Kurzkonzept

eine konsequent freie und demokratische Schule für Berlin und das nahe Umland

Vorwort: Eine Schule für die Welt von Morgen

Die Welt, in der wir heute leben, verändert sich in atemberaubendem Tempo und wird sich künftig noch schneller verändern. Die heutige Arbeitswelt unterscheidet sich bereits deutlich von jener der 60er oder 80er Jahre. Wenn die heutigen Kinder in das Berufsleben eintreten, werden sie Bedingungen vorfinden, die mit denen früherer Generationen nur noch schwer vergleichbar sind. Eine Schule, die auf diese Veränderungen optimal vorbereiten will, bedarf daher einer auf ständige gesellschaftliche Veränderungen ausgelegten Struktur sowie einer neuen Sicht auf das Lernen.

In Zukunft werden immer mehr automatisierbare Arbeiten von Maschinen übernommen. Gleichzeitig steigt der Anteil der Aufgaben, zu deren Lösung Kreativität notwending ist.

Wir können uns heute nicht mehr allein auf das in der Schule gelernte Wissen verlassen. Wir – und umso mehr die heutigen Kinder – werden darauf angewiesen sein, immer wieder hinzuzulernen, wenn wir nicht von aktuellen Entwicklungen abgehängt werden wollen. Wir müssen nicht jederzeit nachschlagbares und schnell veraltendes Wissen auswendig lernen. Wichtiger ist es, die allen Kindern anfangs zueigene natürliche Freude am Lernen zu erhalten.

Außerdem werden – neben der Fähigkeit, mit anderen zu kooperieren – Eigeninitiative und Eigenverantwortung wichtiger als je zuvor. Kinder müssen in einer modernen Schule lernen, ihr Leben selbst zu gestalten.

Unser Anliegen

Wir sind der Überzeugung, daß Kinder und Jugendliche am besten lernen, wenn sie nicht dazu gezwungen oder gedrängt werden und wenn sie ihre Lernumgebung auf demokratische Weise mitgestalten können.

Deshalb wollen wir eine Schule gründen, die diese Voraussetzungen erfüllt. Vorbild ist für uns dabei die Sudbury Valley School im US-Bundesstaat Massachusetts, die seit 37 Jahren erfolgreich nach diesen Prinzipien arbeitet. Weltweit gibt es inzwischen mehr als 30 Schulen, die sich – in Anlehnung an das Original – „Sudbury-Schulen“ nennen.

Wir haben uns vorgenommen, eine Sudbury-Schule in Berlin zu eröffnen.

Ein Ort zum Leben und Lernen

Lernen ist ein ganz natürlicher Teil des Lebens. Deshalb erinnert unsere Schule weniger an ein tristes Verwaltungsgebäude, sondern ist viel mehr ein wohnlich und einladend eingerichtetes Haus, mit Sesseln und Sofas, Schrankwänden voller Bücher, einer Küche und vielem mehr. Klassenräume findet man bei uns nicht. Dafür aber ein Außengelände mit viel Grün. Die Schule bietet etwa 30 Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 19 Jahren Platz.

Selbstbestimmung

Lernen ist nicht das Ergebnis von unterrichtet werden. Lernen ist ein aktiver Prozeß. Und er ist am effektivsten, wenn die Initiative vom Lernenden selbst ausgeht. Kinder sind neugierig. Sie entdecken und erkunden die Welt, in der sie leben – man muß sie nur lassen.

An unserer Schule entscheiden die Kinder und Jugendlichen selbst, wie sie ihre Zeit verbringen. Jeder kann seinen Interessen solange nachgehen, wie er will. Niemand wird gezwungen oder gedrängt, bestimmte Dinge zu lernen oder an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen. Die Schüler können den ganzen Tag alleine oder mit anderen spielen, sich unterhalten, ein Buch lesen, Sport treiben, am Computer arbeiten, Musik machen, in der Küche etwas kochen oder backen, sich handwerklich betätigen, anderen einfach zusehen, Aufgaben in der Schule übernehmen, sich langweilen oder ihrer Kreativität freien Lauf lassen; sie können sich auch von einem Mitarbeiter oder einem anderen Schüler etwas erklären lassen oder sich zurückziehen und sich intensiv mit einem Thema beschäftigen. Unterricht im klassischen Sinne findet nur statt, wenn Schüler dies ausdrücklich verlangen.

Genauso wie es die Lebensfreude beeinträchtigt, wenn man das eigene Leben nach einem Drehbuch ausrichten muß, welches andere für einen geschrieben haben, so wird auch das Lernen zur Last, wenn es einem Lehrplan untergeordnet wird. An unserer Schule führt jeder Schüler selbst die Regie über sein Leben und sein Lernen. Er sieht, was andere Schüler tun, und bekommt mit, was die Anforderungen an ein erfolgreiches Leben als Erwachsener sind. Jeder Schüler ist für seine Bildung selbst verantwortlich. Die Schule unterstützt die Schüler, aber sie mischt sich nicht ungefragt ein. Die Erfahrung der mehr als drei Jahrzehnte währenden Arbeit der Sudbury Valley School zeigt, daß das Vertrauen, das wir Schülern entgegenbringen, nicht unbegründet ist.

In diesem Sinne sehen wir auch keinen Grund, Schüler durch Zensuren oder anderweitig zu bewerten. Wir wollen nicht, daß Schüler sich von dem Urteil anderer abhängig machen. Sie allein müssen ihren Weg finden.

Schulabschlüsse können durch externe Prüfungen erworben werden.

Altersmischung

Im realen Leben haben Menschen ganz verschiedenen Alters und ganz verschiedener Erfahrung miteinander zu tun, ohne daß das etwas Besonderes wäre. Auch in der Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg werden die Schüler nicht nach dem Alter getrennt. Es gibt keine Klassenstufen.

So können Schüler verschiedenen Alters voneinander lernen. Oft ist es für sie leichter, von Schülern zu lernen, die ihnen zwar auf dem konkreten Gebiet ein ganzes Stück voraus sind, aber in anderen Gebieten mit den gleichen Schwierigkeiten wie sie selbst zu kämpfen haben. Erwachsene sind gerade den jüngeren Kindern häufig schon so weit voraus, daß sie schon gar nicht mehr dieselbe Sprache sprechen.

Gleichzeitig profitiert auch der erfahrene Schüler, indem er beim Erklären eines Sachverhalts herausfindet, inwieweit er ihn selbst schon verstanden hat. Denn um jemandem etwas erklären zu können, muß er zunächst selbst ein klares Bild davon haben.

Den größten Teil der Zeit verbringen die Kinder und Jugendlichen mit Menschen, die nur ein oder zwei Jahren jünger oder älter sind, und einen kleineren – aber nicht unbedeutenden – Teil mit Leuten, die deutlich jünger oder älter sind. Altersmischung beschleunigt die persönliche Entwicklung erheblich.

Gleichberechtigung

Kinder, Jugendliche und Mitarbeiter der Schule bilden eine demokratische Gemeinschaft, in der jedem einzelnen der gleiche Respekt zukommt und niemand höher gestellt ist als andere. Menschen jeden Alters haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Demokratie

Schulen des Sudbury-Typs sind demokratische Schulen. Alle Angelegenheiten der Schule werden durch die wöchentliche Schulversammlung geregelt, in der jeder Schüler und jeder Mitarbeiter eine Stimme hat.

Unsere Schule ist alles andere als eine „Schule ohne Regeln“. Aber diese Regeln werden von der Schulversammlung diskutiert und auf demokratische Weise beschlossen. Die Erwachsenen können dabei ohne weiteres überstimmt werden. Entscheidungen, an denen sich jeder beteiligen kann, werden eher akzeptiert als einseitige Anordnungen. Durch die Schulversammlung entwickeln Schüler jeden Alters ein ausgeprägtes Demokratie-Verständnis.

Eine weitere Aufgabe der Schulversammlung ist die Wahl von Zuständigen für diverse Aufgaben in der Schule.

Rechtsstaatlichkeit

Um Beschwerden über die Verletzung von Regeln kümmert sich das sogenannte Justizkomitee. Es besteht aus mehreren Schülern und einem Mitarbeiter und entscheidet, wie mit Verstößen gegen die gemeinsam beschlossenen Regeln umgegangen werden soll. Dabei gilt jeder Beschuldigte als unschuldig, solange ihm in einem fairen Verfahren nicht die Verletzung einer Schulregel nachgewiesen werden kann. Entscheidungen, die als ungerecht empfunden werden, können angefochten und müssen dann vor der Schulversammlung erneut diskutiert und abgestimmt werden. Vor dem Justizkomitee werden Schüler und Mitarbeiter gleichermaßen zur Verantwortung gezogen.

Werte wie Friedfertigkeit, Toleranz usw. werden an unserer Schule nicht „anerzogen“ – sie sind vielmehr direkt erlebbar.

Mitarbeiter

Da die Schüler hauptsächlich alleine oder von anderen Kindern lernen und Erwachsene nur gelegentlich zu Rate ziehen, sehen wir die an der Schule arbeitenden Erwachsenen nicht in erster Linie als Lehrer an. Sie sind Ansprechpartner für die Schüler, aber kümmern sich auch um alles, was zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs erforderlich ist. Wir bezeichnen sie deshalb als „Mitarbeiter“.

An den meisten Schulen bekommen die Schüler die Lehrer bzw. sonstigen Angestellten einfach vorgesetzt; bei uns entscheidet jedes Jahr die Schulversammlung, wer als Mitarbeiter weiterbeschäftigt bzw. neu eingestellt wird. Da die Mitarbeiter für die Schüler da sein sollen, müssen diese auch entscheiden dürfen, mit welchen Erwachsenen sie es in der Schule zu tun haben möchten.

Neue Schüler

Für Schüler ist der Einstieg in die Schule während des ganzen Jahres möglich. Die Erfahrungen der bestehenden Sudbury-Schulen zeigen, daß jene Kinder, die von Anfang an über ihr Lernen selbst entscheiden, keine Probleme mit dieser Schulform haben.

Schülern, die hingegen zuvor eine traditionelle Schule besucht haben, fällt es deutlich schwerer, mit der Freiheit und Selbständigkeit umzugehen. In den ersten Monaten erleben sie oft eine Phase von Orientierungslosigkeit und erdrückender Langeweile, und warten darauf, daß ihnen endlich jemand sagt, was sie tun sollen. Aber irgendwann wird ihnen die Langeweile zu groß, und sie fangen an, sich selbst wichtige Fragen zu stellen wie: „Was ist mir wichtig?“ „Was möchte ich machen?“ „Wer bin ich eigentlich?“ „Warum kann ich nichts finden, das mich interessiert?“ „Was muß ich tun, damit dieses und jenes passiert?“ Letztendlich entwickeln sie eigene Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben gestalten wollen und finden Dinge, für die es sich lohnt, sich anzustrengen.

Wechsel auf eine traditionelle Schule

Den manchmal, z.B. bei einem Umzug, unvermeidbaren Wechsel auf eine traditionelle Schule bewältigen die Schüler erfahrungsgemäß recht gut. Wenn sie motiviert sind, den Wechsel zu schaffen, können sie Dinge, die sie bisher noch nicht gelernt haben, innerhalb kurzer Zeit hinzulernen.

Ergebnisse

Obwohl sich Sudbury-Schulen die Maßstäbe traditioneller Schulen nicht zu eigen machen, zeigt die Erfahrung mit Abgängern der Sudbury Valley School, daß sie ohne weiteres mit Schülern traditioneller Schulen mithalten können und sie in einigen Bereichen deutlich übertreffen. Von den etwa 80% der Absolventen der Sudbury Valley School, die auf ein College gehen, werden fast 90% vom College ihrer Wahl angenommen – und das ohne irgend welche Zensuren oder Empfehlungsschreiben. Die meisten Abgänger erhalten den von ihnen angestrebten Beruf. Abgänger von Sudbury-Schulen sind verantwortungsvolle, tolerante und offene Menschen. Und – was wohl die beste Definition für Erfolg ist – sie sind glückliche Menschen.