Zwischen Scylla und Charybdis

Eltern, Kinder und Mitarbeiter
von Hanna Greenberg

Normalerweise konzentriere ich mich lieber auf die positiven Aspekte der Arbeit an Sudbury Valley. Mir macht es Freude, über die vielen Facetten des Lebens in unser kleinen Gemeinschaft nachzudenken, die so reich an wunderbaren Begegnungen und Erfahrungen ist. Jeder einzelne Schüler ist wie eine ganze Welt, und im Laufe der Zeit zeigt mir jeder von ihnen etwas neues, das ich bis dahin nicht kannte. Das ist es, weshalb ich nach so vielen Jahre immer noch an der SVS arbeiten möchte und weshalb es nie langweilig ist, dort zu sein.

Natürlich ist das Leben nie perfekt, und ebensowenig Sudbury Valley. Meinungsverschiedenheiten und Mißverständnisse kommen oft vor, wie es in jeder Gruppe von Leuten, die Platz, Zeit, Ressourcen und Verantwortungen teilen, zu erwarten ist. Schüler und Mitarbeiter gleichermaßen müssen lernen, mit diesen Problemen zu leben und das Unbehagen oder die Wut überwinden, die sie hin und wieder verspüren mögen. Ich bin da keine Ausnahme, und ich gebe zu, meinen Teil an Fehlern beigetragen zu haben, indem ich Dinge getan oder gesagt habe, die anderen wehtaten. Gelegentlich bin ich unsensibel, unachtsam oder nachlässig gewesen. Ich habe viele Dinge an der SVS getan, und ich bin hin und wieder von Schülern dabei ertappt worden, wenn ich mich nicht gerade weise oder intelligent verhalten habe. Gewöhnlich heben sie meine Unzulänglichkeiten hervor, und ich kann ihr auf meine Kosten gehendes Gelächter und sogar ihre Wut akzeptieren, weil es klar und ehrlich ist. Sie sagen mir ins Gesicht, was sie stört, und geben mir die Chance, mich zu erklären oder zu entschuldigen. In den meisten Fällen bin ich erstaunt über die Freundlichkeit und Toleranz, die die Schüler zeigen, und es hat mich gelehrt, anderen verständnisvoller zu begegnen als ich es tat, bevor ich an die SVS kam.

Gelegentlich bin ich verärgert oder wegen der Fehler oder Unachtsamkeiten anderer verletzt, und dann ist es an mir, die Angelegenheit mit den betroffenen Leuten offen zu diskutieren, um ihnen die Chance zu geben, sich zu erklären bzw. zu entschuldigen. Im großen und ganzen kommen die Leute an der Schule ganz gut zurecht, da sie diese Fähigkeit haben, Unzufriedenheiten zu äußern und sich mit Problemen von Angesicht zu Angesicht auseinanderzusetzen. In Fällen, in denen Leute nicht miteinander auskommen, können sie sich entscheiden, einander zu meiden und zu ignorieren.

Leider wird dieser Art des Zusammenlebens aus dem Gleichgewicht geworfen, wenn sich Leute einmischen, die den einzelnen Menschen an der Schule wichtig sind, aber die nicht Teil des täglichen Lebens an der Schule sind. Was ich hier beschreiben möchte, hat sich seit unserem Beginn im Jahr 1968 jedes Jahr ereignet. Unheimlicherweise scheint es dabei einem immer gleichen Drehbuch zu folgen. Wenn dieses Schauspiel nicht bei allen Beteiligten, einschließlich mir selbst, solche Schmerzen verursachen würde, fände ich es grotesk und unterhaltsam.

Es vollzieht sich wie folgt: Schülern wird von ihren Eltern direkt oder durch subtile Andeutungen zu verstehen gegeben, daß es gut für sie wäre, irgendeine Art von Unterrichtsveranstaltung zu besuchen. Die Kinder stimmen im Prinzip zu, sind dann aber nicht motiviert genug, es zu tun. Wir sehen dann Kinder, die um einen Kurs bitten, und sich dann auf eine Art verhalten, die nicht dazu paßt, an diesem Kurs wirklich teilnehmen zu wollen. So vergessen sie etwa ihre Verabredungen oder ihre Hausaufgaben. Sie kommen in den Kurs mit der Haltung „sag mir, was ich wissen muß, so daß ich mit diesem langweiligen Zeug so schnell wie möglich fertig bin und wieder tun kann, was mir Spaß macht“. Immer wieder sehen wir, wie intelligente Kinder kaum etwas lernen und jede Minute des Kurses hassen. Oft bitten sie die Mitarbeiter um Unterricht, unmittelbar bevor diese nach Hause gehen oder während sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind, aus dem deutlich erkennbar ist, daß sie gerade keinen Unterricht geben können. Dieses Verhalten steht in deutlichem Kontrast zu der Art, wie sie sich verhalten, wenn sie wollen, daß wir ihnen bei etwas helfen, das sie wirklich wollen. Dann verfolgen sie uns mit Fragen, warten auf uns, bis wir Zeit haben, uns um sie zu kümmern, sie behalten, was wir ihnen beibringen, und arbeiten eifrig aus eigenem Antrieb. Sie sind zweckorientiert und konzentriert, und in ihrem ganzen Verhalten wird deutlich, daß nichts sie davon abhalten wird, ihrem Interesse nachzugehen. Der Kontrast gegenüber dem Verhalten des selben Schülers, wenn von außen Druck ausgeübt wird, Unterricht zu nehmen, ist bemerkenswert.

Kinder befinden sich in einem Dilemma, wenn sie von ihren Eltern über Kurse ausgefragt werden, an denen sie kein wirkliches Interesse haben, aber die sie besuchen, um es ihren Eltern recht zu machen oder ihre Bedenken zu lindern. Wie sollen sie ihre Nicht-Leistung erklären? Sie drucksen herum, und wenn der Druck groß genug wird, beginnen sie, ihr eigenes Verhalten auf die Mitarbeiter zu projizieren. Sie sagen, fast immer gleichlautend, daß Hanna, Denise, Danny, Joan, Mikel, Mimsy oder Carol zu beschäftigt waren, um ihnen zu helfen, oder daß diese nicht zum Unterricht erschienen sind, oder erst viel zu spät, oder kein Interesse zu unterrichten hatten. Manchmal werden wir beschuldigt, shoppen zu gehen, statt uns den Schülern zu widmen! Als ich diesen Beschwerden über, sagen wir mal Joan oder Mimsy, das erste Mal hörte, dachte ich mir: „Es ist möglich, daß das stimmt, aber es ist seltsam, daß ihnen beiden genau das selbe Verhalten nachgesagt wird, wo ich sie beide doch als so verschieden kenne. Mimsy ist so gut organisiert, daß es unwahrscheinlich ist, daß sie eine Verabredung vergißt, und Joan ist gewöhnlich im Kunst-Raum und leicht zu finden. Wenn sie einkaufen geht, dann Kunst-Vorräte mit einem Schüler; all die anderen Kinder in dem Raum wissen dann, wo sie hingegangen ist.“ Ich wunderte mich: Kann es sein, daß sämtliche Mitarbeiter an Sudbury Valley ziemlich viel reden, aber sich weigern, den Bedürfnissen der Schüler Beachtung zu schenken? Könnte es sein, daß wir alle gleichermaßen vergeßlich sind, uninteressiert, uns den Bedürfnissen der Schüler zuzuwenden, und uns während ihrer Arbeitszeit dem Shoppen widmen? Das ergab keinen Sinn.

Erst nachdem diese Anschuldigungen, die sich zum einen oder anderen Zeitpunkt gegen jeden von uns richteten, immer wieder vorkamen, wurde das Muster langsam deutlich. Die immergleichklingende Art dieser Kritiken stellte die Wahrheit falsch dar und offenbarte ihre Ursprünge. Die Schüler wollen tun, was ihre Eltern für gut für sie halten. Es fällt ihnen jedoch schwer, das an der Schule zu tun. Sie sind zu beschäftigt mit dem, was sie für interessant und wichtig halten. Erst am Ende des Tages erinnern sie sich dann daran, was sie hätten tun „sollen“. Sie brauchen eine Erklärung für ihre Eltern und für sich selbst, die kein schlechtes Licht auf sie wirft, und so schreiben sie ihre eigene Vergeßlichkeit oder ihr mangelndes Interesse oder Handeln den Mitarbeitern zu. Das Problem ist, daß das, was sie sagen, nicht zum Charakter des jeweils betroffenen Mitarbeiters paßt. Es paßt jedoch zur klischeehaften Reaktion von Kindern auf elterlichen Druck, Dinge zu lernen, von denen zwar die Eltern denken, sie seien wichtig zu lernen, nicht aber die Schüler.

Weder ich noch andere Mitarbeiter hegen einen Groll gegen diese Kinder. Wir wissen, daß sowohl sie als auch ihre Eltern tun, was sie für das beste halten, und daß es zu unserem Job gehört, mit diesen Beschwerden klarkommen zu müssen. Aber es macht mich wütend, daß die betroffenen Eltern oftmals nicht hören wollen, was wir dazu zu sagen haben. Sie fühlen sich oft beleidigt, wenn wir andeuten, daß das Kind sie belogen hat, weil es seine Eltern nicht enttäuschen wollte. Sie sind oft auch nicht unserer Meinung, daß Kindern „vorzuschlagen“, bestimmte Dinge zu lernen, ein Ausüben von Druck darstellt und daß es nicht in Übereinstimmung mit dem Bildungsansatz der Schule steht.

Mir scheint, wenn die Dinge in dieses Stadium geraten, sind die Kinder in einer anderen Art von Schule besser dran, wo es einen Lehrplan gibt, nach dem die Kinder zu lernen haben, und wo die Lehrer sie auch dazu zwingen. Ich glaube, daß es besser für die Familie und vor allem für die Kinder wäre, nicht eine Schule zu besuchen, in der sie jeden Tag in den Konflikt geraten, entweder ihrer eigenen Vorstellung davon, was wichtig zu lernen ist, zu folgen, oder auf die Ratschläge ihrer Eltern zu hören. Dieser Konflikt führt dazu, daß die Kinder niedergeschlagen sind, sich schuldig fühlen, ängstlich – und schlimmer noch: verunsichert über ihre Zukunft sind.

Ja, die SVS ist ein Alles-oder-nichts-Ansatz gegenüber Kindern. Entweder vertrauen Eltern ihren Kindern, nach ihrem eigenen Ermessen die Fertigkeiten zu erwerben, die man benötigt, um in Amerika zu überleben, oder sie vertrauen ihnen nicht. Wenn das letztere der Fall ist, wäre es besser, die Kinder auf eine der vielen humanen und netten Schulen zu schicken, die glauben, daß Kinder mehr Hilfe und Anleitung brauchen als wir an der SVS bieten.