Der Übergang zur Freiheit

Deborah Lundbech

Wenn Schüler auf eine Schule des Sudbury-Typs wechseln, ist eine der schwierigsten Herausforderungen, der sie gegenüberstehen, der Übergang von der bisherigen Schulstruktur zu einer, in der sie selbst für ihre Bildung verantwortlich sind. Mehr als zehn Jahre hat Deborah Lundbech als Mitarbeiterin an Red Cedar, einer Schule des Sudbury-Modells in Bristol (Vermont, USA), gearbeitet. In dieser Zeit hat sie, deren vier Kinder ebenfalls Red Cedar besuchen, immer wieder den Kampf beobachtet, den neue Schüler und ihre Familien durchleben, und sie sah Muster sich abzeichnen, die einander ähneln. Hier der Nachdruck eines Artikels aus der Herbst-Ausgabe der “Red Cedar School News”.

Dieser Artikel wurde geschrieben, um – soweit das möglich ist – den Familien zu versichern, daß sie nicht die einzigen sind, die den Herausforderungen und Umwälzungen des Übergangs gegenüberstehen, und es – wenn man Geduld und Vertrauen hat – ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Natürlich gehen jeder Schüler und jede Familie ihren eigenen, einzigartigen Weg, wenn der Schüler an eine Schule des Sudbury-Typs wechselt und sich auf sie umstellt. Ob die folgenden Beispiele nun die Erfahrung einer bestimmten Familie wiedergeben oder nicht, die Schwierigkeiten sind wohl doch vergleichbar, und vielleicht kann dies ein wenig von der Sorge nehmen.

Typischerweise wirken Schüler, die gerade zu uns gewechselt haben, glücklich und aufgeregt darüber, hier zu sein. Anfangs scheinen sie fast euphorisch – die Last ihrer früheren Schule ist abgeworfen, und sie fühlen sich frei und unbeschwert. Während dieser ersten Wochen legen sie oft Wert darauf, mit den Mitarbeitern Kontakt zu haben, Erlebnisse zu teilen, Dinge zu zeigen, an denen sie gearbeitet haben, usw.

Häufig merken die Eltern in diesen ersten Wochen an, wie überraschend begierig ihr Sohn oder ihre Tochter darauf ist, zur Schule zu gehen, und wie glücklich und entspannt sie wirken. In diesem Stadium fühlen die Eltern sich gewöhnlich großartig, daß sie das Risiko eingegangen sind, ihre Kinder einzuschreiben, und die Leichtigkeit des Übergangs beruhigt sie. Kurzum: Alle sind glücklich.

Dann aber, während der nächsten Phase, scheint es so, als hätten die Schüler die Arbeit eingestellt. Viele beginnen, die Mitarbeiter zu meiden, und wenn sie unseren Weg doch kreuzen oder mit uns reden müssen, tun sie das so kurz und kühl wie nur möglich. Sie vermeiden sorgsam jeden Blickkontakt. Häufig entscheiden sie sich dafür, ausschließlich einer Aktivität nachzugehen (Jungen wählen oft den Computer, Mädchen oft das Lesen), jedoch ohne jede erkennbare Leidenschaft, die zu einer wirklichen Beziehung führen könnte. In vielen Fällen betrachten die Eltern das als die schwierige Übergangszeit, vor der wir sie gewarnt haben, und sind nicht weiter beunruhigt; im Laufe der Zeit aber machen sie sich zunehmend Sorgen.

Die nächste Phase ist kaum geeignet, Eltern zu beruhigen. Genau gesagt ist oft das der Punkt, an dem die wirkliche Herausforderung kommt. Schüler, die einen nach meiner Meinung heldenhaften Kampf und eine Neubewertung ihrer selbst durchmachen, beginnen, ziellos umherzustreifen. Sie vertiefen sich in gar nichts, sondern treiben vielmehr von Raum zu Raum, ständig am Rand der Dinge. Eine häufige Bemerkung von Schülern in dieser Zeit ist: “Mir ist langweilig. Es ist langweilig hier.” Sie scheinen ziel- und orientierungslos, unbeteiligt und manchmal wütend. Sie meiden alles, was strukturiert ist oder woran Mitarbeiter beteiligt sind, und sie vermeiden auch weiterhin den Blickkontakt mit Erwachsenen und jede Art von Beziehung zu den Mitarbeitern.

An diesem Punkt ist es nicht ungewöhnlich, daß diese Schüler sich an der Schule mit wiederholten Regelverstößen und einem Austesten der Grenzen abreagieren, was zu zahlreichen Beschwerden an das Justizkomitee führt. Eltern erzählen uns dann häufig, daß ihr Kind zu Hause sehr grob geworden ist und sich darüber beschwert, daß die Schule es langweilt.

Diese Periode kann eine lange Zeit andauern. Eltern (die ja gewöhnlich die Philosophie der Schule in Frage stellen) brauchen eine gewaltige Menge Mut, ihren Kindern in dieser Zeit beizustehen. Es ist eine sehr harte Zeit, zuzusehen, wie sein Kind sich abmüht, unglücklich ist und sich über Langeweile beklagt, und ihm dennoch die Botschaft zu geben: “Du schaffst das; ich weiß, daß du das kannst.”

Wir können nur vermuten, was jeder Schüler durchmacht, aber sicherlich schlagen sie sich mit einigen grundsätzlichen Fragen herum, wie: “Wer bin ich? Was will ich tun? Worum geht es hier?”

An diesem Punkt bitten besorgte Schüler (oder Schüler, deren Eltern besorgt sind) um einen Kurs oder Einzelunterricht. Den Mitarbeitern ist sehr klar, daß dieser Wunsch nach Unterricht nur aus der Angst und nicht aus wirklichem Interesse erwächst, und er die Qual, von anderen entworfenen Plänen zu genügen, nur verlängert. Nichtsdestotrotz – da diese Schüler darauf bestehen, halten wir den Unterricht ab, auch wenn das ganze selten mehr als ein paar Unterrichtsstunden überdauert.

Gleichzeitig machen die Eltern sich oft gewaltige Sorgen, nicht nur, weil sie sehen, wie ihr Kind für akademische Dinge unmotiviert ist, sondern auch, weil sie sehen, wie ihr Kind sich treiben läßt, und sich um es in sozialer Hinsicht Sorgen machen. Dieses Stadium kann das Vertrauen der Eltern in die Fähigkeit ihres Kindes, seine eigene Bildung selbst zu bestimmen, auf eine harte Probe stellen.

In der nächsten Phase vollzieht sich eine bemerkenswerte Wandlung. Manchmal ist diese Wandlung langsam und vollzieht sich so allmählich, daß wir als Mitarbeiter Monate zurückdenken müssen, um uns bei einem Schüler an den dramatischen Unterschied zu erinnern. In anderen Fällen sind wir erstaunt über die Schnelligkeit der Veränderung.

Egal, welcher der beiden Wege es war: Die Schüler beginnen, Selbstvertrauen auszustrahlen. Wo sie sich zuvor dürftig und verloren gefühlt hatten, scheinen sie nun von einem Ort zunehmender Stärke und Ruhe zu kommen. Ihre Ruhelosigkeit verschwindet, und sie scheinen in Dinge auf eine neue und konzentrierte Art hineingezogen zu werden.

Als Mitarbeiter bekommen wir langsam das Gefühl, daß der Schüler anfängt, die Gleichwertigkeit der Befugnisse an der Schule zu verstehen. Im allgemeinen gehen die Beschwerden beim Justizkomitee erheblich zurück, und der Schüler hat ein klares Gefühl dafür, was wir als Mitarbeiter tun werden und was nicht, und zu welchen Dingen er als Mitglied der Gemeinschaft und autonomes Individuum die Freiheit hat. Er fängt an, den Mitarbeitern in die Augen zu sehen, und entwickelt eine aufrichtige, auf Interesse basierende Beziehung zu uns.

Kinder nach solchem Kampf stark und zielstrebig hervorgehen zu sehen, ist unglaublich bewegend. Es veranschaulicht sehr schön den Mut und verbissenen Antrieb von Menschen, die, wenn sie die Freiheit dazu haben, sich selbst unablässig herausfordern, um das beste zu erreichen, zu dem sie fähig sind.

Für Eltern ist dieses Stadium oft aber noch immer unbehaglich. Die Schüler beschäftigen sich nicht notwendigerweise “akademisch”, bzw. sie verbringen ihre Zeit nicht so, wie die Eltern es für richtig halten. Tragischerweise verliert die Schule Kinder in diesem Stadium aus einer Vielzahl von Gründen. Es ist immer überaus traurig mitanzusehen, wie die großen Anstrengungen, die sie durchgemacht haben, unerkannt bleiben.

Im letzten Stadium erscheinen die Schüler vollkommen sorgenfrei bei allem, womit auch immer sie sich beschäftigen, ob wissenschaftlich oder künstlerisch, gesellig oder allein, unkonventionell oder alltäglich. Es besteht eine Tiefgründigkeit ihres Engagements und Vertrauens, die alles, was sie tun, mit Wert erfüllt. Sie vertiefen sich in eine große Vielfalt von Beschäftigungen. Worin die Schüler sich jedoch bemerkenswert gleichen, ist das auffallende Fehlen von Verlangen nach Bestätigung durch Erwachsene, das man bei traditionell beschulten Schülern so häufig sieht. Einige Schüler beteiligen sich sehr stark an der Leitung der Schule, andere überhaupt nicht. Aber sie scheinen alle großen Respekt und Hochachtung vor dem Ort zu haben, der ihnen erlaubte, ihren eigenen Weg wiederzuentdecken.

Zum Schluß möchte ich unterstreichen, daß alle Schüler unterschiedlich sind. Wenn sie zu uns kommen, sind einige erheblich – andere nur geringfügig – geschädigt von der Verplanung durch andere. Aber alle Schüler brauchen Zeit – von einigen Wochen bis zu einigen Jahren -, um sich auf diese Art von Schule umzustellen. Diese Zeit ist ein Geschenk für sie, und die Folge dieses Geschenkes sind bemerkenswerte, selbstsichere Menschen.