Das Alltägliche mit neuen Augen sehen

von Alan White

Was zu einem Zeitpunkt der Geschichte als selbstverständlich erscheint, erscheint oft kindisch und wundersam, wenn spätere Generationen zurückschauen und den Vorteil haben, es im Nachhinein besser zu wissen. Es ist nicht so, daß frühere Generationen weniger intelligent waren, aber was unsere Vorfahren für selbstverständlich, für „gesunden Menschenverstand“ hielten, kommt uns als naiv oder primitiv vor.

Am Tage sehen wir die Sonne im Osten aufgehen, über den Himmel wandern und im Westen untergehen. Wenn unsere Vorfahren annahmen, die Erde würde stillstehen und die Lichtquelle, die sie sahen, würde sich bewegen, entsprach das völlig dem gesunden Menschenverstand. Es verwundert kaum, daß die Theorie von Kopernikus, daß sich die Erde um sich selbst dreht, während sie um die Sonne kreist, fast drei Jahrhunderte brauchte, um allgemein anerkannt zu werden. Der Grund für diesen Widerstand gegen Kopernikus war die endlose Reihe von Argumenten, die die Leute zur Verteidigung des Offensichtlichen aufbringen konnten: Unsere Beobachtungen sagten uns, daß die Erde ruhend war und sie Sonne sich bewegte! Wenn wir von etwas überzeugt sind, sind neue Informationen oftmals irrelevant.

Sich da draußen auf einem großen See oder einem Ozean in einem kleinen Boot zu befinden, ist eine höchst verwundbare Position, und ein plötzlicher Sturm ist oft fatal. Wenn unsere Vorfahren annahmen, daß sie es mit übernatürlichen Kräften, zornigen oder launenhaften Göttern zu tun hatten, war es völlig einleuchtend, daran zurückzudenken, was sie getan oder gedacht hatten, und so einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang für das Auftreten eines Sturms aufzustellen. Sie nahmen an, etwas, das sie getan oder gedacht hatten, hatte die Götter oder Geister verärgert.

Die Vorstellung, daß Organismen, so klein, daß man sie nicht sehen kann, die Ursache von Pest und anderen Krankheiten seien, hatte angesichts des gesunden Menschenverstands keine Chance. Heute verstehen wir, daß glasklar aussehendes Wasser eine Brühe schädlicher Bakterien sein kann.

Unsere Geschichte ist voll von neuen Entdeckungen, auf die zu der Zeit, zu der sie vorgestellt wurden, als das Produkt eines gestörten Geistes herabgeblickt wurde oder zumindest als das Produkt einer lebendigen, blühenden Phantasie. Es ist oft so, daß die „Experten“ in einem Gebiet zu der Zeit, wenn neue Ideen vorgestellt werden, sie so sehr im Widerspruch zu ihren eingefleischten Überzeugungen sehen, daß nur der Tod der Experten den Weg dafür freimacht, daß die neuen Entdeckungen sich in der nächsten Generation etablieren können.

In der heutigen Zeit nehmen wir an, daß Lehren notwendig für das Lernen ist, und wir organisieren unsere Schulen von der Vorschule bis zum College nach dieser Annahme. Wenn wir wissen wollen, wie sich jemand in der Schule macht, fragen wir, welche Fächer er belegt. Für jene von uns, die meiner Generation angehören, war das eine so selbstverständliche Annahme wie für meine Vorfahren, daß die Sonne über den Himmel wandert. Für jene Kinder, die nicht lernten, was unterrichtet wurde, hatten wir eine exzellente Erklärung: Die Schuld lag beim Kind, entweder war das Kind nicht aufmerksam oder das Kind war geistig beschränkt. Natürlich haben viele Kinder die Fertigkeiten und Unterrichtsinhalte gelernt, und deshalb fühlten wir uns mit unserer Grundannahme wohl. In unseren Versuchen, fair zu dem Kind zu sein, schoben wir manchmal einen Teil der Schuld für jene, die nicht lernten, auf das Lehren oder auf andere Faktoren, wie zu viel Fernsehen, nicht genug Disziplin, etc.

Sudbury Valley School Press hat umfangreiche Schriften über die Themen Unterrichtskurse, Lehrpläne und Leistungsüberprüfungen veröffentlicht, aber diese sind nicht die einzigen Einblicke, die uns helfen können, den wirklichen Wert von Kursen neu zu bewerten. Jeder von uns, der jahrelang Kurse besucht hat, ist in der Lage zu reflektieren, was wir wirklich gelernt haben. Wir wissen, daß wir Rechnen gelernt haben, und wie man liest. Wir alle erinnern uns an Lehrer, die wir für ihre Beherrschung ihres Faches bewunderten. Wir wissen, daß wir in der Lage waren, einen Job zu bekommen und die Verantwortungen zu übernehmen, ein Erwachsener zu sein. Uns wurde gesagt, wir müßten für unseren Erfolg unseren Schulen danken, und wir glaubten, was uns erzählt wurde. (Und die Erde stand still, während die Sonne über den Himmel wanderte. …)

Es gibt immer Einzelne, die das Offensichtliche infragestellen. Die Gründer der Sudbury Valley School und ihre jahrzehntelange Erfahrung haben uns neue Einsichten darüber gebracht, wie wir lernen und wie wir nicht lernen. Es werden sehr wenige Kurse abgehalten, und nur eine kleine Minderheit der Schüler ist interessiert, diese Kurse einzurichten. (Ich vermute, das ist eine Spätfolge ihrer Erfahrung an traditionellen Schulen, die sie besuchten, bevor sie an die SVS kamen.) Ja, alle Schüler an Sudbury Valley lernen Lesen, Schreiben und Rechnen und so vieles mehr. Jene, die anschließend aufs College gehen wollen, können sehr gut mit Schülern von traditionellen Schulen mithalten. Aber alle Kinder, die auf die SVS gehen, erhalten ein wertvolles Geschenk: sie lernen, sich selbst und ihrem Urteilsvermögen zu trauen. Sie haben das Gefühl, daß sie verantwortlich für ihr Leben sind und die Kontrolle über ihr Leben haben. Sie konnten ihre Kindheitsjahre dazu nutzen, ihre Umgebung zu meistern, Reife zu erlangen und sich intensiv damit zu beschäftigen, wie sie ihre Erwachsenenjahre verbringen wollen. Wenn wir Erwachsenen über unsere Schulerfahrungen nachdenken, stellt sich heraus, daß wir uns nicht erinnern können, wie wir gelernt haben. Wir wissen, daß uns Aufgaben zur Erledigung gegeben wurden, daß unsere Lehrer uns Dinge erklärt haben und wir die Tests absolviert haben, die sie uns gaben. Wir können Lesen, Schreiben und Rechnen, und wir erkennen den Verdienst unserer Lehrer an, aber wir haben Jahre gebraucht, um die Fertigkeiten zu erlernen, die SVS-Schüler in Monaten lernen können. Die Wahrheit ist, daß die meisten von uns sich nur an einen kleinen Teil jedes Vortrags bzw. Kurses erinnern können. Was wir erlebt haben, war eine Darbietung, eine Darbietung, die wir genießen und wertschätzen können, aber in Wahrheit lernen wir von solchen Darbietungen sehr wenig, das uns bei der Beherrschung des Themas hilft.

Wenn wir sehr jungen Kindern aufmerksam zuschauen, können wir sehen, wie ihre Entschlossenheit, mit den sie umgebenden älteren Kindern und Erwachsenen zu kommunizieren, sie in die Lage versetzt, die Sprache ihrer Kultur zu lernen. All die Geräusche, die sie machen und mit denen sie herumspielen, sind Übungen, die ihnen helfen zu lernen, wie man kommuniziert. Und das lernen sie mit nur sehr wenigen Ausnahmen. Kinder an der SVS benutzen ähnliche Techniken, um sich selbst alle möglichen Themen bzw. Inhalte beizubringen. Was die Schulumgebung ihnen bietet, ist die Gelegenheit, sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren, wenn sie den Bedarf dazu verspüren. Da wir alle einzigartig sind, gehen wir die Lösung von Problemen auch unterschiedlich an. Die Herangehensweise, für die sich der Lernende selbst entscheidet, ist viel effizienter als eine, die andere ausgesucht haben. Denn es ist der Lernende, der Neues in sein Mosaik des Verständnisses von der Welt einfügt. Helfen zu wollen, ist kontraproduktiv, es sei denn, der Lernende fragt nach einer Information, die er braucht, um das Problem zu verstehen, das er zu lösen versucht.

Babys werden sich in unterschiedlichem Alter bewußt, was sie brauchen, und sie haben ihre eigenen Prioritäten. Das erklärt, warum einige Kinder mit einem Jahr sprechen lernen, während andere bis drei warten; warum einige Kinder früher laufen lernen als andere; warum einige Kinder an der SVS mit fünf lesen lernen, während andere warten, bis sie zehn oder älter sind. Lesen zu lernen, ist in unserer Kultur eine lebenswichtige Fertigkeit. Früher oder später werden sich Kinder dieser Tatsache bewußt, und wenn sie es tun, gilt ihre Aufmerksamkeit dem, was es braucht, um so gut zu werden, daß es ihren eigenen Ansprüchen genügt. Es ist das Sich-bewußt-werden, das zählt, nicht das Gesagt-bekommen. In unserer Eigenschaft als Menschen sind wir alle mit der Fähigkeit zu lernen geboren, und wir verbringen unser ganzes Leben mit dem Versuch, die Welt zu verstehen, in der wir leben. Wenn wir die Nachrichten sehen, Zeitungen lesen, Gespräche führen und Bücher lesen, ist das Teil unseres lebenslangen Strebens, die Welt zu verstehen, in der wir leben.

Wenn wir die Welt der Arbeit betreten, lernen jene von uns, die erfolgreich sein wollen, was wir wissen müssen, um unseren Job zu behalten und im von uns gewählten Gebiet aufzusteigen. Es ist nicht so, daß wir ohne jede Vorbereitung in diese Jobs kommen, aber das meiste, was wir wissen müssen, um in dem Job erfolgreich zu sein, lernen wir in dem Job. Der Grund, warum SVS-Absolventen so gut zurechtkommen, ist, daß sie von Geburt an ihre eigenen Lehrer gewesen sind. Sie haben während all ihrer Schuljahre gelernt, ihren Sinneswahrnehmungen zu trauen und sich auf sich selbst zu verlassen.