An der Sudbury Valley School aufwachsen

Vier Kapitel aus “Kingdom of Childhood – Growing Up at Sudbury Valley School”

Die folgenden Kapitel sind ein Auszug aus “Kingdom of Childhood”, einem Buch, das über 30 persönliche Beschreibungen des Lebens an der Sudbury Valley School aus der Sicht früherer Schüler enthält, die von Hanna Greenberg zu ihren Erfahrungen interviewt wurden.

Während die Kapitel 11, 12, 16 und 29 in unveränderter Form frei weiter verbreitet werden dürfen, sind das Vorwort und die Einleitung urheberrechtlich geschützt. Der Abdruck hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Sudbury Valley School Press.

Die Texte in diesem Heft befinden sich weitgehend noch im Zustand der Roh-Übersetzung. Wir wollten sie der interessierten Leserschaft jedoch nicht länger vorenthalten, so daß wir sie schon zum jetzigen Zeitpunkt veröffentlichen. In einer späteren Auflage werden wir hoffentlich eine sprachlich geglättete Version anbieten können.

Alle Übersetzungen stammen von Martin Wilke.


Inhalt

  1. Vorwort: Das Königreich der Kindheit
  2. Einleitung
  3. Kapitel 11
  4. Kapitel 12
  5. Kapitel 16
  6. Kapitel 29


Vorwort: Das Königreich der Kindheit

Die Sudbury Valley School ist ein Ort, an dem jeder für sich selbst entscheidet, wie er seinen Tag verbringt. Schüler jeden Alters entscheiden, was sie tun – genau so wie sie entscheiden, wann, wie und wo sie es tun. Diese Freiheit steht im Mittelpunkt der Schule; sie ist ein Recht der Schüler, das nicht verletzt werden darf.

Die Grundlagen der Schule sind einfach: Alle Menschen sind von Natur aus neugierig. Das effizienteste, langanhaltendste und tiefgründigste Lernen findet statt, wenn es vom Lernenden ausgeht und von ihm ausgeübt wird. Alle Menschen sind kreativ, wenn man ihnen ermöglicht, ihre einzigartigen Talente zu entfalten. Altersmischung unter den Schülern fördert die Entwicklung aller Mitglieder der Gruppe. Und: Freiheit ist entscheidend für die Entwicklung persönlicher Verantwortung.

In der Praxis heißt das, daß die Schüler alle ihre Aktivitäten selbst initiieren und sich ihre eigene Umgebung schaffen. Das Gelände, die Mitarbeiter und die Ausstattung sind da, um von den Schülern genutzt zu werden, wenn ihnen danach ist. Die Schule bietet eine Umgebung, in der die Schüler unabhängig sind, in der ihnen vertraut wird und in der sie als verantwortliche Menschen behandelt werden.

Die Sudbury Valley School wurde 1968 gegründet. Sie befindet sich auf einem vier Hektar großen Gelände, das an ausgedehnte Naturschutzgelände angrenzt. Ein Mühlteich bietet Gelegenheit zum Angeln und Schlittschuhlaufen. Die alte Villa aus Stein und die Scheune sind größtenteils wie eine Wohnung eingerichtet. Die Atmosphäre an der Schule ist entspannt und unförmlich.

Egal, wie spät es ist, und egal, wie alt sie sind, alle Schüler an der Schule machen das, was sie wollen. Für gewöhnlich heißt das, daß sie Dinge tun, die in den meisten anderen Schulen nicht getan werden, und zwar mit großer Intensität und Konzentration. Meistens kümmern sich die Schüler nicht darum, ob dabei “Lernen” stattfindet. Das zu tun, was man will, ist das übliche; Lernen ist das Nebenprodukt.

An der Schule wimmelt es nur so vor Aktivität. Erwachsene und Schüler jeden Alters mischen sich nach Belieben. Überall findet man Leute, die sich unterhalten, die lesen und spielen. Manche sind vielleicht im Fotolabor und entwickeln oder drucken Fotos. Manche sind vielleicht in einem Karate-Kurs oder spielen auf den Matten im Tanzraum. Jemand baut vielleicht ein Bücherregal in der Holzwerkstatt, oder gestaltet eine Kettenhemd-Rüstung und erörtert mittelalterliche Geschichte. Fast immer macht jemand auf die eine oder andere Weise Musik, und andere hören der Musik zu. Vielleicht sieht man jemanden Französisch, Biologie oder Algebra lernen. Es wäre höchst ungewöhnlich, wenn man nicht einige Leute irgendwo mit Computerspielen beschäftigt fände, oder mit Schach. Einige Leute erledigen im Büro die Verwaltungsarbeit der Schule; einige sind in Rollenspiele vertieft; andere Proben ein Theaterstück. Manche tauschen Sticker und andere tauschen ihr Lunch. Eine Gruppe verkauft vielleicht selbstgemachte Pizza, um Geld für eine Aktivität zusammen zu bekommen – vielleicht müssen sie einen neuen Brennofen kaufen oder wollen einen Ausflug machen. Im Kunst-Raum zeichnen Leute; sie könnten auch nähen, malen oder mit Ton arbeiten, entweder mit der Töpferscheibe oder nur mit den Händen.

Immer gibt es Menschen, die glücklich und beschäftigt spielen, drinnen und draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Immer gibt es Gruppen, die sich unterhalten, und immer gibt es Einzelpersonen, die hier und da still lesen.

Eine der Sachen, die den meisten Erwachsenen bei Sudbury Valley als erstes auffällt, ist die Leichtigkeit der Kommunikation. Leute, egal welchen Alters, behandeln sich mit zwanglosem Respekt. Es gibt eine angenehme Atmosphäre des Selbstvertrauens, des Vertrauens das typisch für Menschen ist, die die Ziele verfolgen, die sie sich selbst gesetzt haben. Es ist fast nie ruhig, die Atmosphäre ist mit Enthusiasmus geladen, aber nicht chaotisch oder frenetisch.

Die Schüler an Sudbury Valley tun, was sie wollen, aber sie suchen sich nicht unbedingt das aus, was ihnen leicht fällt. Näheres Hinsehen zeigt, daß sie sich immer selbst herausfordern, daß sie sich ihrer eigenen Stärken und Schwächen sehr bewußt sind und wahrscheinlich gerade an ihren Schwächen hart arbeiten. Neben ihrer überschäumenden guten Laune gibt es eine grundlegende Ernsthaftigkeit – selbst die Sechsjährigen wissen, daß sie, und nur sie, für ihre Bildung verantwortlich sind. Ihnen ist sehr bewußt, daß junge Menschen fast beinahe überall auf der Welt nicht so viel Freiheit und so viel Verantwortung bekommen.

Obwohl die Schule keinen Lehrplan hat, gibt es einige Gewißheiten darüber, was die Schüler lernen. Sie lernen sich selbst kennen. Sie lernen, um das, was sie wollen, zu bitten und danach zu streben, es zu bekommen. Sie lernen, über ethische Fragen nachzudenken. Sie lernen, sich zu konzentrieren. Sie lernen, etwas zu versuchen und Erfolg zu genießen, und sie lernen, es noch mal zu versuchen, wenn sie es beim ersten Mal nicht geschafft haben.

Die Schule wird nach dem Modell des traditionellen New England Town Meetings regiert. Die alltäglichen Angelegenheiten werden auf der wöchentlichen Schulversammlung (School Meeting) geregelt, bei der jeder Schüler und jeder Lehrer eine Stimme hat. Auf der Schulversammlung werden durch Diskussion und Abstimmung Verhaltensregeln, Benutzung von Geräten, finanzielle Ausgaben, Einstellung von Mitarbeitern und all die Abläufe des Betreibens einer Schule beschlossen. Auf diese Weise tragen die Schüler die volle Verantwortung für den effektiven Ablauf und die Lebensqualität an der Schule.

Mit Verletzungen der Regeln befaßt sich das Justizsystem der Schulversammlung, an dem jedes Mitglied der Schulgemeinschaft teilnimmt. Die faire Justizverwaltung ist ein wesentliches Merkmal der Sudbury Valley School und trägt viel zum Vertrauen der Schüler in die Schule bei.

Sudbury Valley bietet jenen Schülern einen High-School-Abschluß an, die in der Lage sind zu zeigen, daß sie bereit sind, sich als verantwortungsbewußte Mitglieder in der Gesellschaft zurechtzufinden. Abgänger gehen aufs College und auf Universitäten überall im Inland und im Ausland. Die meisten werden an der von ihnen gewünschten Schule aufgenommen. Andere Abgänger haben sich direkt in die Welt des Geschäfts, des Handeln, der Kunst, des Handwerks und der technischen Berufe begeben.

Hinter diesen Beschreibungen liegt die Realität der Schule: ein Ort, an dem Freiheit hochgeschätzt wird, an dem gegenseitiger Respekt die Norm ist, an dem Kinder und Erwachsene sich bei einander wohlfühlen, an dem Lernen in das Leben integriert ist.

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Einleitung

Wie ist es, seine Schultage in dieser Atmosphäre zu verbringen? Dieses Buch soll beschreiben, was Sudbury-Valley-Schüler in ihrer einzigartigen Bildungsumgebung fühlen und erleben.

Sudbury Valley begann 1986 ein Großprojekt zu ihrer Geschichte. Ehemalige Schüler sollten in tiefgründigen Gesprächen über ihre Wahrnehmung ihrer Erfahrungen an der Schule befragt werden. Wir suchten Erinnerungen an Aktivitäten, Gefühle, Reaktionen und Interaktionen, wie sie wahrgenommen wurden, als sie sich ereigneten. Die Befragungen beinhalteten unausweichlich eine Menge wohlüberlegter Reflektion und Durchblick bezüglich ihrer Tage an der Schule.

Über einen Zeitraum von mehreren Jahren gab es etwa drei Dutzend Gespräche. Bis auf zwei führte Hanna Greenberg sie. (Die anderen beiden führte Mimsy Sadofsky). Jedes Gespräch dauerte mehrere Stunden. Unter den Befragten waren einige, die ihr ganzes Schulleben an Sudbury Valley verbracht haben, und andere, die in unterschiedlichen Stadien ihrer Schulausbildung kamen und verschieden lange blieben.

Dieses Buch beruht auf diesen Gesprächen. Um die Privatsphäre der Schüler zu schützen, wurden die Namen geändert. Die Gesprächsaufzeichnungen waren recht ausführlich, manchmal auch weitschweifig. Wir haben uns auf den Teil des Materials konzentriert, der das tatsächliche Leben der Schule widerspiegelt, wie die Schüler es erlebt haben. Das ausgewählte Material wurde zur besseren Lesbarkeit aufbereitet.

Sehr zu unserer Freude und Überraschung zeigten die Gespräche – und damit auch das Buch – ein übereinstimmend bezauberndes Bild eines wahren Königreichs der Kindheit, voll der Leidenschaften des Lebens, Freuden und Enttäuschungen, Erfolgen und Fehlschlägen, Herausforderungen und Träumen. Wir legen es dir vor mit neugeborenem Vertrauen in die Schönheit des menschlichen Geistes, so wie er sich selbst darstellt, wenn er durch Respekt gepflegt und durch Freiheit unterstützt wird.

Hanna Greenberg, Mimsy Sadofsky, Daniel Greenberg

Mai 1994

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Kapitel 11

“Ich habe nicht darüber nachgedacht, was es mir bringen würde. Ich dachte, es war einfach etwas, das ich tun wollte. … Alles, was man tut, ist nützlich für alles andere, das man tut – weil es kein so großer Unterschied ist, ob man eine schwierige Sache oder eine andere schwierige Sache tut.”

Ich kam nach Sudbury Valley im ersten Sommer, den wir geöffnet hatten. Ich war sieben und ich war wirklich überrascht, als ich die Schule sah. Das Bild, das ich hatte, bevor ich kam, entsprach überhaupt nicht dem, wie es wirklich war! Ich hatte mir vorgestellt, daß es ein Ort wäre mit Räumen, die Schilder hätten, auf denen steht, was man darin tut: ein Raum, an dem “Wissenschaften” stünde, und ein Raum, an dem “Lesen” stünde, und ich weiß nicht, was noch alles. Mein Bild sah nicht wie die öffentliche Schule aus, auf die ich ging, aber es sah auch nicht wie ein Wohnhaus aus; es sah institutionell aus.

Das Schulgebäude sieht für ein kleines Kind so großartig aus: riesig und alt und irgendwie geheimnisvoll. Es war aufregend, dort hinzugehen und herauszufinden, daß es wie so eine alte Villa aussah, wo man verloren gehen oder sich, wenn man will, vor anderen verstecken kann und nicht gefunden wird und so. Ich erinnere mich, daß ich einfach Freude empfand, an diesem Ort zu sein, an dem ich tun konnte, was ich wollte und wo ich es wollte. Die Schule war physisch schön, und sich an diesem schönen Ort aufzuhalten und nicht eingesperrt zu sein, war wundervoll. Das Gelände war auch unglaublich, und auf den Felsen herumzuspazieren war wirklich beängstigend! Sie waren groß – einige Mal höher als ich, und die Leute sprangen auf ihnen herum. Es verblüffte mich, daß die Leute einfach dort hoch gingen zu diesem weit entfernten, unheimlichen Ort, und niemand versuchte, sie davon abzuhalten.

Ich war im Jahr davor auf eine öffentliche Schule gegangen. Ich hatte dem gegenüber zwiespältige Gefühle. Ich mochte es, lesen zu lernen. Das hat Spaß gemacht, und der Lehrer, den ich hatte, war eine nette Frau. Als der Herbst kam und ich an Sudbury Valley statt in der öffentlichen Schule war, begann ich mir Sorgen zu machen, ob ich genug lernen würde, und ob mir Dinge fehlen würden; also ging ich zu Beginn der zweiten Klasse zurück an die öffentliche Schule, für eine Woche vielleicht. Das war lang genug für mich, um mir bewußt zu werden, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Die zweite Klasse in der öffentlichen Schule war schrecklich, langweilig und unglaublich ermüdend. Also kam ich zurück und schrieb mich erneut an Sudbury Valley ein.

Die ganze Zeit, die ich eingeschrieben war, habe ich mir um meine Bildung keine Sorgen gemacht. Ich hatte nie das Gefühl, daß ich ein “Studienprogramm” für mich selbst bräuchte; ich hatte nie wieder das Gefühl, daß das etwas wichtiges wäre. Ich kannte genug Leute außerhalb der Schule, um das Gefühl zu haben, überhaupt nicht schlechter gebildet zu sein als sie! Ich habe mich nie gefragt: “Bin ich zufrieden mit der Art, wie ich mich bilde?” Gewöhnlich kam ich einfach in der Schule an und versuchte herauszufinden, was los war, und wenn etwas los war, das mich interessierte, tat ich es. Wenn nicht, ging ich lesen. Allgemein erinnere ich mich nicht, daß ich gedacht hätte: “Ist das, was diese Person tut, OK?” Ich hatte die Vorstellung, daß es wirklich nicht meine Angelegenheit ist, was jemand tut. Er tat, was er tat, und damit hatte es sich.

Die erste Sache, an die ich mich deutlich erinnere, viel Zeit damit verbracht zu haben, war das Plasticene Village (Plastilin-Dorf) – ein Tisch im Kunst-Raum, der zur Dauernutzung für Plastilin übernommen wurde. An einigen Tagen war ich vom Augenblick, als ich ankam, bis zum Augenblick, als ich nach Hause ging, damit beschäftigt. Ich weiß nicht, wie lange es anhielt, aber es scheint, als ob es ewig lief! Wir stellten Häuser und Menschen her; die waren ziemlich einfach. Die komplizierteren Dinge waren maschinelle Ausrüstung und so. Man mußte die anderen überzeugen, daß die eigene Maschine funktionierte, also brauchte man ein bißchen oberflächliches Wissen, wie sie funktionieren sollte, und man mußte in der Lage sein zu zeigen, wo sich die verschiedenen Teile befinden. Das war ein wunderbarer Spaß.

Alle von uns haben die Schule vor vielen Jahren mit einem Schulabschluß verlassen, und es stellte sich heraus, daß es überhaupt keine schlechte Sache war, sich ein Jahr lang oder so den ganzen Tag lang mit Plastilin zu beschäftigen! Aber ich weiß nicht, wie ich damit umgegangen wäre, wenn ich damals ein Mitarbeiter gewesen wäre und jemand von den Eltern mir gesagt hätte: “Ich kann es nicht glauben. Mein Kind spielt ein ganzes Jahr lang mit Knete. Das ist schrecklich.” Es ist schwer. Ich hätte ihm sagen müssen: “Sieh, was ist falsch daran, daß dein Kind das tut? Es hat Spaß, wahrscheinlich lernt es dabei etwas, auch wenn noch keiner sagen kann, was.” Ich weiß nicht, wie die Mitarbeiter damit umgegangen sind.

Bis ich 13 oder 14 war, las ich eine Menge Science Fiction und nicht viel von irgend etwas anderem. Mit 13 oder so begann ich, andere Dinge zu lesen, wie russische Literatur; das kam, weil sich jeder für Solschenizyn interessierte. Seine Bücher waren im Westen gerade herausgekommen, und die Leute lasen sie und sprachen über sie. Das war die erste russische Literatur, die ich gelesen habe. Ich las “Der Archipel GULAG” Teil 1 und ich glaube, ich hätte vielleicht irgendwann Teil 2 gelesen, aber ich interessierte mich mehr für seine Romane: “Krebsstation” und “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch”. Dann begann ich, auch allerhand andere russischer Literatur zu lesen, weil in seinen Romanen Bezüge auf andere Dinge vorkamen, und das machte mich immer neugierig zu erfahren, was diese anderen Dinge waren. Ich las immer in der Schule, manchmal sehr viel. Genau wie es Tage gab, an denen ich den ganzen Tag mit Plastilin spielte, gab es Tage, an denen ich hereinkam und den ganzen Tag las.

Draußen spielte ich eine Menge Fußball. Die Fußballspiele waren wirklich toll, vor allem wegen Mitch. Jeder spielte, Leute aller Größen. Mitch stellte immer sicher, daß all die kleinen Kinder fair behandelt wurden und daß niemand ausgeschlossen wurde. Er war freundlich, und ich glaube, er hielt die anderen großen Kinder, die vielleicht nicht so sanft waren, in Schach. Ich sah ihn als eine Art Vorbild an; er war das einzige ältere Kind, zu dem ich aufsah.

Die andere Sache, die ich draußen viel tat, war Krieg zu spielen. Wir gingen ein Stück weg, entweder zu dem Gebiet um die Scheune und Ställe, oder hinter Dennis’ Haus [gibt es nicht mehr, d. Red.] Es war immer eine Ganztags-Sache. Man ging am Vormittag raus, und man kam nicht zurück, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen. Das war ein Problem, weil die Leute überhaupt nicht sicher waren, wann sie nach Hause gingen, und die Eltern kamen und suchten sie, aber sie waren einfach nicht da; und ihre Mütter hatten keine Möglichkeit, sie zu finden.

Zu dem Spiel gehörte, die Gruppe in zwei Teams zu teilen, und dann hatte jeder einen Stock, und man streifte gewissermaßen umher, versteckte sich im Dickicht und im Wald und versuchte, die Leute des anderen Teams mit seinem Stock zu erschießen. Wenn man getroffen wurde, mußte man gehen, gewöhnlich bis zum Parkplatz, und dann zurückkommen, und dann konnte man wieder am Leben sein. Das war ein großer Anreiz, am Leben zu bleiben, da es ein langes Stück Weg ist!

Die Leute diskutierten immer, ob sie getroffen worden waren. Jemand rannte von einem Baum zum anderen und sagte: “Du kannst mich gar nicht getroffen haben” oder “Welche Art von Gewehr hast du?” und solche Sachen. Wir spielten das meist im Frühling oder Herbst, denn im Winter ist es einfach zu kalt, um Stunden und Stunden still hinter einem Baum zu sitzen.

Während des Winters war Schlittenfahren das Ding. Wir fuhren mit dem Schlitten immer zum Mühlhaus runter, was irgendwie schlecht war, weil das Mühlhaus da im Weg stand. Wenn das Eis gefroren war, fuhren wir den Hügel statt dessen in Richtung des Teiches hinunter, was viel mehr Spaß machte, weil wir dann quer über den Teich schlitterten. Man konnte mit der Geschwindigkeit, die man auf dem Hügel bekommen hatte, von einem Ende des Teiches bis zum anderen fahren.

Eine Zeit lang gab es eine Festung, die einige Kinder gebaut hatten, zu der ich gewöhnlich hinging. Sie war eine Weile lang ein Geheimnis. Frank schlug mich einmal, als ich versuchte, ihm dorthin zu folgen, aber irgendwie gelang es mir schließlich doch. Die Festung war irgendwie elegant, weil sie aus Baumstämmen gemacht war, über einen Rahmen angebracht, mit Kiefernzweigen oben drauf. Ich bezweifle, daß man bei Regen trocken geblieben wäre, wenn man in diesem Ding drin war, aber man fühlte sich ziemlich geschützt. Es gab da auch einen “Brunnen”. Es war dieses große Loch, das sie gegraben hatten, und nicht wirklich ein Brunnen. Es war einfach ein tiefes Loch, das sich immer mit Regenwasser füllte.

Mein Lieblingsraum in der Schule war der Nähraum, und der Ort, an dem ich besonders gern saß, war neben dem Solarium. Ich kann in einem lauten Raum lesen, aber Unterhaltungen störten mich manchmal, und dann ging ich an einen ruhigeren Ort; oder wenn ich in einem Ruhe-Raum war, versuchte ich, die Leute dazu zu bringen, leise zu sein, was manchmal nicht so einfach war.

Als ich gerade erst neu auf der Schule war, hatten wir alle die Vorstellung, daß die Schule ein wahnsinniger Erfolg sein würde und daß wir ziemlich bald 1 000 Schüler und viele Gebäude und so haben würden. Das klang großartig, und ich dachte, daß es tatsächlich so kommen würde. Später, als die Schule nicht so groß war, war mir bewußt, daß es um mich herum nicht so viele Leute gab, und ich hätte wirklich gern mehr Leute gehabt, mit denen man sich unterhalten kann. Es gab niemand anderen, der sich für Dinge wie Algebra interessierte, und ich hatte das Gefühl, daß es Spaß gemacht hätte, sich mit jemandem zu unterhalten, der sich dafür interessiert, aber nicht Hilfe bekommen will, sondern einfach Lust hat, darüber zu reden.

Während ich da war, wollte ich schrecklich gern, daß die Schule größer wäre. Ich denke, für mich als Schüler wäre es viel besser gewesen, wenn sie größer gewesen wäre. Die meiste Zeit, die ich da war, waren die einzigen Freunde in meinem Alter, die ich hatte, Gabriel, Judy und Rudy – und das lag nicht daran, daß ich nicht freundlich gewesen wäre. Es lag einfach daran, daß es niemanden weiter in meinem Alter gab. Die Leute, die meine Freunde waren, waren wirklich intelligent und interessant, aber es wäre toll gewesen, mehr zu haben. Ich muß hinzufügen, daß ich mich nicht erinnere, daß einzelne Freundschaften so wichtig waren. Was wichtig war, war, daß ich in der Lage war, mich einer Gruppe von Leuten anzuschließen, die ich mochte.

Ich machte Mathe manchmal während dieser Jahre, aber im allgemeinen nicht an der Schule, sondern gewöhnlich zu Hause mit einem Mathematik-Buch, das für Erwachsene geschrieben wurde, um ihnen elementare Mathematik beizubringen. Alles, was ich lernte, bevor ich anfing, Algebra zu lernen, lernte ich aus diesem Buch oder indem ich meine Eltern bat, es mir zu erklären.

Nachdem ich irgendwie all die elementaren Dinge, die man tun konnte, herausgefunden hatte, hatte ich nicht mehr sehr viel Interesse daran. Dann, an einem Punkt, begann mich zu interessieren, warum und wie Atombomben und Kernreaktoren funktionieren. Also schnappte ich mir Bücher, die ich nicht verstehen konnte. Die erste Sache, die sich als unbegreiflich herausstellte, war die Mathematik in den Büchern. Es war einfach zu sehen, daß einer der Gründe, warum ich nichts verstehen konnte, darin bestand, daß die dort verwendete Mathematik für mich überhaupt keinen Sinn ergab, weil es Algebra war und ich überhaupt noch nie über Algebra nachgedacht hatte. Da waren auch andere Dinge, aber das war das vorrangige Problem. Also entschied ich mich, Algebra zu lernen, so daß ich in der Lage wäre, die Dinge leichter herauszubekommen. Ich sah mir die Algebra-Lehrbücher in der Bibliothek an, bis ich eines fand, das geeignet schien, und ich las es einfach und löste all die Aufgaben. Es war etwas, das ich ganz allein tat. Ich brauchte keinerlei Hilfe dabei. Wenn mich etwas verwirrte, arbeitete ich einfach daran, bis ich es herausbekam. Es gab Leute, an die ich mich hätte wenden können, aber ich habe mich an niemanden gewendet.

Für das Algebra brauchte ich etwas weniger als ein Jahr. Es gab zwei Bücher, Algebra l und Algebra II. Die Sache, die wirklich blöd war, war, daß ich wirklich all die Aufgaben darin löste. Erst lange Zeit später wurde mir klar, daß das nicht die Art ist, wie man jemals etwas aus einem Lehrbuch lernt. Es dauert einfach zu lange. Dann fand ich heraus, daß ich noch immer nicht die Dinge verstehen konnte, die ich lesen wollte. Ich merkte, daß ich nun versuchen sollte, mehr grundlegende Physik zu verstehen; und so bat ich Danny, mir dabei zu helfen. Ich hatte ein Physik-Lehrbuch, und ich begann einfach am Anfang, las es und versuchte, Aufgaben zu lösen. Wenn es mich verwirrte, suchte ich Danny auf und verabredete mich mit ihm, um mich mit ihm zu unterhalten und ihm Fragen zu stellen. Ich hatte Freude daran, bis ich dazu kam, mich mit etwas zu befassen, das für mich überhaupt keinen Sinn ergab: die Stelle darüber, wie Gyroskope funktionieren, was irgendwo im ersten Viertel meines Buches war, und ich bekam es einfach nicht hin, daß das irgend einen Sinn für mich ergab, weil die Art, wie Gyroskope funktionieren, einfach überhaupt keinen intuitiven Sinn ergibt. Also hörte ich auf, mich damit zu beschäftigen, weil ich frustriert war. Ich hatte es satt zu versuchen, darüber nachdenken, wenn es dann doch keinen Sinn ergibt.

Mein Algebra-Lernen war mehr oder weniger zielorientiert, obwohl ich nie das Ziel erreicht habe, das ich anstrebte: Referate und Bücher über Kernphysik lesen und sie verstehen zu können; aber es war dennoch zielorientiert. Es ist einfach so, daß ich für ein Ziel lernte, das ich wollte, statt für ein Ziel, von dem jemand anderes mir sagte, daß ich danach streben solle. Ich glaube, das ist, wie Leute sich selbst unglücklich machen: Statt ihr Leben danach zu leben, was sie tun wollen, versuchen sie andere Maßstäbe zu verwenden, um ihr Leben zu leben. Ich denke, Menschen sind dazu bestimmt, glücklich sein. Sie sind nicht dazu bestimmt, unglücklich zu sein. Das ist egoistisch, aber ebenso denke ich, daß es richtig ist.

Ich habe nicht sehr viel über Mathe und Physik nachgedacht, seitdem ich aufgehört habe, Physik zu lernen. Tatsächlich habe ich mich nicht viel mit Mathe beschäftigt, bis ich begann, es einigen Leuten an der Schule beizubringen. Als ich zwölf war, hätte ich wahrscheinlich gesagt, daß ich Zoologe werden will, wenn ich groß bin, weil ich mich für Tiere interessierte.

Ich begann, Klavierstunden zu nehmen, als ich 13 war. Ich wollte in der Lage sein, ein paar Lieder zu spielen, die ich mochte. Nach ein paar Wochen versuchte meine Klavierlehrerin, mich dazu zu bekommen, klassische Musik zu spielen, und ich fand bald heraus, daß ich wirklich viele der Dinge mochte, die zu spielen sie mich brachte: kurze, einfache Stücke von Haydn, Beethoven und solchen Leuten. Ich fing auch an, eine Menge Musik zu hören, nachdem ich angefangen hatte, Klavierstunden zu nehmen. Vorher habe ich überhaupt nicht viel Musik gehört.

Ein paar Jahre lang übte ich hauptsächlich zu Hause, und dann, danach, übte ich einen Teil der Zeit an der Schule. Es gab Tage, an denen ich viel mehr übte und Tage, an denen ich viel weniger übte. Ich machte das zehn Jahre lang, übte zunehmend mehr und mehr Stunden am Tag. Ich hatte eine Vision, in der Lage sein zu wollen, bestimmte Stücke zu spielen, und dann kam ich an den Punkt, an dem ich diese Stücke spielen konnte, und ich wollte in der Lage sein, andere Stücke zu spielen, die schwieriger waren. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was es mir bringen würde. Ich dachte einfach, es war etwas, das ich tun wollte. Ich glaube, alles, was man tut, ist nützlich für alles andere, das man tut – weil es kein großer Unterschied ist, ob man eine schwierige Sache oder eine andere schwierige Sache tut. Es mag verschiedene körperliche Fähigkeiten erfordern, oder vielleicht verschiedene Denkgewohnheiten, aber man braucht die gleiche Art von Konzentration und die gleiche innere Haltung.

Aus irgend einem Grund verliebte ich mich in den Klang eines Cembalo, und ich wollte wirklich eines. Es schien, daß es Spaß machen würde, eines zu bauen, und es war nicht so teuer. Ich hatte Teilzeit gearbeitet, so daß ich genug Geld hatte, um mir einen Bausatz zu kaufen. Ich machte es in der Schule, und ich bekam in verschiedenen Phasen zahlreiche Ratschläge von Sam. Die Anleitung war recht verständlich. Ein Großteil davon war langweilig und zeitaufwendig, aber es gab nur ein paar Dinge, die schwierig waren. Der Anfang war besonders lustig; was man tat, war, den Kasten zusammenzusetzen, große Teile zusammenzukleben und zu versuchen, Verbindungen richtig hinzubekommen und so’n Zeug. Dann, später, gibt es eine Menge mehr Zeug, das man leicht verpfuschen kann, und das man ein paar Mal immer wieder tun muß, damit man es richtig hinbekommt.

Während der Jahre, in denen ich Musik machte, spielte ich immer noch draußen. Nicht mehr so viel vielleicht, aber die Dinge, die ich draußen tat, waren ein kleines bißchen verschieden. Ich spielte immer noch eine Menge Fußball. Ich spielte etwas “Erobert die Flagge”, aber das Problem war, daß ich bis dahin viel größer als alle anderen war – zu groß. Es macht keinen Spaß, wenn man nicht mehr oder weniger die durchschnittliche Größe hat. Alle haben zu viel Angst vor dir, und du kannst nicht unsichtbar sein. Wenn du klein bist, kannst du dich hinter einer Linie verstecken, und niemand bemerkt dich. Ich fuhr auch zum Skilanglaufen, ging spazieren und im Wald nach Flaschen graben und fuhr in der Gegend mit meinem Fahrrad herum, gewöhnlich mit einem Freund.

In meinen Teenagerjahren entwickelte ich ein Interesse an der Verwaltung der Schule. Ich weiß nicht, warum – wirklich nicht. Ich erinnere mich, daß ich dachte, daß es Spaß machen würde, mit bestimmten Dingen zu tun zu haben, wie dem Justizkram und den Trials [Gerichtsverhandlungen]. Ich dachte auch, je mehr Leute mit der Verwaltung befaßt sind, um so besser. Ich verspürte eine Art Bürgerpflicht, mich zu einem gewissen Grad zu beteiligen. Jeder fühlte sich der Schule gegenüber loyal, aber die Leute taten verschiedene Dinge diesbezüglich. Ich glaube nicht, daß ich mich der Schule gegenüber loyaler fühlte als meine Freunde, die sich nicht für die Verwaltung interessierten.

Eine Zeitlang war ich Gebäude-Vorräte-Zuständiger. Das war einfach jemand, der herumging und darauf achtete, daß genug an Toilettenpapier, Papierhandtüchern und Seife da war. Gelegentlich mußte ich jemanden finden, der mich zum Laden mitnahm, um Papierhandtücher-Kisten und Toilettenpapier zu kaufen. Die Seife, die wir damals hatten, war schrecklich, eine Pulverseife, die so sehr scheuerte, daß man sie kaum benutzen konnte. Wenn man seine Hände mehr als drei oder vier Mal am Tag waschen mußte, bekam man laufend wunde Stellen.

Ein Jahr war ich Gebäude-Erhaltungs-Zuständiger. Ich wollte wirklich etwas über diese Dinge wissen, und ich wollte sie tun und sehen, wie sie sind. Aber ich hatte nie das Gefühl, daß die Arbeit, die ich darin leistete, gut genug war. In dem Jahr, als ich es tat, war es keine so große Aufgabe wie es die meiste Zeit über ist, weil nichts größeres passierte. Es war ohnehin kein Geld da, das man hätte ausgeben können. All die kleinen Dinge, die vorkamen, konnte ich einfach reparieren, wie z.B. wenn irgendwo ein Türgriff abfiel, eine Fensterscheibe kaputtging, oder etwas in der Art. Außerdem mochte ich es, mit elektrischen und elektronischen Dingen herumzuspielen, die die Audio Visual Corporation hatte, also sorgte ich dafür, daß sie funktionierten.

Ich war Law Clerk, als ich 13 war. Die Arbeit war gräßlich. Das Justizsystem heute ist stromlinienförmig verglichen damit, wie es damals war. Wir führten damals über alles per Hand Buch. Es gab eine Auflistung der Trials nach der Trial-Nummer, und es gab eine Auflistung nach der Anklage, und es gab auch Auflistungen für jeden einzelnen. Es mußten also all diese Aufzeichnungen geführt werden, und als ich das erste Mal damit zu tun hatte, war ich überwältigt; ich mußte mich erst daran gewöhnen, damit ich nicht vergaß, etwas an einer Stelle aufzuschreiben. Ich erinnere mich, daß ich an dem Tisch saß mit all dem Zeug und einfach versuchte herauszufinden, was ich mit all dem tun soll und wo ich finde, was ich brauche, und wo man alles hinpackt.

Ich kann mich an das erste Mal erinnern, als ich herumgehen und Leute über Trials benachrichtigen mußte. Beängstigend war es, mit einem kleinen Kind zu reden, das noch nicht verstand, was vor sich ging. Viele Male konnten Beschwerden durchgehen, Beweise aufgenommen werden, und die Schulversammlung konnte über einen Trial für ein Kind abstimmen, das neu an der Schule war und noch nicht wirklich verstand, was passierte.

Einige Jahre lang leitete ich auch die Vervielfältigungsmaschine [frühzeitlicher Kopierer] und trug zusammen, wann immer wir etwas umfangreiches zu tun hatten, wie einen langen Newsletter oder wenn jemand einen langen Artikel veröffentlichte. Ich kann mich erinnern, wie ich mit Gabriel zusammentrug. Wir legten lange Bretter auf einen Tisch, so daß man mehr Seiten darauf ablegen konnte. Wir hatten eine Menge Spaß dabei. Wir gingen einfach auf und ab, sprachen mit einander und trugen diese umfangreichen Dinger zusammen. Manchmal brauchten wir viele Stunden dazu. Es ist lustig: Ich halte mich selbst nicht für gesprächig, aber ich schätze, ich habe eine Menge geredet, mit ziemlich vielen Leuten. Mit Gabriel habe ich mich wahrscheinlich mehr unterhalten als mit irgend jemandem sonst, und ich unterhielt mich auch recht viel mit Margaret Parra, als ich älter war.

Jahrelang gab es Wasserschlachten, und niemand machte jemals irgendein Aufheben darum, weil sie immer im Verborgenen stattfanden, und niemand wußte von ihnen, oder niemand wußte genau, wer sie gemacht hatte. Die besten waren die mit Papierhandtüchern, die wir in Wasser eingeweicht hatten, “Gloppies”, und auf einander warfen. Die besten Male waren am Abend im Winter, wenn es um 16.30 Uhr schon dunkel ist. Die Mitarbeiter waren dann alle oben im Büro, und niemand arbeitete in der Küche, also waren in der unteren Etage der Schule nicht so viele Leute, vor allem nicht im Kunstraum, der Main Lounge, dem Bibliotheks-Arbeitsraum und dann die Treppen hinunter im Keller. Der Keller war das Hauptgebiet für die Wasserschlachten. Man mußte vorsichtig sein, wenn man vom Kunstraum (wo man gewöhnlich die Papierhandtücher und das Wasser herbekam) zum Keller rannte, aber wenn man erst mal im Keller war, war es unwahrscheinlich, daß dort jemand ist. Es fühlte sich richtig toll an, im Gebäude zu sein, wenn nicht so viele Leute da waren und es dunkel und geheimnisvoll war. Tatsächlich waren Wasserschlachten zu dieser Zeit nicht verboten. Später wurde ein spezielles Gesetz über sie geschaffen.

Ich mochte die Pot-Luck-Dinners [Mahlzeiten, bei denen jeder Gast etwas zu essen mitbringt] bei Nacht sehr, war aber nicht so verrückt auf die Frühlings-Picknicks, weil ich es mochte, wenn es dunkel war, in der Schule zu sein und draußen rumzurennen. Das machte Spaß und war anders, wohingegen mir Picknicks immer ziemlich auf die Nerven gingen, als ich ein kleines Kind war. Du gingst zur Schule, und da war deine Schule, aber du konntest nicht wirklich die Dinge tun, die du wolltest, weil da viel zu viele Dinge geschahen und zu viele Leute da waren, und die einzigen Leute, mit denen du Zeit verbringen wolltest, waren jedenfalls deine Freunde, die da waren, nur daß es schwieriger war, mit ihnen Dinge zu tun, weil du beim Picknick warst.

Ich denke, solange ich mich erinnern kann, wußte ich immer, was die Schulversammlung ist: der Ort, wo die Dinge erledigt und die Entscheidungen getroffen werden. Bevor ich anfing, regelmäßig hinzugehen, tat ich, was die meisten kleinen Kinder tun; sie gehen hin, wenn etwas sie betreffendes ansteht. Ich kann mich erinnern, daß ich an einem Punkt das Gefühl hatte, daß es vielleicht nicht richtig wäre und vielleicht jeder immer hingehen sollte, und dann, an einem anderen Punkt, entschied ich, ja, es war OK, es war in Ordnung für mich, andere Leute Dinge entscheiden zu lassen, für die ich mich nicht interessierte. Das Bild, das ich hatte, war, daß jemand anderes sich um die meisten Dinge kümmerte, und ich mußte mir darüber nicht sehr viele Sorgen machen, wobei “jemand anderes” Mitarbeiter und ältere Schüler waren, aber vor allem Mitarbeiter. Aber die Sache, die mit diesem Bild einherging, war, daß ich das Gefühl hatte, mich beschweren zu können, wenn es etwas gab, das ich nicht für richtig hielt, oder etwas, von dem ich dachte, daß es geändert werden sollte.

Als ich älter war, wurde ich bei Meetings richtig ungeduldig. Ich erinnere mich, daß ich dachte, daß die Leute so lange brauchen, um zu verstehen, was andere sagen, und daß die Leute das eigentliche dessen, was die anderen sagen, verfehlen und dann selbst Dinge sagen, die völlig daneben liegen. Vor kurzem habe ich gemerkt, daß die Leute diese Dinge bei Schulversammlungen viel weniger tun als in fast jeder anderen Umgebung, und daß die Schulversammlung so gut arbeitet wie jedes andere demokratische Treffen, das ich bisher gesehen habe.

Als ich erst einmal anfing, zu den Schulversammlungen zu gehen, ging ich auch zu den Assembly-Treffen [jährliche Versammlung, die abschließend über das Budget sowie über die Schulabschlüssen entscheidet, an der auch die Eltern beteiligt sind]. Ich dachte nie, daß die Assembly eine große Rolle darin spielen würde, was in der Schule geschah, und gewöhnlich war ich vollkommen glücklich damit. Als Schüler war ich gegenüber der Assembly immer ein bißchen mißtrauisch, da es eigentlich die Schulversammlung hätte sein sollen, das über diese Dinge zu entscheiden hat, und die Assembly gehörte einfach nicht dazu. Ich meine das nicht als Wahrheit. Ich erzähle nur, was ich empfand.

Jeder war im Justizkomitee, so daß wir die Funktionsweise des Justizsystems auf eine viel vertrautere Art kannten als die anderen Teile der Schule. Ich denke, als kleines Kind ist es mehr ein Teil deines Lebens als die anderen Funktionen der Schule. Nicht nur, daß man von ihm Gebrauch macht, man nimmt an einem gewissen Punkt auch an seiner Leitung teil.

Das Justizsystem war ein interessantes Konfliktzentrum in der Schule. Vor allem die Trials. Während der ganzen Zeit, in der ich beteiligt war, waren Trials sehr selten, so daß es ein besonderes Ereignis war, wenn einer stattfand. Es gab eine Menge Werbung, und man redete darüber, und dann waren da Leute, die ihre Sache vortrugen und versuchten, die anderen zu überzeugen, und es kam darauf an, was die Jury am Ende dachte; also das war wirklich immer faszinierend. Ich denke, das Drama daran war sehr interessant für mich. Ich meine, die Justiz daran war nett, aber ich denke nicht, daß sie für sich genommen interessant war.

Es gab keine Möglichkeit, nicht eine faire Behandlung zu bekommen, wenn man vors Justizkomitee kam. Das Komitee machte Untersuchungen und erstellte eine Art Bericht, und wenn der Bericht falsch war, dann war das nicht so wichtig, weil es in dem Trial aufgeklärt werden konnte. Es gab genug gegenseitige Kontrolle. Es war ziemlich schwierig, für etwas verurteilt zu werden, dessen man nicht schuldig war.

Das war wichtig für mich, weil ich manchmal einen Vorteil daraus zog. Ich war ein echter Pedant, und wenn jemand mich für Dinge anzeigte, von denen ich wußte, daß sie falsch waren, die aber nicht gegen die Regeln waren, war ich nicht bereit, mich dessen überführen zu lassen, eine Regel gebrochen zu haben, von der ich wußte, daß ich sie nicht gebrochen hatte. Als Angeklagter war ich nicht verängstigt, aber ich war nervös. Es ist mehr wie die Angst, die man verspürt, wenn man vorhat, vor einer Gruppe von Leuten zu reden, als die Angst, die man verspürt, wenn man Angst vor schlimmen Dingen hat, die einem passieren werden. Ich hatte immer mehr Angst, in Verlegenheit gebracht zu werden, als verurteilt zu werden. Im Allgemeinen war es wichtig für mich zu lernen, daß ich mich selbst behaupten und andere Leute überzeugen konnte, daß ich recht hatte.

Die hauptsächliche Interaktion, die ich mit den Mitarbeitern hatte, war, mich mit ihnen zu unterhalten. Sie bedeuteten mir etwas, weil sie die waren, die sie waren. Mit der Zeit fühlte ich mich mit den meisten der Mitarbeiter, die lange Zeit in der Schule waren, wirklich emotional verbunden, weil sie Leute waren, die ich wirklich mochte und respektierte, nicht unbedingt wegen der Dinge, die sie für mich getan haben, und nicht nur wegen der Dinge, die sie für die Schule getan haben, obwohl das auch wichtig war.

Meine Beziehung mit ihnen einzeln war immer gut. Es gab bestimmte Zeiten, in denen ich vor allem über Danny wirklich verärgert war; aber ich erinnere mich an nichts, das eine langzeitige Verärgerung war. Es war einfach immer über kleine Sachen, die an der Schule geschahen. Und es hatte keinen negativen Einfluß auf die wirkliche Beziehung, die wir hatten. Im allgemeinen mochte ich es, daß die Mitarbeiter freundlich waren, und ich mochte es, daß sie da waren, aber ich wollte vor allem nicht, daß sie mich aufsuchen. Ich wollte ganz sicher nicht, daß sie versuchen, mich dazu zu bekommen, Dinge zu tun, aber ich wollte nicht einmal sonderlich, daß sie sich mit mir unterhielten, es sei denn, sie hatten etwas konkretes, über das sie reden mußten. Ich war viel glücklicher damit, sie aufsuchen zu können, wenn ich wollte. Es ging gewöhnlich nicht darum, daß ich arrangieren wollte, mit ihnen etwas zu tun, das groß und zeitaufwendig war. Es war meist nur, Hilfe bei einzelnen Sachen zu bekommen, oder jemandem eine Frage über etwas zu stellen. Ein Beispiel ist Holzarbeiten, womit ich mich eine Weile lang beschäftigte. Als ich etwas aus Holz machen wollte, wollte ich zertifiziert werden, die Holzwerkzeuge benutzen zu dürfen, und manchmal wollte ich Hilfe bei einer konkreten Sache, aber ich wollte nicht jemanden, der es die ganze Zeit mit mir zusammen tut.

Wenn ich jemand wäre, der weniger entschlossen wäre, bei den meisten Sachen Leute nicht um Hilfe zu bitten, dann hätten die Mitarbeiter eine größere Rolle darin spielen können, etwas mit mir zu machen oder mir etwas beizubringen, oder mir zu helfen versuchen herauszufinden, was ich tun will. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, und im nachhinein hat mich nichts dazu veranlaßt zu denken, daß es falsch war, das gewollt zu haben. Ich hatte nicht vor, einen Kurs zu starten, wenn ich mich für etwas peripher interessierte – ich ging statt dessen einfach ein Buch lesen.

Ich war immer etwas besorgt über die Mitarbeiter-Wahlen. Es gab Zeiten, in denen einzelne Mitarbeiter vorübergehend unbeliebt waren, und es gab wirklich schlechte Wahlergebnisse, was ich immer traurig fand. Die meisten Mitarbeiter waren lange Zeit da gewesen und hatten so viel in die Schule gesteckt, daß es immer schrecklich schien, wenn sie in einem Jahr auf einen Schlag 15 Nein-Stimmen bekamen – es muß sich für sie schrecklich angefühlt haben. Das andere war, daß manchmal verrückte Leute kamen und Mitarbeiter werden wollten, aber wir waren immer klug genug, als daß wir sie gewählt hätten, so daß es nicht wirklich ein Problem war. Ich denke, es ist eine gute Idee, daß Kinder ihre Lehrer wählen. Jeder trifft falsche Entscheidungen, und ich bin sicher, daß wir gelegentlich Leute zu Mitarbeitern gewählt haben, die wahrscheinlich nicht hätten gewählt werden sollen, obwohl ich nicht weiß, ob wir das umgekehrte getan haben. Aber ich glaube, wir haben aller Wahrscheinlichkeit nach bessere Entscheidungen getroffen, als mit irgend einer anderen Methode. Das Problem ist, wer soll die Entscheidungen treffen, wenn wir es nicht selbst tun? Wer auch immer es ist, er wird seine Sache wahrscheinlich nicht so gut machen. Ich kenne keine gute Alternative. Die Alternative, daß die Schüler nicht diejenigen sind, die entscheiden, wer an Sudbury Valley arbeitet, würde einen der Hauptpunkte von Sudbury Valley untergraben, der darin besteht, daß die Schüler entscheiden, was gut für sie ist. Alles zu belassen wie es ist, aber diese eine Sache zu ändern, wäre wirklich heuchlerisch.

Das ist eine der Sachen, die es einfach machen, über Sudbury Valley zu reden. In vielerlei Hinsicht ist es schwer, über die Schule zu reden, weil es schwierig ist, die Leute dazu zu bekommen, dir zu glauben, wenn du anfängst zu versuchen, sie zu beschreiben, aber eine der Sachen, die es einfacher machen, ist, daß sie wirklich ehrlich ist, so daß, wenn du etwas sagst, du es wirklich so meinen kannst – und wenn du sagst, daß die Schule demokratisch kontrolliert ist, und die Schüler im Grunde die Macht haben, dann ist das nicht gelogen. Da ist keine Lüge wie “Nun, sie haben die Macht, außer daß es bestimmte Entscheidungen gibt, die sie nicht treffen können.” Ich sagte jemandem kürzlich das: “Die Schüler können alles tun, was sie wollen.” Sie sagte: “Oh, das klingt nach einer Montessori-Schule.”, und ich sagte: “Nun, nicht ganz, weil, wenn du in einer Montessori-Schule rausgehen und den ganzen Tag Fußball spielen willst, dann ist das irgendwie schwer.” Und sie sagte: “Du meinst, man konnte rausgehen und den ganzen Tag Fußball spielen?” Ich sagte: “Ja, die Schüler können alles tun, was sie wollen.” Und sie sagte: “Ja, ich habe dich gehört, aber ich habe das nicht wirklich geglaubt.”

Leute stellten mir manchmal Fragen über die Schule, aber niemand hat jemals versucht, mich zu überzeugen, daß ich nicht dorthin gehen sollte. Ich war diesbezüglich wahrscheinlich unausstehlicher als die Leute, die mich darüber befragten, weil ich immer versuchte, sie zu überzeugen, daß jeder das tun sollte. Ich dachte, es wäre völlig selbstverständlich, daß das die Art von Bildung ist, die jeder bekommen sollte.

Ich glaube, meine Eltern haben sich etwas Sorgen um mich gemacht. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht sicher. Mein Vater sagte, daß er über mich besorgt war, aber er war auch in der Lage, mich in Ruhe zu lassen, was gut war. Ich glaube, ich würde letztendlich das gleiche tun. Ich würde mir wahrscheinlich Sorgen um meine Kinder machen, aber so ist das nun mal. Man macht sich Sorgen um seine Kinder. Jeder, den ich kenne, macht sich Sorgen um seine Kinder, egal, was passiert, und egal, was seine Kinder tun, also wäre auch ich besorgt, aber ich hoffe, daß ich in der Lage wäre, sie in Ruhe zu lassen. Wenn ich es nicht kann, weiß ich nicht, warum irgend jemand anderes dazu in der Lage sein sollte, denn ich habe einen besseren Grund als irgendjemand sonst, sie in Ruhe zu lassen.

Vor kurzem haben mich einige Leute gefragt, ob ich gut aufs College vorbereitet war. Ich berichtete ihnen über Sudbury Valley, und sie fragten mich weiter: “War dieses schwierig für dich, als du aufs College gegangen bist?” und “War jenes schwierig für dich, als du aufs College gegangen bist?”, und ich sagte schließlich: “Seht, nichts war schwierig für mich, als ich aufs College gegangen bin. Ich habe dort ein paar schwierige Dinge getan, weil ich versucht habe, Dinge zu lernen, die schwer zu lernen waren, aber das College war nicht schwer für mich.” Ja, ich war gut vorbereitet. Ich denke, daß Absolventen von Sudbury Valley das sind, im allgemeinen; nicht unbedingt, weil sie genau die Fertigkeiten haben, die von ihnen erwartet werden, sondern weil sie die Fertigkeit haben zu wissen, wie sie ganz allgemein für sich selbst sorgen, so daß, wenn die Zeit kommt, daß sie bestimmte Dinge tun müssen, sie sie tun können. Die Leute, die ich im College kannte, die Probleme hatten, waren alles Leute, die es nicht gewohnt waren zu versuchen herauszufinden, was sie mit ihrem Tag anstellen sollen, was sie mit ihrem Monat oder ihrem Leben anstellen sollen.

Ich war wirklich aufgeregt wegen meiner Thesenverteidigung [Abschlußprüfung]. Ich war 17. Die Leute sprachen gewöhnlich über ihre letzten paar Jahre an der Schule, und was sie planten, in der unmittelbaren Zukunft zu tun. Ich wollte das nicht wirklich tun. Das war ein Überbleibsel aus der Zeit, als ich ein kleines Kind war. Ich hatte die Vorstellung, daß man irgendwie konkret die These verteidigen sollte, daß man bereit ist, für sich selbst verantwortlich zu sein, und ich wollte das nicht dadurch tun, daß ich erzählte, was ich als letztes getan habe und was meine Pläne sind. Also entschied ich mich, darüber zu reden, was ich dachte, was Verantwortung bedeutet, und zu erklären, warum ich dachte, daß ich bereit war, mein Leben in Übereinstimmung damit zu leben. Ich war ein kleines bißchen nervös, weil ich nie zuvor gesehen habe, wie jemand das getan hat, und da waren verrückte Fragen, die die Leute mir stellen konnten. Wie sich herausstellte, stellten die Leute einige verrückte Fragen. Es war sicherlich emotional bedeutsam, als ein Übergangsritus, sich vor alle diese Leute hinzustellen, die ich seit langem kannte, und ihnen zu sagen, daß ich bereit war, die Schule zu verlassen, und warum.

Ich entschied mich, die Schule genau zu dem Zeitpunkt verlassen, an dem ich sie verlassen habe, weil ich das Gefühl hatte, daß es nichts mehr gab, was ich von der Schule wollte. Ich brauchte überhaupt keine Zeit, um zu entscheiden, daß ich abgehe. Ich nehme an, daß ich gewissermaßen acht Jahre dazu gebraucht habe, aber als ich das Gefühl hatte, bereit zu sein, hat es überhaupt nicht lange gedauert.

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Kapitel 12

“Für mich war Sudbury Valley eine Graduate School in Organisieren von Gemeinschaften.”

Die erste Erinnerung, die ich an die Schule habe, ist, daß sie eine Gemeinschaft war, eine unterstützende Gemeinschaft. Die Leute wurden gut von der Gemeinschaft aufgenommen. Die Grundhaltung der Mitarbeiter und Schüler war nicht nur herzlich, akzeptierend und teilnehmen lassend, sondern verkörperte auch ein deutliches Engagement für diese Bildungsphilosophie. Wenn man ein Kind ist, ist es gut, andere Leute zu sehen, die sich einer Sache verbunden fühlen, an die man selbst auch glaubt. Das gibt einem Team Kameradschaft; das ist so eine Art zielorientierte Freundschaft.

Ich fand das eine lustige Art von Schule. Ich war vorher auf eine Privatschule und auf eine öffentliche Schule gegangen, und ich dachte, daß an Sudbury Valley Unterrichtsfächer eingerichtet wären. Ich dachte, daß die Verwalter uns sagen würden, was wir tun sollen, auch wenn mir durch mein Zulassungsgespräch klar wurde, daß es keine Tests, Zensuren, Prüfungen und solcherlei Dinge gibt. Es war vollkommen anders als alles, was ich zuvor mitgemacht hatte, abgesehen davon, auf der Straße zu leben.

Ich war 15, als ich von der Schule hörte. Ich hatte einigen Ärger in der öffentlichen Schule gehabt, der “unerklärbar” war. Ich wurde als “leistungsschwach” bezeichnet, und die Schulverwalter und Lehrer dachten, daß, wenn ich etwas mehr gefordert würde, ich besser abschneiden könnte; aber das funktionierte nicht. Ich ging auf eine Prep School, da ich mir davon wohl mehr Herausforderung versprach. Während ich dort war, gab es eine Menge akademischen und sozialen Druck. Ich hatte das Gefühl, dort nicht reinzupassen. Ich fuhr auf das berühmte Rock-Konzert in Woodstock im Sommer 1968, und als ich jenen Herbst zurück zur Schule ging, dauerten meine Sommerferien gerade durch bis Weihnachten! Als ich von den Weihnachtsferien zurückkam, fragte mich die Schulverwaltung, ob ich wirklich dort sein wollte, und ich sagte: “Nein.” Also ging ich zu einem Laufbahn-Beratungs-Service, und die wiesen mich auf Sudbury Valley hin. Sie sagten: “Wir haben einige Schüler dort hin vermittelt, und es könnte etwas sein, das du dir angucken willst”, was ich auch tat. Meine Eltern unterstützten mich in all meinen Entscheidungen.

Die meisten Leute waren freundlich, als ich mich in Sudbury Valley einschrieb. Einige der Mitarbeiter hatten eine Art “Abwarten-und-Sehen”-Haltung; mehr wie “Worum geht es bei diesem Schüler? Wird er zu mir kommen?” Die Mitarbeiter hatten die Art von Einstellung, die sagt: “Was braucht dieses Individuum? Was ist sein Stil, und wie gehe ich darauf ein?” Und das war angemessen.

Ich lebte mich in der Schule sehr schnell ein. Ich war auf das Raucherzimmer orientiert. Später half ich, im Gegenzug, neue Schüler aufzunehmen. Ich sah mich selbst als einen Teil der Dinge und hatte das Gefühl, daß es wichtig für mich war, aufgeschlossen zu sein und sie so zu behandeln, wie ich behandelt wurde. Ich gab einfach weiter, was an mich weitergegeben worden war, wirklich.

Ich brauchte nicht lange, um die Philosophie der Schule zu verstehen. Ich war schon in anderen Arten von Mitmach-Demokratien gewesen. Eine war eine Unitarian-Church-Gruppe für Kinder, und ich war in Sportteams und solcher Art von Dingen. Dieser Aspekt der Schule war wichtig für mich als ein Kind, das irgendwie formulierte, wo es sich hinbewegte. Er erlaubte mir, in die Richtungen zu gehen, für die ich mich interessierte.

Ich komme aus einer politisch, gesellschaftlich und religiös liberalen Familie, so daß die Schule zu meinen Erwartungen an das Leben paßte. Ich will nicht sagen, daß ich das von Schulen erwartete; das könnte der Grund sein, warum es für mich anfangs schwierig gewesen sein könnte zu kapieren, was Sudbury Valley war. Ich hatte erwartet, acht Stunden am Tag auf einem Stuhl zu sitzen und eine bestimmte Zeit am Tag zu haben, um rumzurennen und zu spielen, und eine bestimmte Tageszeit zum Essen. Als ich zu meiner ersten Schulversammlung ging, begann ich, den Unterschied zu sehen. Das war so in der Zeit, als das blau-weiße Paperback [The Crisis in American Education] veröffentlicht wurden, so daß es immer Diskussionen um Ideen über Bildung gab.

Im ersten Monat oder so verbrachte ich eine Menge Zeit im Raucherzimmer, Leute kennenlernen, Musik hören. Dann mit der Zeit begab ich mich in die Fotografie. Ein Schüler, der eine Kamera hatte, zeigte mir, wie man Fotos entwickelt und vergrößert. Später beteiligte ich mich stärker an anderen Aktivitäten wie Brotbacken. Aber selbst auf der Höhe meiner Beteiligung an organisierten Aktivitäten war ich wahrscheinlich weniger als die Hälfte der Zeit engagiert. Den allergrößten Teil meiner Zeit verbrachte ich damit, mit Schülern meines Alters zu reden, einige ein bißchen oder viel jünger, andere ein bißchen älter. Wir sprachen über Jugend-Sachen, z.B. wer in welcher Band ist. Zu Beginn meiner Schulzeit war ein Großteil der Gespräche eine Erörterung der Schulsysteme, in denen ich gewesen war. Wir verbrachten auch Zeit damit, Aktivitäten außerhalb der Schule zu planen. Ich glaube nicht, daß ich jemals gelangweilt war.

Die Schule half mir, in eine Richtung zu gehen, in die ich bereits ging, aber sie beschleunigte es und half mir, mich darauf zu konzentrieren. Für mich war Sudbury Valley eine Graduate School in Organisieren von Gemeinschaften. Ich glaube, daß ich dort zum ersten Mal irgend etwas selbst organisiert habe. Eine weitere Organisierungserfahrung folgte kurz danach, aber viel von den konkreten Techniken und der grundlegenden Philosophie, die ich später beim Gemeinschaftsorganisieren benutzte, konnte mit einem Großteil der Bildungsphilosophie mithalten, die hinter Sudbury Valley steht, beispielsweise daß Selbst-Motivation ein Schlüssel zum Lernen ist. Beim Organisieren ist Selbst-Motivation ein Schlüssel zur Teilnahme an den Organisierungsbemühungen, egal, ob es dabei nun um das Bauen eines Wasserturms im ländlichen West Virginia geht oder um die Gründung einer alternativen PTA [Eltern-Lehrer-Vereinigung] für die Chicano-Bevölkerung in Kalifornien. Auch ist die Idee der “partizipatorischen Demokratie” beim Organisieren wie Jefferson’sche Demokratie, in der die Streitfragen von unten kommen und nach oben gehen im Gegensatz zu vielen anderen Systemen, in denen die Gemeinschaftsplaner professionelle Pläne davon, was die Bürger brauchen, erstellen, was ich “jemanden unter den Tisch reden” nenne.

Laß mich einen konkreten praktischen Ausfluß dessen erzählen. Nach etwa der Hälfte meiner Zeit an Sudbury Valley hatte ich einige Freunde in öffentlichen Schulen, die über verschiedene Dinge klagten, die an ihrer Schule passierten. Ich nehme an, ich brachte irgendwie etwas von Sudbury Valley mit und half zu gründen, was wir die “Progressive Student Party” nannten. Es begann so, daß Jugendliche, dreizehn, vierzehn fünfzehn Jahre alt, fast wie ein Aufsichtsrat um den Küchentisch von einem von uns herumsaßen und darüber sprachen, was los war. Eines der Mädchen schrieb mit. Sie sagte: “Ich werde die Schriftführerin sein”, und dann machten wir aus diesen Mitschriften eine Zeitung, für die uns eine der Kirchen eine Vervielfältigungsmaschine, Papier und Tinte schenkte; und wir verteilten diese Zeitung an der Schule, auf die sie gingen. Die Schulverwaltung in jener Stadt war in heller Aufregung und nannte es “Agitation von außen”. Ich war der einzige Beteiligte, der kein Schüler dort war, aber sie verlangten, daß wir alle vom Grund und Boden der Schule verschwinden. Also verteilten wir sie von da an jede Woche an der Grenze des Schulgeländes. Leute in jener Stadt kommen immer noch zu mir und sagen: “Ah, ich erinnere mich an euch: Progressive Student Party!”

Ich nahm an der Schulversammlung teil und gab hier und da meinen Senf dazu. Ich sah es als das Herz des Schule an. Das war, wie wir unsere Schule leiteten, und ich wollte ein Teil davon sein, um zu erfahren, was vorsichging, und ebenso um etwas Einfluß auf den Weg zu nehmen, den sie ging. Mir fallen keine konkreten Entscheidungen ein, die ich vorgeschlagen habe und die genau so ausgingen, wie ich es vorgeschlagen hatte, aber ich habe eindeutig das Gefühl, daß bei Themen, zu denen ich etwas gesagt habe, meine Meinung mit anderen zu akzeptablen Ergebnissen verschmolzen wurde.

Einiges davon war für mich damals ein “geistig anspruchsvolles” Geschäft. Die Schulversammlung sprach über Geld und so, und ich sagte einfach: “Hey, ich weiß nicht, was ein Dollar wert ist. Um diese Dinge können sich Leute kümmern, die die Fähigkeit dazu bzw. ein Interesse daran haben.” Ich ging raus, wenn dieses Thema anstand, es war etwas, für das ich mich nicht interessierte. Geld ist für mich trocken und langweilig, selbst heute. Mir ist bewußt, daß es wichtig ist, aber … Allgemein hatte ich wirklich das Gefühl, mein Bestes zu geben.

Das Justizkomitee war eine Quelle für “Neuigkeiten”. Man erfuhr, was los war: Wer einen Fehler machte, und wer dagegen vorging, und was die Konsequenzen waren! Einmal war ich an einem kleinen Streich beteiligt, bei dem drei oder vier von uns den VW Käfer von jemandem anhoben und ihn in der Parklücke um 180 Grad drehten. Das war eine Verletzung der Rechte des Besitzers, die zur Bestrafung vor das Justizkomitee gebracht wurde. Ich erinnere mich aber an keine großen Zwischenfälle.

Mrs. Parra war so viel älter als die meisten anderen Mitarbeiter. Das war wirklich gut, da das die Schule mehr zu einer vollständigen Gemeinschaft machte; sie war auch jemand, auf den ich blicken und sagen konnte: “Hey, selbst Leute in dem Alter glauben an die Art von Dingen, die hier geschehen.” Sie war sehr gebend. Ich blicke auf mich selbst als eine Art Punk zurück, und daß ein Punk in die Küche kommt und versucht zu lernen, wie man Brot macht, verschreckte sie nicht. Sie zeigte es mir, und sie war sehr sanftmütig und verständnisvoll, als sie es mir beibrachte.

Im allgemeinen aber wollte ich von Erwachsenen in Ruhe gelassen werden. Mein besonderes Interesse während meiner Zeit an der Schule war, Freundschaften zu schließen, ein Unterstützungssystem aufzubauen, Dinge mit den anderen zu teilen, einander kennenzulernen. Ich habe nicht bewußt über diese Dinge nachgedacht. Ich war einfach ein Jugendlicher, ein kontaktfreudiger Jugendlicher.

Ich entschied mich, eine Thesenverteidigung zu machen, weil ich einen High-School-Abschluß haben wollte, aber auch weil ich die gesamte Erfahrung von Sudbury Valley erleben wollte. Niemand, der dort hinkommt, muß einen Abschluß machen, aber das war eine der Sachen, die für mich Erfolg bedeuteten. Es war nicht etwas, in das ich zufällig hineingeraten bin oder das ich in nur einem Tag geplant habe. Als ich daran arbeitete, verbrachte ich viel Zeit alleine, und einige Zeit mit meinem Ratgeber. Die Arbeit an der Thesenverteidigung faßte wirklich meine Erfahrung an der Schule zusammen und machte sie meiner Ansicht nach klarer.

Die Thesenverteidigung gab mir Selbstwertgefühl. Es lastete ein wirklicher Druck auf mir, welcher auch da sein muß. Ich machte eine kleine Bemerkung über Gott oder Religion oder so, und das öffnete das Tor. “Was ist dein Glaube an Gott?” und so weiter, und es ging in eine Richtung, die gut war. Es war eine Herausforderung.

Ich denke die Schule ist eine eindeutig positive Einrichtung. Ein Grund ist, daß sie genau so ist wie das, was sie zu vermitteln versucht. Mit anderen Worten: sie ist praktisch das Mittel und das Ziel. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Und ich kann dir aus meiner eigenen Erfahrung sagen, daß die Art von Streitfragen und Philosophien, für die Sudbury Valley eintritt, nun zentraler Bestandteil in meinem Leben sind.

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Kapitel 16

“Was mir Vertrauen gab, war die Umwelt der Schule, in der man solch einen großen Querschnitt der Menschheit hatte … Man hatte wirklich eine Menge, über das man nachdenken, und viele Erfahrungen, die man mit anderen teilen konnte.”

Ich wuchs in einer Gegend der oberen Mittelklasse auf, die eigentlich vor einer Menge von Dingen “geschützt” sein sollte, es aber nicht wirklich war. Das war eine schwierige Zeit, um aufzuwachsen. Der Vietnam-Krieg tobte. Schon bevor ich mit der Grammar School fertig war, hatte ich eine Menge von dem mitbekommen, was Unterdrückung ist, besonders im Zusammenhang mit Rassismus und Bürgerrechtsfragen. Mein Vater ging völlig darin auf. Er war einer der Freedom Riders, die runter nach Selma fuhren. Er war Lehrer einer öffentlichen Schule, und er ging zur Schulverwaltung und sagte: “Ich werde hinfahren. Ich muß das tun.” Sie respektierten ihn für das und sagten: “OK. Wenn du das tun mußt, dann mach es. Dein Job wird auf dich warten, wenn du zurückkommst.” Ich hatte schon in einem sehr frühen Alter Kenntnis von Ungerechtigkeiten.

Ich hatte sehr früh einige negative Erfahrungen in der öffentlichen Schule. Ich hatte große Schwierigkeiten, Lesen zu lernen, als ich in der ersten Klasse war und ich meine Lehrer offensichtlich frustrierte; aber es war wirklich widerlich, wie sie damit umgegangen sind. Ich kann mich erinnern, wie mein Lehrer am Ende des ersten Jahres vor der ganzen Klasse zu mir sagte: “Der einzige Grund, warum du hier bestehen wirst, ist, daß dein Vater ein Lehrer ist. Er wird dich den ganzen Sommer über im Lesen unterrichten.” Dann erinnere ich mich an eine Lehrerin in der zweiten Klasse. Sie war irgendwie exzentrisch. Einmal konnte ich ein “b” und ein “d” nicht auseinanderhalten, und sie flippte völlig aus und konnte es nicht hinnehmen. Sie erniedrigte mich vor der ganzen Klasse, indem sie sagte: “Seht, er kann nicht ein ‘b’ und ein ‘d’ auseinanderhalten. Könnt ihr euch das vorstellen?” Und das war noch nicht alles. Sie nahm mich zurück in meinen Klassenraum und erniedrigte mich noch mal vor meiner ganzen Klasse meinem Lehrer gegenüber: “Er ist so dumm, er kann nicht mal das hier.” Ich tobte vor Wut so sehr wie man es nur kann, wenn man sieben Jahre alt ist. Ich glaube, ich habe meinen Eltern nichts davon erzählt, weil ich mich zu sehr schämte und mich zu gedemütigt und wütend fühlte.

Es war deprimierend für mich. Aber dann hatte ich ein wirklich einmaliges Erlebnis im Sommer ‘69. Ich reiste mit meinen Eltern quer durch Europa, und ich traf viele Jugendliche, die im High-School-Alter waren, mit denen ich eine wirklich enge Freundschaft entwickelte. Das war zu einer Zeit, als “Hippies” vorherrschend waren, und ich paßte genau dazu, und ich fing wirklich an, zum ersten Mal ein gutes Gefühl mit mir selbst zu haben. Als ich zurückkam, um mein zweites Jahr an der Junior High School zu beginnen, bereiteten sie mir ständiges Leid bezüglich der Kleidervorschriften. In dem Alter bedeutet einem eine bestimmte Art auszusehen mehr als irgend etwas anderes; und gesagt zu bekommen “Deine Haare sind zu lang” oder “Du kannst nicht so aussehen oder das tun”, setzte schlagartig viel Ressentiment gegen die Verwaltung der Schule frei. So daß es eine willkommene Erleichterung war, als wir das erste Mal von Sudbury Valley hörten und ich dann zum ersten Mal hinging.

Mein ganzen Anliegen war: “Warum lassen mich die Leute nicht einfach in Ruhe, warum lassen die Leute mich nicht einfach mein eigenes Ding tun?” Und dann, als ich das erste Mal in der Sudbury-Valley-Umgebung war, war ich einfach sprachlos, ich wußte zuerst gar nicht, was ich damit anfangen soll oder wie ich es anpacken sollte. Aber ich habe wirklich bei mehreren Gelegenheiten gedacht, daß in dieser Zwangslage zu sein das beste ist, was mir je passiert ist, einfach in Ruhe gelassen zu werden und voranzugehen, in dem ich versuche, mir Klarheit für mich zu verschaffen und ich selbst zu sein und ein Selbstvertrauen zu entwickeln, etwas mit Leuten zu tun, die viel jünger oder auch die viel älter sind, und nicht die ganze Zeit drangsaliert zu werden.

Viele aus meiner unmittelbaren Familie und von meinen Verwandten haben mich oder meine Eltern jedenfalls nie verstanden. Nicht, daß wir mit den meisten von ihnen nicht zurechtgekommen wären, denn das taten wir ja, aber ich glaube, es gab eine Menge Skepsis: “Oh, was für ein völlig radikaler Ort. Die meinen das doch nicht ernst?!” Das wurde viel weniger ein Problem, als die Schule offiziell anerkannt wurde. Aber in den ersten paar Jahren, in denen die Schule geöffnet war, herrschte, da bin ich mir sicher, viel mehr Skepsis in der Gesellschaft vor, wenn sie erfuhren, wie die Schule war, weil es damals noch keine Chance gab, sich über Leute Gedanken zu machen, die als Schüler dieses System durchlaufen hatten.

Als ich neu auf der Schule war, gab es eine lange Zeitspanne, in der ich mich gewissermaßen zurücklehnte und dem Lauf der Dinge zusah und soviel ich konnte in mich aufnahm und versuchte, in meinem Kopf eine Menge Dinge zu ordnen. Am Anfang war mir mehr danach, in der Main Lounge rumzuhängen. Andere, die etwa in meinem Alter waren, verbrachten dort eine Menge Zeit; und dann gab es da einige jüngere, die ziemlich unterhaltsam waren. Nach etwa einem halben Jahr oder so wurde – warum auch immer – der Raucherraum der Ort, an dem man sich aufhielt. Wir wohnten dort. Ich liebte es auch, rauszugehen und ein bißchen auf dem Schulgelände umherzuspazieren, beim Teich und beim State Park.

Als ich gerade anfing, in diese Schule zu gehen, war ich aus vielen Gründen ziemlich verwirrt: meiner Erfahrung in öffentlichen Schulen sowie dem, was zu dieser Zeit in der Welt los war. Es war eine ziemlich harte Zeit, um aufzuwachsen! Als ich die Leute besser kennenlernte, entwickelte ich mehr Selbstvertrauen, indem ich einfach rumsaß und alles mögliche tat, vom Reden über Anthropologie bis zum Plaudern darüber, was man von bestimmten Dingen hält, welche Richtung man einschlug, und welche Erwartungen man im Leben hat. Was mir Vertrauen gab, war die Umgebung in der Schule, in der man einen so großen Querschnitt der Menschheit hatte, von Kindern im Alter von 4 Jahren bis zu jenen, die sich gerade auf ihren Schulabschluß vorbereiten. So hatte man wirklich eine Menge, über das man nachdenken konnte, und viele Erfahrungen, die man mit anderen teilen konnte. Ich denke, viele von uns, die in dieser Umgebung waren, entwickelten einen Vorsprung in allem von Kommunikationsfertigkeiten bis zum keine Angst haben, hinauszugehen und mit Dingen und Leuten zu tun zu haben.

Wir hatten Tage, an denen wir nichts anderes taten als rumzusitzen, den ganzen Tag Zigaretten zu rauchen, Musik zu hören und einfach zu reden. Wir hatten Tage, an den wir den ganzen Tag lang Monopoly oder verschiedene Spiele spielten, dauerhaft. Wir hatten Tage, an denen wir rausgingen und auf dem Gelände herumspazierten und mit verschiedenen athletischen Aktivitäten beschäftigt waren. Ich hatte Tage, an denen ich wirklich ganz und gar mit verschiedenen Arten der Kunst beschäftigt war, Keramik oder Malen, oder mit Leuten abhängen, die mit Fotografie beschäftigt waren. Ich hatte Tage, an denen ich einen guten Teil des Tages in der Bibliothek war und Bücher nach Zufall aus dem Regal nahm, ob es ein Rolling-Stone-Magazin oder eine Enzyklopädie war, und einfach dort saß und es las. Ich verbrachte eine Menge Zeit damit, Musik zu hören, da besteht gar kein Zweifel. Die ersten paar Jahre schien das der Fokus eines Großteils unserer Aufmerksamkeit zu sein, einfach abhängen und das tun. Ich hing gewöhnlich mit Peggy in der Dunkelkammer rum. Sie war ein Schatz. Ich habe mich nie richtig damit beschäftigt zu lernen, wie man Fotos entwickelt und all das, aber ich war mit Leuten zusammen, die das taten. An diesem Zeitpunkt begann ich, eines meiner Haupthobbies zu kultivieren, ein Amateurfotograf zu sein. Ich würde sagen, daß ich an dem einen oder anderen Punkt fast jeden Teil des Hauptgebäudes nutzte. In meinem letzten Jahr hatte ich sogar im Kunst-Raum etwas zu tun.

Dann, während meines letzten Jahres, hatte ich auch meinen ersten Job: für eine Geotechnik-Firma zu arbeiten. Ich machte alles, vom Sepiadrucke entwickeln bis Arbeit im Gelände mit Geologen. Ich arbeitete auch als Helfer einen Tischlers. So verbrachte ich gegen Ende meiner Erfahrung an der Schule mehr Zeit außerhalb des Schulgeländes als innerhalb. Aber das Konzept eines “offenen Schulgeländes” zu haben und zu sehen, was da draußen auf dem Arbeitsmarkt war, war Teil der Art wie dieser Ort geleitet wurde.

Ich brauchte den Raum zum Atmen wirklich, den die Schule mir bot, um in meinem Kopf einige Dinge zu ordnen bzw. darüber nachzudenken, was ich vielleicht tun wollen würde.

Über die Mitarbeiter abzustimmen, war eine ziemlich radikale Sache. Welcher Schüler hatte denn jemals etwas zu sagen, wer sein Lehrer sein würde? Es was natürlich total abgefahren, daß Schüler da Einfluß hatten. Die Mitarbeiter schienen immer in etwas eingebunden, mit etwas beschäftigt zu sein. Aber sie waren immer ziemlich da für uns, wenn es ein Problem oder ein Besorgnis gab, das wir ansprechen wollten oder eine Frage, die wir stellen wollten. Sie waren gewiß sehr bereit, das bißchen Zeit, das ich irgendetwas akademischem widmen wollte, mit mir zu verbringen.

Ich denke, daß jeder beteiligte Mitarbeiter etwas zu bieten hatte, aber mir ist, als erinnere ich mich, daß einige von ihnen womöglich auch selbst eine Menge Seelendurchsucherei betrieben haben, woran überhaupt nichts falsch ist …

Jan war, was seine Umgangsformen angeht, einer der aggressiveren Mitarbeiter. Einmal hatte ich aus Versehen eines der Fenster im Raucherraum zerbrochen, und ich kam hervor und sagte, daß ich das getan hatte. Er holte die Baumaterialien und sagte: “OK, geh und reparier das verdammte Ding!” Ich war verwundert, und ich schätze, daß ich nachher, als ich es repariert hatte, froh war, daß ich die Erfahrung gemacht habe zu lernen, wie man das macht. So war er eben. Er war sehr direkt in seiner Art und in seiner Herangehensweise.

Ich erinnere mich nicht, daß es irgendwelchen nennenswerten Vandalismus oder etwas in der Art gegeben hätte. Viele Jugendliche taten sowas aus ihrer Ablehnung gegenüber einer strukturierten Umgebung heraus. Aus der Zeit, bevor ich auf Sudbury Valley ging, kann ich davon einiges berichten. Ich meine, mich zu erinnern, daß, als ich ein früher Teenager oder noch jünger war, eine Menge Jugendliche aus Wut ganz in dieser Art von Dingen aufgingen. Ich erinnere mich nicht, daß so etwas jemals an Sudbury Valley passiert wäre, was daran lag, wie sie organisiert war.

Es gab eine Menge Besorgnis, als die Schule sich bemühte, anerkannt zu werden. “Was tun wir, wenn wir hiermit fertig sind und graduieren und es letztendlich nicht anerkannt wird?”, machten sich einige Sorgen. Es war auch nicht nur die Schülerschaft. Auch einige der Mitarbeiter fragten sich, ob sie in der Lage sein würden, jenen Leuten die Philosophie der Schule zu vermitteln bzw. sie dazu zu bringen, sie zu verstehen. Dann kam das Akkreditierungskomitee her und sah den Ort, und wie er geleitet wurde und was die Leute taten und was sie nach dem Verlassen der Schule erreicht hatten; das war der Zuckerguß auf dem Kuchen – die Schule wurde anerkannt.

Ich begann, die Schule mehr zu verstehen, als ich Schüler, die älter waren als ich, durch das System gehen und ihren Abschluß machen sah. Das ganze Konzept der Schule wurde klarer, als Leute diesen Prozeß durchliefen. Ich lehnte mich einfach zurück und beobachtete das alles. Tatsächlich ging mir die volle Bedeutung des Philosophie der Schule erst wirklich auf, als ich aus ihr heraus war und in das Erwachsenen-Leben eintrat; als ich ein Schwerpunkt-Gebiet fand, das mich interessierte, und das erste Mal in meinem Leben, aus einer akademischen Sichtweise, setzte ich mich hin und war diszipliniert dabei. Mein eigener Antrieb, meine eigene Motivation wurden angewandt auf das Gebiet, in das ich eindringen wollte. Im Grunde sagt die Schule, du bist verantwortlich für deine eigene Bildung, und wenn du ein bestimmtes Thema genau studieren willst oder welches Gebiet auch immer du betreten möchtest, du wirst Hindernisse auf dem Weg finden, aber wenn du dich damit befaßt und dich dem widmest, wird es klappen, und es wird eine größere Bedeutung haben, weil es aus deinem Inneren kommt.

Als für mich die Zeit kam abzugehen, war ich selbstbewußt, jedenfalls überwiegend. Ich hatte ein gutes Verständnis von mir selbst. Ich hatte eine Vorstellung von einigen verschiedenen Wegen, denen ich nachgehen könnte; nichts konkretes, aber ich war bereit, die Schule zu verlassen, um hinauszugehen und meinen Weg zu finden, und das ist also im wesentlichen, was ich getan habe.

Die Thesenverteidigung war, natürlich, ein bißchen beängstigend. Aber andere Leute, mit denen ich befreundet war, hatten das bereits hinter sich. Von ihrer Erfahrung und meiner Erfahrung an der Schule ausgehend war es wirklich nicht allzu schwer.

Eines der Dinge, die die Schule für mich tat, war, daß ich kein Problem damit habe, mich vor eine Gruppe von Leuten hinzustellen und zu reden. Solange ich weiß, wovon ich rede und warum ich etwas sagen will, macht es mir nichts aus. Ich habe das gelernt, indem ich Teil der Schulversammlung war und indem ich eine Gelegenheit hatte, angehört zu werden, bevor ich graduierte. Und dann durch den Vorgang der Thesenverteidigung, indem ich vor der Schülerschaft, den Mitarbeitern, den Beiratsmitgliedern und so fort stand.

An Sudbury Valley wurde uns die Gelegenheit gegeben, wir selbst zu sein, und unsere eigenen Interessen und akademischen Bestrebungen als Individuen zu kultivieren, aber uns wurde nicht einfach so der Abschluß ausgeteilt. Als Gegenleistung mußte uns, jedem Einzelnen, bewußt werden, wann wir bereit waren, hinauszugehen und dem nachzugehen, was auch immer wir vorhatten zu tun, und wir mußten das all den beteiligten Leuten vermitteln. Uns wurde überlassen zu tun und zu verfolgen, was wir wollten, aber wenn wir bereit waren abzugehen, mußten wir rüberbringen, daß wir zumindest teilweise “beieinander” waren, verantwortungsvoll genug, um in die Welt hinauszugehen zu können.

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Kapitel 29

“Man kann mit etwas nicht einfach aufhören, nur weil jemand einem erzählt, man sei nicht gut oder man könne dies nicht tun, oder er ist nicht daran interessiert, was man macht. Man muß tun, was einem selbst richtig erscheint.”

Ich weiß nicht, ob ich wirklich alles über die Schule sofort verstanden hatte, aber was ich verstand, war, daß ich sie liebte. Es war ein Ort, wo ich sein wollte. Und das blieb so, bis es Zeit für mich war, weiterzugehen!

Die meiste Zeit als kleines Kind habe ich gespielt. Ich liebte es zu erforschen. Wir verbrachten viel Zeit damit, in den Wald zu gehen, Festungen zu bauen. Wir bauten verblüffende Pinien-Nadel-Forts, die wir über das ganze an die Schule angrenzende Land verteilt errichteten. Sie waren sehr, sehr geheim, obwohl ausgewählten Leuten erlaubt wurde, mit dort hinaus zu kommen und von ihnen zu erfahren. Es ist eine Tatsache, daß, als ich anfing, damit zu tun zu haben, es einige ältere Kinder gab, die sie bauten; und sie brachten mich und ein paar andere hinaus, um sie zu sehen; und dann fanden wir heraus, wie man es tut, also begannen wir unsere eigenen geheimen. Wir dachten, das wäre so cool!

Wir waren im Winter, Sommer, Herbst und Frühling draußen. Es gab überhaupt keinen Unterschied. Im Winter schleppten wir die Schlitten die Pfade hinauf. Wir fuhren diesen großen, langen Hügel im Callahan State Park hinunter. Dort waren während des Tages auch immer Skimobile, und wir haßten sie. Wir waren Natur-Kerle! Wir benutzten nie etwas mit Energie, und wir waren sehr dagegen. Eines Tages fuhren wir mit einem riesigen Dreieinhalb-Meter-Schlitten den Hügel hinunter. Wenn man den Hügel herunterkam, führte der Weg in ein Feld; man fuhr einfach weiter den Weg runter und kam schließlich einfach zum Stehen. Wir kamen zum unteren Teil des Hügels und sahen ein Skimobil herunterkommen. Wir sprangen alle zur gleichen Zeit ab und der Schlitten fuhr direkt in das Skimobil, wobei der Schlitten und das Skimobil des Typs entzwei gingen.

Manchmal wünschte ich, daß an Sudbury Valley mehr Schüler wären. Als ich etwas älter wurde und ich mich für Mädchen interessierte, interessierte ich mich nie für die Mädchen, die mir vom Alter her nahe waren, nur für die ältere Mädchen, es schienen nie genug Schüler da zu sein. Aber es machte mir eigentlich nicht so viel aus. Ich hatte Freude an allen. Ich finde einfach Gefallen an anderen.

Ich liebte es, mit Margaret zu kochen. Das großartige an Margaret war, daß, wenn du mit ihr gekocht hast, sie dir zeigte, wie man etwas tut, und du es getan hast. Und dann, während du gewartet hast, daß die Dinge backen oder kochen oder was auch immer, setzte sie sich hin und erzählte dir diese unglaublichen Geschichten. Sie hatte immer eine tolle Geschichte, und sorgte so dafür, daß wir immer sehr unterhalten waren.

Das erste Mal, daß mir bewußt wurde, daß ich aktiv etwas lerne, war eines nachts, als ich ungefähr sieben war. Ich nahm ein Buch zur Hand, das zu lesen ich nie in der Lage gewesen war (mir aber oft vorgelesen wurde) und las das ganze Ding, und ich war so ergriffen! Von diesem Tag an, konnte ich lesen, einfach so. Es gab Worte, deren Bedeutung ich erfragen mußte, aber ich konnte die Worte lesen nach dieser Nacht. Als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, las ich mittlerweile eine Menge. Später las ich viel von Shakespeare, Griechische und Römische Tragödien, ein bißchen Thoreau und Steinbeck, und ich interessierte mich sehr lange Zeit sehr für Theaterstücke.

Ich hatte das Gefühl, daß es bei außenstehenden Leuten eine Erwartungshaltung gab, es wurde ein bißchen Druck auf einen ausgeübt, wenn die Leute einen fragten, was man in dieser Schule tut, und wie man dort lernt. Als ich etwas älter wurde, sagte ich immer: “Ich weiß ebensowenig wie der nächste.” Und ich bin wahrscheinlich viel weniger unwissend, da ich die Erfahrung, auf Sudbury Valley zu gehen, hatte. Ich hatte Freunde, die so rebellisch auf alles waren, so daß sie, als sie aus der öffentlichen High School herauskamen, nicht wußten, was sie tun oder wer sie sein wollten. Und sie waren die gleichen Leute, die zu mir sagten: “Du gehst auf diese Schule. Wie kannst du überhaupt etwas lernen?”

Ich griff zur Gitarre, als ich sieben oder achte Jahre alt war. Ein Schüler an der Schule brachte mir meine ersten Lektionen bei. Zu dieser Zeit hatte keines des jüngeren Kinder, das ich kannte, irgendein Interesse, Musik zu spielen. Also begann ich, an ein paar unterschiedlichen Orten in der Gegend Unterricht zu nehmen. Es waren einfach die Grund-Methoden-Bücher, aus denen sie es uns beibrachten, und ich fand es schnell langweilig und hörte auf. Dann nahm ich für eine Weile klassiche Gitarre, was ich wirklich liebte, aber es war zu schwer für mich.

Ich spielte zuhause. Es gab an der Schule Teenager wie Dominic, den ich für großartig hielt, weil er all den Schwung hatte, und er konnte schnell spielen: Er konnte Songs direkt von der Schallplatte lernen, was ich nicht konnte, so daß ich mich fast in Verlegenheit gebracht sah. Aber ich saß zuhause mit meiner Gitarre und spielte. Mein Dad hatte diese alte Spule-zu-Spule-Tonbandmaschine von einem Freund von ihm, und ich fand heraus, daß, wenn man seine Gitarre direkt in die Eingangsbuchse, in die das Mikro reinkommt, reinsteckt, halb rein, konnte man eine Verzerrung erzeugen, und das klang gut. Also das war mein Verstärker, ein Spule-zu-Spule-Tonbandrekorder! Später, als ich etwa 14 war, kaufte ich ein großes altes Lautsprechergehäuse mit Zwölf-Zoll-Sprechern, und ich setzte meinen Band-Rekorder-Verstärker oben drauf. Das war irgendwie lustig.

Da war ein Jugendlicher, Gene, der Schlagzeug an der Schule spielte, und er und ich jammten eine Menge. Jemand anderes jammte auch mit uns. Dann sagte Genes Vater mir, daß er nicht will, daß sein Sohn mit mir zusammen spielt, weil Gene ein viel besserer Musiker war als ich es je sein würde, und er konnte seinen Sohn nicht mit mir spielen lassen!

Das erdrückte mich, aber ich spielte weiter, und bis zum heutigen Tag betreibe ich es, egal welche Kommentare ich bekomme, weiter. Das ist etwas, das die Schule mir beigebracht hat. Man kann nicht einfach mit etwas aufhören, nur weil jemand einem erzählt, man sei nicht gut oder man könne dies nicht tun, oder er ist nicht daran interessiert, was man macht. Man muß tun, was einem selbst richtig erscheint. Man macht einfach weiter und man lebt sein Leben; man wird fertig damit und geht weiter, und man tut das, was einem wichtig ist.

Nehmen wir an, jemand spielt und es ist schrecklich. Wenn er mich nach meiner Meinung fragt, würde ich ihm wahrscheinlich die Dinge sagen, die er falsch macht, und ihm dann Tips geben, wie er darangehen könnte, es besser zu machen. Ich würde nie irgendjemandem sagen: “Gib es auf. Tu es nicht.”, weil ich davon überhaupt nichts halte. Ich glaube, wenn jemand mit dem, was er tut, beschäftigt ist, und es liebt, dann wird er, wenn er dazu nicht talentiert ist, es ganz allein herausfinden. Ich für meinen Teil hatte viel Vertrauen in das, was ich tat.

Als ich bereit war, die Schule zu verlassen, war ich mittlerweile zu der Entscheidung gekommen, daß Musik der bedeutendste Teil meines Lebens ist. Eine meiner ersten Erinnerungen an die Schule war Musik gewesen. Das war Ende der 60er, als es einen Schmelztiegel großartiger Experimentalmusik gab. Ich hörte all diese fantastische Musik als sechs oder sieben Jahre altes Kind: The Beatles, The Rolling Stones, The Who, The Doors, und mir war bis vor kurzem nicht klar geworden, wie wichtig diese Bands für mich waren. Das war es, was mich dazu brachte, mich mit Musik zu beschäftigen. Als ich älter wurde, waren diese Bands nicht mehr so supermodern. Da war eine große 70er-Woge von Pop-Rock-Bands, und ich wurde vom Mainstream eingeholt; es war anders als die frühen Bands, aber eigentlich nicht. Es schien nur so, weil es alles in einem Dunstschleier verhüllt war. Und ich ging weiter, graduierte und bewegte mich weiterhin in diese Richtung, und bis vor vielleicht fünf Jahren war mir nicht klar, daß die wirkliche Musik für mich jene Bands waren, die ich als Kind gehört habe. Sie waren meine Lehrer.

Musik war in meiner Peergroup an der Schule die gemeinsame Bindung zwischen allen von uns. Wir unterhielten uns über Musik und wir erforschten die Musik zusammen. Ich erinnere mich, als Alan ein Cembalo baute und alle in ehrfürchtiges Staunen versetzt waren. Wir taten alle verschiedene Dinge, aber wir schienen sie gemeinsam zu tun.

Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, ein Erwachsener zu sein. Ich hatte das Gefühl, daß ich alles gelernt hatte, was ich innerhalb der Schule lernen konnte, und mittlerweile hatte ich mich mit Leuten angefreundet, die nicht auf der Schule waren, und ich wollte mehr Leute treffen. Ich hatte das Gefühl, daß es Zeit ist, mich weiterzubewegen. Aber meine Erinnerungen an die Schule sind wahrscheinlich die liebevollsten meines Lebens.

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