Und Arithmetik

Daniel Greenberg

Vor mir saß ein Dutzend Mädchen und Jungen zwischen neun und zwölf Jahren. Eine Woche zuvor hatten sie mich gebeten, sie in Arithmetik zu unterrichten. Sie wollten Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, Dividieren und all das andere lernen.

“Ihr wollt das doch nicht wirklich”, sagte ich, als sie mich das erste Mal fragten.

“Wir wollen es, sicher wollen wir es”, war ihre Antwort.

Ich blieb dabei: “Nicht wirklich. Wahrscheinlich wollen eure Freunde aus der Nachbarschaft, eure Eltern oder eure Verwandten, daß ihr es tut, aber ihr selber wollt doch lieber spielen oder irgend etwas anderes tun.”

“Wir wissen, was wir wollen; und wir wollen Arithmetik lernen. Unterrichte uns, und wir beweisen es. Wir werden all die Hausaufgaben machen und so hart arbeiten, wie wir können.”

Auch wenn ich skeptisch war, ich mußte nachgeben. Ich wußte, daß Arithmetik in gewöhnlichen Schulen sechs Jahre in Anspruch nahm, und ich war sicher, daß ihr Interesse nach ein paar Monaten nachlassen würde. Aber ich hatte keine Wahl. Sie hatten darauf bestanden, und ich war in die Enge getrieben.

Mich erwartete eine Überraschung.

Mein größtes Problem war, ein Lehrbuch zu finden, das ich als Leitfaden benutzen könnte. Ich war an der Entwicklung des “Neuen Mathe” beteiligt gewesen und hatte angefangen, es zu hassen. Damals, als wir daran arbeiteten, hatten wir kaum Zweifel – junge Akademiker während der Zeit, als Kennedy Präsident war und der russische Sputnik Erfolg hatte. Wir waren erfüllt von der Schönheit abstrakter Logik, von Mengenlehre, Zahlentheorie und von all den anderen exotischen Spielen, die Mathematiker seit Jahrtausenden spielen. Hätte man uns beauftragt, einen Landwirtschaftskurs für Landarbeiter zu gestalten, hätten wir wohl mit Organischer Chemie, Genetik und Mikrobiologie angefangen. Aber die hungernden Menschen dieser Welt hatten Glück, daß wir nicht gefragt wurden.

Ich hatte angefangen, die Anmaßungen und die Abstrusität des “Neuen Mathe” zu hassen. Nicht einer von hundert Lehrern wußte, wovon es handelte, und nicht einer von tausend Schülern. Die Menschen brauchen Arithmetik zum Rechnen und Schätzen; sie wollen wissen, wie man die Hilfsmittel benutzt. Das war es, was meine Schüler jetzt wollten.

In unserer Bibliothek fand ich ein Buch, das dafür perfekt geeignet war. Es war eine Mathe-Fibel aus dem Jahr 1898. Klein, dick, und randvoll mit Tausenden von Aufgaben, gedacht, um den Geist junger Menschen darauf zu trainieren, grundlegende Aufgaben schnell und korrekt zu lösen.

Der Unterricht begann – pünktlich. Das war Teil der Abmachung. “Ihr sagt, daß ihr es ernst meint?”, hatte ich gefragt, um sie herauszufordern, “dann erwarte ich, Euch pünktlich im Raum zu sehen – Punkt 11, jeden Dienstag und Donnerstag. Wenn ihr fünf Minuten zu spät seid, fällt der Unterricht aus. Wenn ihr ihn zwei Mal ausfallen laßt, gibt es keinen weiteren Unterricht.” “Abgemacht”, hatten sie gesagt, mit einem Glänzen vor Freude in ihren Augen.

Die Grundzüge der Addition dauerten zwei Unterrichtsstunden. Sie lernten, alles mögliche zu addieren: dünne lange Spalten, kurze dicke Spalten, lange dicke Spalten. Sie rechneten dutzende Aufgaben. Die Subtraktion nahm zwei weitere Unterrichtsstunden in Anspruch. Man hätte es in einer schaffen können, aber das Merken der Übertragszahlen erforderte etwas zusätzliche Erläuterung.

Weiter ging es mit Multiplikation und dem “Einmaleins”. Das “Einmaleins” mußten alle auswendiglernen. Jeder wurde immer und immer wieder im Unterricht abgefragt. Dann kamen die Regeln und dann die Übung.

Sie waren begeistert, jeder von ihnen. Sie kamen voran, beherrschten all die Techniken und Algorithmen; sie konnten fühlen, wie der Stoff ihre Körper durchdrang. Hunderte und Aberhunderte von Aufgaben, Abfragen und mündlichen Tests hämmerten den Stoff in ihren Kopf.

Und sie kamen immer noch, jeder von ihnen. Wenn nötig, halfen sie sich gegenseitig, damit der Unterricht vorankommen konnte. Die Zwölfjährigen und die Neunjährigen, die Löwen und die Lämmer, sie saßen friedlich zusammen in harmonischer Kooperation – kein gegenseitiges Ärgern, keine Scham1.

Division – schriftliche Division. Brüche. Dezimalbrüche. Prozentsätze. Wurzeln.

Sie kamen pünklich um 11, blieben eine halbe Stunde und gingen mit Hausaufgaben. Wenn sie das nächste Mal kamen, hatten sie all die Hausaufgaben gemacht, jeder von ihnen.

In 20 Wochen, nach 20 gemeinsamen Stunden, hatten sie alles geschafft, den Stoff von sechs Jahren. Jeder einzelne konnte den Stoff im Schlaf.

Wir feierten das Ende des Kurses mit einer rauschenden Party. Es war nicht das erste Mal und sollte auch nicht das letzte Mal sein, daß ich vom Erfolg unserer so geschätzten Theorie ergriffen war. Sie hatte funktioniert, mit überragendem Erfolg.

Vielleicht hätte ich mich auf das, was geschah – auf das, was mir ein Wunder zu sein schien – vorbereiten sollen. Eine Woche, nachdem das alles zu Ende war, sprach ich mit Alan White, der jahrelang Spezialist für Anfänger-Mathe in staatlichen Schulen war und die neuesten und besten pädagogischen Methoden kannte.

Ich erzählte ihm die Geschichte von meinem Kurs.

Er war nicht überrascht.

“Warum nicht?”, fragte ich, erstaunt über seine Antwort. Ich war immer noch benommen von der Geschwindigkeit und Gründlichkeit, mit der meine zwölf gelernt hatte.

“Jeder weiß doch”, antwortete er, “daß der Stoff an sich gar nicht so schwer ist. Das schwierige, praktisch unmögliche, ist, diesen Stoff in den Kopf von jungen Menschen zu bekommen, die jeden Schritt hassen. Der einzige Weg, mit dem wir den Hauch einer Chance haben, besteht darin, ihnen jahrelang jeden Tag ein kleines Stück vorzusetzen. Aber selbst dann klappt es nicht. Gib mir ein Kind, das den Stoff lernen möchte – ja, 20 Stunden oder so, das macht Sinn.”

Ich denke, das tut es. Es hat noch nie wesentlich länger gedauert.