Ausdauer

Daniel Greenberg

Es ist schon wieder eine Frage der Wörter. So, wie ich es gerade [siehe Unterricht] beschrieben habe, klingt Lernen beiläufig, unverbindlich, zurückgelehnt. Heute so, morgen so. Zufällig. Chaotisch. Undiszipliniert.

Oft wünschte ich, daß es so wäre.

Gleich als die Schule eröffnet wurde, schrieb sich der 13jährige Richard ein, und war bald nur noch mit klassischer Musik beschäftigt – und mit Trompetespielen. Nach kurzer Zeit war sich Richard sicher, daß er das Interesse seines Lebens gefunden hatte. Mit Jan, einem Trompeter, einem an der Schule tätigen Lehrer, der ihm helfen konnte, stürzte er sich in sein Studium.

Richard spielte jeden Tag vier Stunden Trompete. Wir konnten es kaum glauben. Wir schlugen ihm andere Aktivitäten vor, aber es nutzte nichts. Was auch immer Richard machte – und er machte viel an der Schule –, er fand immer vier Stunden zum Trompetespielen.

Er kam aus Boston. 1 ¼ Stunde Weg jeden Morgen und jeden Nachmittag, oft eine halbe Stunde oder mehr zu Fuß von der Busstation in Framingham. Wie der sprichwörtliche Briefträger: bei Regen oder Sonnenschein, bei Hagel oder Schnee, Richard kam zur Schule und strapazierte unsere Trommelfelle.

Bald darauf entdeckten wir die Vorzüge des alten Mühlhauses am Teich. In unseren Augen – und in Richards – hatte dieses aus Granit gebaute, mit Schiefer gedeckte und in einer abgelegenen Eckes des Schulgeländes gelegene alte vernachlässigte Haus plötzlich Schönheit bekommen. Im Handumdrehen wurde es in ein Musikstudio verwandelt, in dem Richard nach Herzenslust üben konnte.

Er übte.

Vier oder mehr Stunden am Tag, vier Jahre lang.

Bald nachdem er von der Schule abgegangen war und weitere Studien an einem Konservatorium beendet hatte, spielte Richard das Erste Horn in einem großen Symphonie-Orchester.

Nach Richard kam Fred, dessen Leidenschaft das Schlagzeug war. Schlagzeug am Vormittag, Schlagzeug am Nachmittag und Schlagzeug in der Nacht. Wir konnten den Lärm nicht aushalten. Deshalb mußten wir schnell handeln. Wir richteten für ihn einen Schlagzeug-Raum im Keller ein und gaben ihm den Schlüssel, so daß er früh, spät und am Wochenende Schlagzeugspielen konnte.

Wir bemerkten, daß der Keller vom Rest des Hauses akustisch nicht ganz isoliert war. Oft war es, als ob man in der Nähe eines Dschungeldorfes lebte, das ständige Dröhnen der Trommeln im Hintergrund.

Nach zwei Jahren, im Alter von 18, verließ er die Schule. Wir liebten ihn, aber viele von uns waren auch erleichtert.

Es ist nicht nur Musik, die die hartnäckige Ausdauer, die wir alle in uns haben, nach außen bringt. Jedes Kind findet schnell ein oder zwei oder mehr Gebiete, die es unablässig verfolgt.

Manchmal ist es noch nicht einmal der Stoff, an dem sie Spaß haben. Jedes Jahr arbeiten sich einige der älteren Schüler, die fest entschlossen sind, aufs College zu gehen, zielstrebig durch die SATs (Scholastic Aptitude Tests), die berüchtigten “Eignungstests”, die die Fähigkeit eines Kindes messen, einen SAT-Test zu absolvieren – und auf die sich Colleges im ganzen Land stützen, um ihre schwierigen Zulassungs-Entscheidungen zu treffen. Normalerweise finden die Jugendlichen einen Lehrer, der ihnen an den schwierigen Stellen hilft. Aber die Arbeit vollbringen sie ganz alleine. Sie schleppen dicke Prüfungsbücher von Raum zu Raum und studieren sie ganz genau, Seite für Seite. Dieser Prozeß ist immer sehr intensiv. Selten dauert es mehr als vier oder fünf Monate von Anfang bis Ende, obwohl sich die meisten mit dem Thema vorher nie beschäftigt haben.

Es gibt Schreiber, die sich hinsetzen und jeden Tag stundenlang schreiben. Es gibt Maler, die malen, Töpfer, die töpfern, Köche, die kochen und Athleten, die Sport treiben.

Es gibt Leute mit gewöhnlichen Interessen. Und es gibt welche mit exotischen Interessen.

Luke wollte Leichenbestatter werden – nicht gerade der üblichste Berufswunsch für einen 15jährigen. Aber er hatte seine Gründe. In seiner Vorstellung konnte er klar sehen, wie sich sein Bestattungsunternehmen um die Bedürfnisse der Gesellschaft kümmert, und wie er selbst den trauernden Verwandten Trost spendet.

Luke machte sich mit Begeisterung an sein Studium: Physik, Chemie, Biologie, Zoologie. Mit 16 war er bereit für die eigentliche Arbeit. Wir nahmen ihn hinaus in das wirkliche Leben. Der Chef-Pathologe in einem der regionalen Krankenhäuser empfing den eifrigen, hart arbeitenden Schüler in seinem Labor. Luke lernte jeden Tag mehr Verfahren und meisterte sie, zur Freude seines Chefs. Innerhalb eines Jahres führte er im Krankenhaus unter der Aufsicht seines Mentors unassistierte Autopsien durch. Es war das erste Mal, daß das Krankenhaus so etwas erlaubt hatte.

Innerhalb von fünf Jahren war Luke Leichenbestatter. Jetzt, einige Jahre später, ist sein Bestattungsunternehmen Wirklichkeit geworden.

Und dann gab es da Bob.

Eines Tages kam Bob zu mir und fragte, “Bringst du mir Physik bei?” Für mich gab es keinen Grund, skeptisch zu sein. Bob hatte schon so viele Sachen so gut gemacht, daß wir alle wußten, daß er Dinge bis zum Ende überblicken konnte. Er hatte den Verlag der Schule geleitet. Er hat ein gründlich recherchiertes (und veröffentlichtes) Buch über das Justizsystem der Schule geschrieben. Er hatte unzählige Stunden dem Klavierüben gewidmet.

Also stimmte ich schließlich zu. Unsere Abmachung war einfach. Ich gab ihm ein dickes und schweres College-Lehrbuch über einleitende Physik. Ich hatte oft danach unterrichtet und, als ich Anfänger war, selbst eine frühere Version benutzt. Ich kannte die Fallen. “Gehe das Buch Seite für Seite, Übung für Übung durch”, sagte ich Bob, “und komm zu mir, sobald du das kleinste Problem hast. Es ist besser, Probleme frühzeitig mitzubekommen, als sie zu großen Brocken wachsen zu lassen.” Ich dachte, daß ich genau wüßte, wo Bob das erste Mal stolpern würde.

Wochen vergingen, Monate.

Bob kam nicht.

Es entsprach nicht seiner Art, etwas aufzugeben, bevor – oder gleich nachdem – er sich eingearbeitet hatte. Ich fragte mich, ob er das Interesse verloren habe. Ich schwieg und wartete.

Fünf Monate nachdem er begonnen hatte, fragte er, ob er mich sprechen könnte. “Ich habe ein Problem auf Seite 252″, sagte er. Ich versuchte, nicht überrascht zu gucken. Es dauerte fünf Minuten, um zu klären, was sich als kleines Problem herausstellte.

In Sachen Physik kam Bob nie wieder. Er schaffte das ganze Buch alleine. Und er beschäftigte sich mit Algebra und Differential- und Integralrechnung, ohne daß er auch nur gefragt hätte, ob ich ihm helfen würde. Ich glaube, er wußte, daß ich es tun würde.

1 Amerikanische Schüler schämten sich damals normalerweise, mit jüngeren oder weniger erfolgreichen Schülern zusammenzuarbeiten.