriebenes: Entlang der Wände stehen Regale voll mit Büchern, die Benutzungsregeln für Computer und Sportausrüstung sind ausgehängt, und auch bei den Tagesordnungen und Protokollen, die zur Demokratie der Schule gehören, kommt Schrift vor. Früher oder später erkennt jeder die Nützlichkeit des Lesenlernens. Mitarbeiter, andere Schüler und oft auch die Eltern werden ihm oder ihr dann helfen, diese Fähigkeit zu erwerben.

Ähnlich verhält es sich nicht nur mit anderem „Grundwissen“, sondern auch mit wichtigen Fertigkeiten, die in anderen Schulen nur selten betont werden. Bei uns arbeiten die Schüler hart daran, ihre Gesprächsfähigkeit zu verbessern, andere Menschen mit Respekt zu behandeln und selber für Sauberkeit in den Räumen zu sorgen. Sie lernen auch, wo ihre Interessen liegen, und wie sie die Dinge erreichen, die sie wirklich wollen.

Obwohl diese Fertigkeiten oft schwer zu meistern sind, lernen die Schüler sie freiwillig – weil sie so nützlich sind. Menschen sind von Natur aus so geschaffen, daß sie nützliche Dinge lernen wollen – Kleinkinder, die die unglaublich komplexen Fähigkeiten des Laufens und Sprechens meistern, beweisen das. Und sie lernen diese Dinge ohne die Hilfe eines „Lehrplans“ oder irgendwelcher „Lehrmethoden“.

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Sudbury Valley School (Wayne Radinsky): Kinder müssen nicht zum Lesen gezwungen werden. Wenn du überall Zeichen sehen würdest, die für dich wie Unsinn aussehen, jeder um dich herum sie aber verstehen könnte – würdest du es dann nicht auch können wollen? Kinder sind durch ihre eigene Neugier motiviert – es gibt etwas, das sie lesen wollen, also lernen sie Lesen, um an diese Information zu kommen. Bei einigen Kindern kommt der Wunsch zu lesen, wenn sie jünger sind, und bei einigen, wenn sie älter sind. Aber letztendlich lernen sie es alle. Und wenn sie es tun, ist es leicht zu lernen – es ist so viel einfacher, einem Kind etwas beizubringen, das interessiert ist, als einem, das man dazu zu zwingen versucht. Und: Das Alter des Kindes spielt, sobald es das Lesen gelernt hat, keine Rolle. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Lesefähigkeit eines Kindes, das mit sechs Jahren Lesen gelernt hat, und der eines Kindes, das es mit zehn Jahren gelernt hat.

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Aber mein Kind ist nicht motiviert zu lernen. Wird es an Eurer Schule nicht einfach seine Zeit verschwenden?

Fairhaven School: Es gibt viele Gründe für ein Kind, zeitweise seine natürliche Motivation zu lernen zu verlieren. Die Erfahrungen aus traditionellen Schulen können Schüler gelangweilt, rebellisch oder mit Angst zu versagen zurücklassen. Es kann sein, daß das Kind motiviert ist zu lernen, daß es aber einen anderen Plan verfolgt als den seiner Schule oder den seiner Eltern. Es kann fasziniert sein von Video-Spielen, Freundschaft und sozialen Kompetenzen, davon, Autofahren zu lernen, oder ein einzigartiges Mode-Image zu entwickeln. An der Fairhaven School werden alle Beschäftigungen geschätzt, nicht in dem Maße, wie sie in den Plan der Erwachsenen passen oder die Schüler direkt auf Berufsziele vorbereiten, sondern in dem Maße, in dem Schüler interessiert sind, ihnen nachzugehen. Interesse bedeutet, daß der Verstand beschäftigt ist, und die Schüler lernen notwendigerweise, sich zu konzentrieren, bei ihrer Tätigkeit zu bleiben und ihrer eigenen Fähigkeit zu lernen zu vertrauen.

Es ist gegen die Natur des Menschen, Eintönigkeit zu suchen. Niemand möchte gelangweilt sein. Jene Schüler, die verletzt, „ausgebrannt“ und entschlossen, „nichts“ zu tun, auf die Schule kommen, beginnen unvermeidlich – wenn auch manchmal sehr langsam – ihr Leben als ihr eigenes anzusehen, und sie begeben sich auf eine starke persönliche Suche nach ihren eigenen Interessen. Jene, deren leidenschaftliche Interessen von anderen geringgeschätzt oder durch die Notwendigkeit, im traditionellen Unterricht erfolgreich zu sein, eingeschränkt wurden, spüren, wie aufregend die Freiheit ist, seinen Leidenschaften an Fairhaven zu folgen. Kleine Kinder, die zu Hause vom Fernsehen und von Video-Spielen fasziniert sind, durchleben oft eine Phase, in der sie ganz in ihre Leidenschaft vertieft sind, nur um herauszufinden, daß die Welt außerhalb ihres spezifischen Interesses unwiderstehlich faszinierend und voll von Herausforderungen ist. Kinder, die Heimunterricht hatten, suchen oft erst die Versicherung durch Erwachsene, und begeben sich dann in soziale Interaktion, indem sie als Unabhängige bewußt ihre mangelnde Erfahrung auf dem Gebiet der Freundschaft, der Konflikte und der Kooperation ausgleichen.

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Wenn Schüler gelangweilt sind, regt Ihr sie dann an, etwas zu tun zu finden?

Fairhaven School: Beinahe jeder erlebt Phasen von Langeweile an der Schule. Vor allem in den ersten Monaten des Besuchs durchleben Schüler, die gewohnt waren, daß andere bestimmen, wie sie ihren Tag verbringen, eine Phase, in der sie sich orientierungslos fühlen und manchmal die Hilfe von Erwachsenen suchen, um „etwas zu tun“ zu finden. Mit Langeweile klarzukommen, ist eine der wichtigsten Sachen, die ein Schüler an Fairhaven tut. Und die Mitarbeiter wollen nicht in die Quere kommen mit dieser für den Schüler sehr günstigen Gelegenheit, wirklich anzufangen, schwierige Fragen zu stellen wie: „Was ist mir wichtig?“ „Was möchte ich machen?“ „Wer bin ich eigentlich?“ „Warum kann ich nichts finden, das mich interessiert?“ „Was muß ich tun, damit das und das passiert?“ Unterhaltsame Aktivitäten anzubieten und Vorschläge zu machen, würde bedeuten, diese wichtigen Stufen des Übergangs zu einem wirklich selbstbestimmten, eigenmotivierten Erwachsensein auf später zu verschieben.

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Was geschieht, wenn ein Schüler gar nichts tut?

Cedarwood Sudbury School: Die Schule greift nicht ein, wenn ein Schüler nichts zu tun scheint. Manchmal braucht man einfach Zeit, um nachzudenken, zu spielen oder sich zu vergnügen. Früher oder später werden andere Bedürfnisse oder Interessen immer auftauchen.

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Wenn Eure Schule Schüler nicht „mit Wissen in Berührung bringt“, wie finden sie dann heraus, was sie möchten?

Cedarwood Sudbury School: Unsere Schule setzt Schüler einer Menge Dinge aus. Am wichtigsten davon ist vielleicht die Erfahrung voller persönlicher Verantwortung. Da die Handlungen der Schüler freiwillig sind, wissen die Schüler, daß sie für die Konsequenzen die volle Verantwortung tragen. Ein gelangweilter, unzufriedener oder einfach neugieriger Schüler weiß, daß er allein dafür verantwortlich ist, die Initiative zu ergreifen. Zu den anderen wichtigen Dingen, denen unsere Schule sie aussetzt, gehören Freiheit, Respekt gegenüber anderen, direkte Demokratie, Betriebsführung und persönlicher Kontakt zu Leuten jeden Alters. Es gibt eine umfangreiche Bibliothek, die in allen Räumen ganze Wände einnimmt, und Zugang zum Internet. Außerdem gibt es sowohl unter den Schülern als auch den Mitarbeitern unterschiedlichste Individuen, die sich über viele Dinge unterhalten und viele Dinge tun. Wenn z.B. ein Schüler an einem Projekt arbeitet, ist es unvermeidbar, daß viele andere Schüler davon erfahren. Schüler und Mitarbeiter organisieren oft Ausflüge oder improvisieren Expeditionen, die den Schülern helfen, etwas über bestimmte Aspekte der „wirklichen Welt“ zu erfahren. Und außerhalb der Schule werden die Schüler mit Informationen überflutet, durch die Medien, ihre Familie und Freunde, und einfach die Umgebung, mit der sie zu tun haben.

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Wenn ihr ihnen nicht Mathe, Wissenschaften oder Geschichte beibringt, wie stellt ihr dann sicher, daß die Schüler überhaupt mit diesen Themen in Berührung kommen? Was, wenn Ihr einen Schüler habt, der ein großartiger Biologe sein könnte, er aber nie mitbekommt, daß dieses Gebiet überhaupt existiert?

Sudbury Valley School (Daniel Greenberg): Die Schule sieht es nicht als ihre Aufgabe – ja noch nicht einmal als eine sinnvolle Aufgabe – an, sicherzustellen, daß Schüler mit irgend einer Auswahl von Themen in Berührung kommen. Die Anzahl der Wissensgebiete, denen in der Welt gegenwärtig auf eine produktive Art und Weise nachgegangen wird, ist so unermeßlich, daß es absurd ist zu versuchen, irgend jemanden mit ihnen allen in Berührung bringen zu wollen. Es ist eine Frage der individuellen Vorlieben und Abneigungen, eine kleine Auswahl von Themen herauszugreifen und sie für wichtiger als andere zu erachten. Die Frage, ob jemand ein großer Biologe, großer Musiker oder großer Was-auch-immer sein könnte, läßt sich nie beantworten. Dreh es einfach um und frage: „Was, wenn Mozart mit Arabischer Philosophie in Berührung gebracht worden wäre; vielleicht wäre er ein großer Historiker der Arabischen Philosophie geworden!“, und die Einfalt der Berührungs-Frage wird deutlich. Die Anzahl der Bereiche ist enorm, mit denen man in Berührung kommt – genauso enorm wie die Zahl derer, mit denen man nicht zu tun bekommt. Welches Gebiet das Schicksal für einen als Lebensinhalt vorgesehen hat, kann niemand vorher wissen.

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Wird ein Schüler im späteren Leben nicht im Nachteil sein, wenn er sich jetzt dafür entscheidet, ein wichtiges Thema zu ignorieren?

Cedarwood Sudbury School: Die moderne Gesellschaft ist so vielfältig und verändert sich so schnell, daß es keine Möglichkeit gibt, vorherzusehen, welches Wissen man irgendwann braucht. Deshalb ist es unvermeidbar, daß unsere Schüler sich schließlich in Situationen wiederfinden werden, für die sie unzureichend vorbereitet sind – genauso wie die Absolventen traditioneller Schulen. Unsere früheren Schüler haben jedoch die Erfahrung gemacht, für ihre Bildung wirklich selber verantwortlich zu sein. An Cedarwood lehnen Schüler sich nicht zurück und warten darauf, daß jemand sie unterrichtet. Statt dessen entscheiden sie, was sie wissen müssen, und finden dann einen Weg, es zu lernen. Und das ist auch die Art, wie Erwachsene gewöhnlich etwas lernen; und sie ist effektiver, als zu versuchen, Wissen in der Hoffnung anzuhäufen, daß irgendwann etwas davon nützlich sein könnte. (Traurig zu sagen, daß die meisten von uns – die wir uns Monate und Jahre dem schriftlichen Dividieren, der Trigonometrie, dem Auseinandernehmen von Sätzen zwecks Bestimmung der grammatischen Einzelteile sowie Büchern, die einem zur Vorbereitung auf eine Prüfung helfen sollen, gewidmet haben – die Zeit hätten sinnvoller nutzen können.)

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Was ist mit Chancengleichheit? Sollten nicht allen Schülern die gleichen Fähigkeiten gegeben werden?

Sudbury Valley School (Wayne Radinsky): Sudbury Valley versucht nicht, irgendeine Reihe von Fähigkeiten zu „geben“. Es hängt alles von der Motivation des Schülers ab – was will er lernen? Es wird jeder Versuch unternommen, den Schülern zu helfen, ihren Interessen zu folgen. Sie bekommen soviel Freiheit, wie ihre Motivation zuläßt, vorausgesetzt sie verletzt nicht die Freiheit der anderen Schüler. Traditionelle Schulen werden wie ein Fließbandbetrieb geleitet, mit dem Ziel, daß am Ende identische Produkte herauskommen. An Sudbury Valley gibt es keine Absicht, aus jedem das selbe zu machen oder jeden dazu zu bringen, irgendeine Kombination „grundlegender“ Fähigkeiten zu lernen. Jeder einzelne entwickelt sich zu einer einzigartigen Persönlichkeit, und dieser Prozeß beginnt in einem erstaunlich jungen Alter.

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Was für Schüler habt Ihr?

Cedarwood Sudbury School: Die Schüler sind eine Gruppe völlig unterschiedlicher Persönlichkeiten. Ihre Leistungen unterstützen die Vorstellung, daß die meisten Menschen Nutzen daraus ziehen, diese Art von Schule zu besuchen. (Tatsächlich sind demokratische Gemeinschaften, die auf dem Respekt für den Einzelnen aufbauen, wahrscheinlich für Erwachsene ebenso wie für Kinder die beste Umgebung.) Einige Schüler würden an konventionellen Schulen als begabt bezeichnet werden, während andere als „Schüler mit besonderem Förderbedarf“ angesehen würden. Die Schule würde auch gewöhnliche Kinder aufnehmen – wenn es solche Kinder überhaupt gäbe!

Will man ein Kind als Angehörigen einer bestimmten speziellen Gruppe charakterisieren, kann man über Gründe spekulieren, warum dieses Kind besonderen Nutzen davon haben könnte, unsere Schule zu besuchen. Zu solchen Gruppen gehören:

Mädchen. Viele Mädchen finden konventionelle Schulen übermäßig von Konkurrenzdenken geprägt und von Hierarchien dominiert, die auf Aussehen, sozialem Status und Geschlecht basieren. An Cedarwood gibt es keinen Wettbewerb um Zensuren, Anerkennung durch den Lehrer oder Positionen in einer Hierarchie. Statt dessen herrscht eine Atmosphäre von Kooperation und gegenseitigem Respekt.

Gelangweilte Schüler. Schüler können bei uns alles tun, was sie interessant finden.

Unterdrückte bzw. rebellische Schüler. Alle Regeln werden auf demokratische Weise in Kraft gesetzt und schriftlich niedergelegt, was den Schülern ein Gefühl von Besitz über die Regeln und die Schule selbst gibt. Das Bedürfnis zu rebellieren wird weiter reduziert durch die vollständige Kontrolle, die die Schüler über ihre eigenen Handlungen haben.

Schüler, bei denen das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom/Hyperaktivität diagnostiziert wurde. Diese Schüler können sich (wie alle anderen) frei bewegen. Sie können auch Arten zu lernen und zu handeln finden, die für sie effektiv sind.

Antriebslose Schüler. Ein Schüler ohne Initiative wird sich wahrscheinlich so sehr langweilen, daß er etwas interessantes finden wird, mit dem er sich beschäftigen kann.

Schlecht behandelte Schüler. Es wäre sehr außergewöhnlich, wenn hier ein Schüler wegen seines Aussehens, seiner Interessen oder persönlichen Eigenschaften schlecht behandelt würde. Respekt gegenüber jedem ist ein Prinzip, das Mitarbeiter und Schüler ernst nehmen. Dieses Prinzip wird durch die überschaubare Personenzahl der Schule verstärkt, weil jeder jeden als ganze Person kennt, und nicht nur als Nummer oder Gesicht in der Masse.

Konzentrierte Schüler. Ein Schüler, der sich in seine Beschäftigung völlig vertiefen möchte, hat Zeit, Gelegenheit und Unterstützung, das zu tun.

Idealisten. Einige Eltern und Kinder bevorzugen einfach eine unterstützende, demokratische Gemeinschaft, in der Schüler Freiheit und echte Verantwortung haben.

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Woher wißt Ihr, daß das wirklich funktioniert?

Fairhaven School: Absolventen von Sudbury Valley beweisen seit über 30 Jahren, daß dieses Modell funktioniert. Schüler, die keine Noten, keinen Rang innerhalb der Klasse, und teilweise überhaupt keinen formalen Unterricht haben, werden nach wie vor auf gute Colleges aufgenommen (aufgrund ihrer schriftlichen und persönlichen Vorstellung und, wo nötig, aufgrund ihrer Testergebnisse), sind erfolgreich in ihrer Kurs-Arbeit (oft müssen sie bestimmten Stoff „aufholen“, aber sie haben die Kraft und das Selbstvertrauen, dies leicht zu schaffen), und schlagen verschiedene interessante Karrieren ein. Jene, die sich entschieden haben, nicht aufs College zu gehen (etwa 20%) sind erfolgreiche Künstler, Handwerker, Händler, Musiker und Geschäftsleute geworden. Weiterhin sind Absolventen von Sudbury-Schulen sich klar ausdrückende, verantwortungsbewußte, unvoreingenommene Erwachsene, die – da sie ihre Bildung nie als die Verantwortung eines anderen, sondern als ihre eigene angesehen haben – weiter am Leben beteiligt sind und für den Rest ihres Lebens neue Sachen lernen.

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